Wann immer ich seine Hand berühre, wird meine ganz nass.

Er steht mir gegenüber. Schaut erst unentwegt in meine Augen, dann schließt er sie und entspannt. Ich streichle seine Handinnenflächen, seine Arme. Fühle mich unwohl. Fünf Minuten lang soll ich ihn "verwöhnen", mich vergessen und irgendwie seine Bedürfnisse erahnen. Kurz: seine Hände streicheln.

Ein Samstagnachmittag in Berlin. Knapp 20 Teilnehmer nehmen am "Layers of Intimacy"-Workshop im Berliner Schwulenzentrum "The Village" teil. Indirektes Licht erhellt den großen Raum. Auf dem Boden liegen Kissen. Meditationsmusik läuft. Was an dem Ensemble nicht gleich zu erkennen ist, aber alle hier Anwesenden wissen: Es geht um Sex.

Layers of Intimacy Foto: Mark Mark

Zweimal fand "Layers of Intimacy" statt. Valentin Rion war einer der Leiter des Workshops. Er ist Sexarbeiter, Kulturaktivist und Tänzer. Eigens für die Ausstellung "Objects of Desire" im Schwulen Museum wurde der Workshop konstruiert. In der Ausstellung geht es um alltägliche Geschichten von Sexarbeitern.

Wir werden heute verschiedene Übungen durchführen, die uns das Thema "Sexarbeit" näher bringen sollen, erklärt Valentin. Es geht um Intimität, sich fallen zu lassen, auf andere zuzugehen. Während des ganzen Workshops bleiben alle Teilnehmer angezogen, keiner hat Sex oder muss Grenzen überschreiten, die er oder sie nicht überschreiten möchte. Wieso das Ganze?

"Sexarbeit ist Arbeit! Und bestimmte Teile dieser können auch als solche erkundet und vermittelt werden. Der Workshop stellt die Frage, wie ähnlich und relevant die Kompetenzen von Care Taking und Intimität mit Fremden in anderen Arbeitsfeldern sind", erklärt Rion. Der Workshop soll eine Erlebnisplattform sein, um sich mit dem eigenen Körper und eben mit Sexarbeit auseinanderzusetzen, "ohne direkt sexuelle Dienstleistungen anzubieten oder zu nutzen".

Layers of Intimacy Foto: Mark Mark

So wie ich nun hier stehe und meinen Partner streichle zum Beispiel. Nähe zu jemandem aufbauen, den ich nicht kenne. Seine Bedürfnisse erkunden und mich für einen Moment vergessen. Es folgen weitere Aufgaben, in denen wir mit immer wechselnden Partnern tanzen, massieren, Wörter zurufen: "Tiger" – "Affe" – "Hund" – "Penis" – "Anus” – "Vagina" – "Blowjob".

Die Kursleiter verbinden uns die Augen mit schwarzen Satinbändern. Jemand nimmt mich an der Hand, führt mich durch den Raum, zieht Kreise, hin und her. Ich verliere die Orientierung, weiß nicht mehr, wo ich stehe.

Kontrolle verlieren. Darin Sicherheit erfahren. Ich kann langsam loslassen und mich auf die anderen Kursteilnehmer einlassen. Die Gesichter werden mir vertrauter, ich filtere, zu wem ich mich hingezogen fühle und komme dadurch ganz automatisch auch mir selbst näher.

Layers of Intimacy Foto: Mark Mark

Jede Bewegung, jede Berührung, jede Begegnung wirkt in diesem Raum merkwürdig bedeutungsschwanger. Daraus entstehen Zweifel. Ich muss hier etwas lernen. Ich muss mich öffnen. Ich lerne etwas über Sexarbeit. Hin und wieder die Frage: Was soll der Schwachsinn eigentlich? Hat das wirklich was mit Sexarbeit zu tun? Zum Schluss sollen wir mit verbundenen Augen zu Norah Jones tanzen. Ich bin peinlich berührt. Ein Kursteilnehmer fasst mich an der Hüfte, leitet meine Bewegungen, verströmt mit Orangenöl Aroma.

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Am Ende setzen wir uns alle noch einmal zusammen. Wie uns der Kurs gefallen habe, fragt Valentin. Während die anderen die Parallelen zur Sexarbeit ziehen, denke ich darüber nach, ob mir der Kurs etwas gebracht hat.

Ich sitze in einem Raum voller fremder Menschen, die ich teils auf sehr intime Art berührt habe. Ich habe mich nackt gemacht, ohne mich auszuziehen. Der Kurs hat mich über meine Grenzen gehen lassen, auch wenn das erzwungen war. In den Bedürfnissen eines anderen findet man auch einen Teil von sich selbst – quasi Selbstaufgabe zur Selbstfindung. Ein schöner Gedanke.

Falls du dich für die Kurse von "The Village" interessierst, kannst du dich hier informieren.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion