"Wenn jemand die Boys in unserer Band fragt, wie es ist, wenn eine Frau in den Band das Sagen hat, dann danke, dass Interview ist vorbei. Bye!"

Den richtigen Bandnamen zu finden, ist für jede Gruppe wohl eine der größten Herausforderungen. Schließlich sendet man damit auch gewisse Signale aus. Die Welt nimmt einen so wahr – für immer. Oder zumindest so lange, wie der Bandname existiert. Bei Sängerin Anastasia "Stars" Walker und ihren beiden Freunden Ross Cameron und Richard Gartland, stand am Ende der klangvolle Name "Bang Bang Romeo".

Was zur Hölle wollen sie damit denn ausdrücken? Naja, das Bang erklärt sich fast von alleine, denn ihre Songs sind laut, stolz und tonangebend. Ein echter Urknall, wenn man so will. Und Romeo? Naja, der Liebe haben sich die drei Freunde auch verschrieben. Eine Mischung die ziemlich gut ankommt.

Zuletzt waren sie als Support mit Pink auf Europatournee, 2020 werden sie ihre erste eigene Tournee in Deutschland spielen. Alles ziemlich aufregend für die Band aus dem britischen Doncaster, die seit 2015 zusammen Musik macht.

Ihre Songs klingen pathetisch, jeder einzelne. So, als ob er für eine bombastische ESC-Bühne geschrieben wurden wäre. Derart viel Opulenz in Popmusik hat einen Grund. Für Sängerin Stars, die gerne mal als die neue Beth Ditto gefeiert wird, bedeutet ihre Band Bang Bang Romeo und auch das aktuelles Album "A Heartbreaker’s Guide To The Galaxy", eine Botschaft in die Welt zu tragen. Das man mehr sein kann, wenn man will, dass man sich einfach so geben kann, wie man will – egal, was die anderen vielleicht denken oder über dich sagen.

Gerade deswegen gehören die Themen Feminismus, Body-Positivity und Self-Love zum Selbstverständnis des Trios, das mit Ross und Richard zwar mehr männliche Mitglieder hat, in der Öffentlichkeit aber sehr oft auf Stars reduziert wird. Dass sie solches Schubladendenken wie "Female-fronted Band" gar nicht mal so geil finden, wird im Interview mit Sängerin Stars schnell klar.

Aber nicht nur das stört das Trio – im NOIZZ-Interview redet Sängerin und Frontfrau Stars ganz offen über die Dinge, die sie in unserer Gesellschaft frustrieren, aber auch, was sie inspiriert.

"Schönheit liegt im Auge des Betrachters" – das Interview mit Stars von Bang Bang Romeo

NOIZZ: Euer Song "Love Yourself" mit Example ist eine Hymne über Selbstliebe und dass man keine Angst davor haben sollte, so zu sein wie man sein will. Wie viel bedeutet euch der Song?

Stars: Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig von Social Media umgeben sind – und dadurch auch einen gewissen Druck verspüren, scheinbar immer perfekt sein zu müssen. Ständig der oder die Beste bei allem zu sein – aus irgendwelchen Gründen. Selbst wenn die Ziele oder Vorbilder unerreichbar für dich sind. Die Frage ist aber, wie weit du dein Leben davon beeinflussen lässt. Wir vergessen das zu lieben, was wir schon an uns haben.

NOIZZ: Also wollt ihr mit dem Song anderen Mut machen?

Stars: Ja! Wir wollen immer hübscher, dünner oder jemand anders sein, als wir es gerade sind. Aber das ist doch der völlig falsche Ansatz. Es ist irre, dass es so weit gekommen ist. Ansatzweise sehe ich das auch bei meiner Freundin: Ich wünschte mir, sie könnte sich mit meinen Augen sehen. Dann würde sie sehen, dass sie perfekt ist und dass sie sich keine Gedanken machen muss. Wenn wir alle etwas relaxter werden, würden wir uns alle wieder mehr mögen: unsere Partner, unsere Freunde und wir uns selbst auch. Der Song hat eine universelle Botschaft, aus der jeder etwas für sich ziehen kann.

NOIZZ: Du bringst es auf den Punkt: Wir machen uns selbst den größten Stress mit allem und lassen uns von anderen stark beeinflussen. Euer Album endet aber mit dem Song "Beautiful World" – ist das, wie ihr die Welt trotz allem seht?

Stars: Naja, das Album soll dich ja auf eine Art Reise mitnehmen. Du sollst für einen Moment lang die Welt mit all ihren Sorgen, Ängsten, aber auch Freuden verlassen. "Beautiful World" ist der Song, wo du dich mitten im All befindest, alles hinter dir gelassen hast und die Welt friedlich von oben betrachten kannst. Aber ja, das ist schon eine sehr romantische Sichtweise. Wir haben halt nur diese eine Welt – wir sind zwar keine direkt politische Band, aber wir wollten darauf aufmerksam machen, dass wir diese Chance nutzen sollten.

NOIZZ: Ihr arbeitet in der Band alle gemeinsam an eurer Musik, trotzdem werdet ihr oft als female-fronted bezeichnet. Nervt euch das nicht?

Stars: Ich hasse das. Es reduziert uns, wenn man uns als "female-fronted Band" bezeichnet. Mein Gender hat doch überhaupt nichts damit zu tun, was die Band ausmacht. Niemals würde man hören "Oh, das ist eine male-fronted Band!" Das hört man nie! Wieso? Ah, ja genau – weil es dumm ist! Es ist einfach nur sexistisch. Es ist einfach nur Zufall, dass ich eine Frau bin, die die Frontfrau einer Band ist. Ich hab‘ der Gesellschaft doch vielmehr zu bieten, als meine Brüste. Also, um das klarzustellen: Wir sind keine female-fronted-Band. Wir sind eine Anastasia-fronted Band. So!

NOIZZ: Glaube, viele betonen diesen Fakt auch so stark, weil es eben einfach noch immer ungewöhnlich ist. Hast du das Gefühl, Frauen müssen in der Musikindustrie mehr geben und härter arbeiten, als Männer?

Stars: Ich glaube, die Tatsache, die eigentlich ungewöhnlich ist, ist, dass Leute noch immer denken, es sei ungewöhnlich. Ist es eben bei Weitem nicht mehr. Man schaut halt nur nicht genau hin. Immerhin, es bessert sich langsam. Wir sollten aufhören, Bands oder Künstler nur in Geschlechterrollen zu betrachten. Wenn eine Band mit Affenkostümen auftritt, findet das keiner bemerkenswert. Niemand würde deswegen der Band mehr Beachtung schenken, weil es lächerlich wäre. Wir sollten uns einfach die Musik sprechen lassen.

NOIZZ: Glaubst du daran ändert sich was?

Stars: Ja, natürlich! Es muss sich ja auch etwas tun. Zum Beispiel: Wenn wir ein Interview geben – und davon gab es viele – und die beiden Boys werden gefragt: Wie ist es für euch, dass eine Frau das Sagen in der Band hat? Dann sage ich: Danke, das Interview ist beendet. Solche Zeichen musst du setzen. Du musst herausstechen und den Leuten zeigen, dass es nicht okay ist, so zu denken.

NOIZZ: Du wirst oft mit Beth Ditto verglichen. Schmeichelt dir das?

Stars: Total! Ich liebe sie, sie ist eine großartige Sängerin und eine Powerfrau. Sie ist eine große Inspiration, auch für mich persönlich. Ich liebe sie. Aber gleichzeitig bin ich da ein bisschen zwiegespalten: Es ist halt auch ein Vergleich zwischen zwei fetten Frauen, die eben Musik machen. Und das ist so … so oberflächlich. Das wird Beth nicht gerecht und es wird mir auch nicht gerecht.

NOIZZ: Glaubst du, da spielt auch mit rein, dass ihr beide eben nicht dem gängigen Schönheitsideal der Popwelt entsprecht und trotzdem auf der Bühne steht?

Stars: Ich denke nicht, dass das eine Art von Tabu ist. Es ist höchstens mutig oder vielmehr kühn. Ich bin der Meinung niemand sollte sich dem Schönheitsideal von irgendwem unterwerfen, der er nicht kennt. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wenn es nach meiner Partnerin geht, bin ich wohl der hübscheste Mensch auf Erden. Für andere eben nicht. Niemand sollte uns zwingen, irgendwie anders zu sein. Ich habe zwei Wörter für diese Menschen: Fuck them! Ich will niemanden runter machen, ich will nur für mich oder meine Freundin einfach nur sexy aussehen. Für niemanden sonst. Und ich rate jedem, es auch so zu halten. Ja, wir wissen, Ariana Grande ist hübsch. Wir alle wissen das. Aber dein Freund ist auch hübsch, genauso wie meine Freundin und mein Vater. Schönheit hat ein riesiges Spektrum und das dürfen wir nie vergessen. Es sollte kein Wettbewerb sein.

NOIZZ: Schon, aber das ändert ja nichts an der Tatsache, dass die Gesellschaft und vor allem auch Social Media uns dieses Bild vermittelt.

Stars: Das Problem ist, das wir alle aus irgendwelchen absurden Gründen dazu getrieben werden, dass es irgendwie erstrebenswert sei, ein Model zu werden. Aber wieso denn? Mach doch lieber etwas, dass dir Spaß macht. Aber zum Glück entdecken das gerade immer mehr Frauen. Dass sie zufrieden sein können mit ihrem Körper. Auch wenn der eine Speckrolle hat, es ein paar Dellen gibt. Na und?! Eine Künstlerin wie Lizzo hilft da ungemein. Weil sie mit einem Selbstverständnis raus geht, dass den Leuten zeigt, dass es okay ist, sich trotzdem gut zu fühlen.

NOIZZ: Glaubst du Instagram kann aber diesbezüglich nicht nur ein Fluch sein, sondern auch helfen? Indem es mehr Plus-Size-Frauen eine Bühne gibt?

Stars: In der Art und Weise wie abhängig wir uns von Instagram machen halte ich eher für gefährlich, als dass es anderen Mut macht. Es baut soviel Druck auf. Als ich 14 war, habe ich noch nicht geschaut, wer die Hübscheste auf Instagram ist. Lass es mich so sagen: Ich wäre heute nicht gerne 14.

NOIZZ: Aber Künstler wie zum Beispiel Lizzo präsentieren sich dort auch offen und machen anderen Mut.

Stars: Ja, das ist natürlich cool. Und es gibt auch immer mehr, die das tun. Aber verglichen mit der Masse, ist das eine kleine Menge. Irgendwann wird es sicherlich einen Wendepunkt geben. Aber im Moment ist das eher eine gruselige Zeit, auf Instagram zu sein.

NOIZZ: Du setzt dich auch sehr stark für die LGBTQ-Szene ein. Fühlst du dich manchmal als eine Art Vorbild für deine Fans?

Stars: Für mich ist das meine Pflicht. Ich muss meine Stimme und meinen Einfluss, den ich habe, nutzen, um anderen zu helfen. Als Teenager war es für mich sehr schwierig, mit meiner Sexualität umzugehen – ich wünsche und ich will auch nicht, dass irgendjemand das Gleiche durchmachen muss. Ich will nicht dass noch irgendeine 14-Jährige oder ein 14-Jähriger so viel Angst hat wie ich. Ich hoffe, ich kann dabei helfen. Zum Glück setzten sich immer mehr dafür ein, auch wenn wir uns gleichzeitig an manchen Orten der Welt wieder in Richtung Mittelalter bewegen.

NOIZZ: Merkt ihr sowas, wenn ihr auf Tour seid?

Stars: Das interessiert mich nicht. Ich ziehe trotzdem mein Ding durch. Wir wollten einen Gig in Russland spielen und ich hatte sofort die Idee, dass ich bei der Show meinen Regenbogen-Jumpsuite tragen werde. Und die anderen meinten so: Das solltest du lieber nicht tun. Und ich: Klar, werde ich. An manchen Orten der Welt gibt es noch die Todesstrafe für Homosexuelle. Im Jahr 2019! Deswegen nutze ich meine Plattform und tue, was ich will. Weil ich es kann. Ich könnte so kotzen, wenn Leute sagen, warum gibt es keinen “Straight-Pride“. Ja, weil ihr nicht vor sowas Angst haben müsst! Deswegen muss man tun, was man kann.

Hier gibt es das Debüt-Album von Bang Bang Romeo in voller Länge zum Reinhören:

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Quelle: Noizz.de