Ballroom – das ist Subkultur, Tanz, Ausdruck, Safe Space und ein wunderschönes, glitzerndes, lautes, lebensbejahendes Spektakel. Wir haben uns mit Voguing-Talent Seva, Künstlername Magia Prodigy, über genau diese Szene unterhalten – und darüber, wie man als trans*non-binäre Person seinen Platz darin findet.

Die Dokumentation "Paris brennt" und Madonnas Song "Vogue" (1990) haben vor dreißig Jahren vielleicht das erste Mal so richtig dafür gesorgt, dass die Mainstream-Gesellschaft bei dem Wort "Ballroom" nicht an altertümliche Tanz-Veranstaltungen in den Schlössern des europäischen Adels dachte, sondern an eine queere Black- und Latin-Underground-Kultur aus New York. Und spätestens seit der erfolgreichen Netflix-Serie "Pose" ist bei dem Wort "Voguing" auch hierzulande allen klar: Es geht nicht um Anna Wintours namensgebendes Mode-Magazin, sondern um gelenkige Tänzer*innen, die in schillernden Outfits gegeneinander um Trophäen laufen, stolzieren, oder eben voguen.

Voguen bezeichnet nämlich den Tanzstil, der im Rahmen der Ball Culture in den 1970-Jahren im New Yorker Stadtteil Harlem entstand: Queere BiPoCs erschufen sich dort hinter geschlossenen Türen ihre eigene Welt, in der sie in extravaganten Kostümen für einen Moment ihr wahres Ich ausleben, sie selbst sein durften. Hier konnten sie ihre Leidenschaft für Mode, für Beauty, für Selbstdarstellung in einem sicheren Raum Gleichgesinnter zelebrieren – etwas, dass ihnen in der weißen LGBTQ-Szene der damaligen Zeit verwehrt wurde. In verschiedenen Kategorien traten die Performer*innen gegeneinander an – Ballroom war geboren.

Mittlerweile ist Ball Culture auch in Deutschland angekommen: Vor der Corona-Pandemie fanden vor allem in Berlin, aber auch in anderen Großstädten, regelmäßig Veranstaltungen statt. Auch hierzulande dient Ballroom auch heute noch als Safe Space und Identifikation für Menschen, die in der heteronormativ-geprägten Gesellschaft marginalisiert und als Randgruppe verdrängt werden.

Seva, auch bekannt als Magia Prodigy, ist 19 Jahre alt, wohnt in Berlin und ist Teil des Legendary House of Prodigy. Wir haben uns mit dem Voguing-Talent über Sichtbarkeit für trans* non-binäre Personen, genderneutrale Pronomen und natürlich über die Szene selbst unterhalten!

Seva, in welchen Ballroom-Kategorien performst du?

Seva: Ich tanze Vogue Fem, das ist eine der drei Voguing-Formen. Da ich trans* non-binär bin, laufe ich auch die nicht-binäre Performance, wenn es die denn gibt.

Wie würdest du Vogue Fem für jemanden beschreiben, der sich nicht mit dem Tanz auskennt?

Seva: Vogue Femme ist die dritte und weiblichste Art des Vogues und wurde von Schwarzen und Latina Femme Queens (trans* Frauen im Ballroom) entwickelt. Ich würde es wie eine Sprache beschreiben, denn es gibt fünf Elemente. Die sind wie Buchstaben, mit denen man viel machen kann und zum Ausdruck bringen kann – wie unterschiedliche Sätze.

Bietet die Ballroom-Szene genug Platz für nicht-binäre Menschen, wie dich?

Seva: Nein, nur in Ausnahmefällen gibt es wirklich eine eigene Kategorie für uns. Und das auch nur in ein paar europäischen Ländern, wie hier in Deutschland oder den Niederlanden.

In London könnte ich zum Beispiel laufen, in Paris kann ich das nie. Auch in den USA gibt es noch keine Kategorie für uns. Die einzige Möglichkeit ist dann "OTA", die Open-To-All-Kategorie, die nicht nach Geschlecht getrennt ist. Ich könnte auch Drag Performance laufen, als Female Figure, aber das möchte ich eigentlich nicht. Ich würde es mal machen, weil es Spaß macht, aber meine Leidenschaft ist es nicht.

Was genau versteht man unter Female Figure?

Seva: Bei den Balls werden Kategorien meistens in Gender geteilt. Mitglieder der Ballroom-Szene fallen meistens unter: Butch Queen, das ist ein schwuler Mann; Femme Queen, das ist eine trans* Frau, (Cis) Woman, das ist eine cis Frau; Butch, was eine maskuline lesbische Frau ist, Trans* Man, also ein trans* Mann. Und es gibt auch Butch Queen Up in Drags, heutzutage redet man aber öfter von "Drags". Wegen logistischen Gründen kann es bei jedem Ball beispielsweise nicht Femme Queen Performance, Drags Performance und Womens Performance geben – und deswegen gibt es "Female Figure", wobei alle zusammen sind.

Bei mit "Male Figure" gekennzeichneten Kategorien können Butch Queens, trans* Männer, und cishetero Männer teilnehmen.

Magia Prodigy

Findest du, Kategorien sollten einfach offener für alle sein oder es sollte eine eigene Non-binäre-Kategorie gepusht werden?

Ich finde es schon wichtig, dass getrennt wird. Es gibt einfach große Unterschiede, selbst bei Vogue Fem. Das Voguing einer Femme Queen, einer trans* Frau, ist anders als das einer Cis-Frau … es ist ein Wettbewerb und je unterschiedlicher die Menschen, desto schwieriger ist es für die Judges, zu entscheiden, wer gewinnt. Außerdem finde ich, dass eine eigene Kategorie auch wichtig für non-binäre Menschen ist, damit sie mehr Sichtbarkeit bekommen. Aber es sind bisher auch noch nicht so viele non-binäre Menschen in der Szene aktiv, was wiederum daran liegt, dass es eben nicht unbedingt Platz für sie gibt oder dieser Platz nicht sichtbar gemacht wird. Aber ich glaube, dass sich das bald ändert.

Wir alle wachsen immer noch in cis-heteronormativ geprägten Strukturen auf – das eigene Mindset zu dekonstruieren, ist Arbeit. Wie ist man am besten Ally für trans*, non-binäre und intersexuelle Menschen?

Seva: Das ist nicht schwer. Man muss sich einfach damit auseinandersetzen. Googlen, was man nicht weiß oder sich auf YouTube informieren. Natürlich ist nicht alles, was im Internet steht, richtig oder repräsentativ für jeden, aber lernen kann man so trotzdem. Fragen stellen ist auch gut, aber vorsichtig. Nicht jede*r ist bereit dazu, andere Leute zu bilden und aufzuklären. Vielleicht erst mal den Menschen kennenlernen und dann Fragen stellen.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wie kann man nicht-binären Menschen außerhalb der Ballroom-Szene mehr Sichtbarkeit geben?

Seva: In Deutschland fehlen Gespräche, die Menschen, die betroffen sind, inkludieren. Es fehlt, dass trans* non-binäre Personen und Intersex-Person öffentlich begründen und darüber sprechen, warum sie bestimmte Dinge brauchen und was sie erleben. In Diskussionen kommen immer nur andere zu Wort. Und dann benutzen beide Parteien Argumente, die keinen Sinn ergeben.

Kannst du diese Dinge ein bisschen spezifischer erklären?

Seva: Zum Beispiel die Option "D" für divers. Dass es sie gibt, ist ein sehr wichtiger Schritt, aber es ist nur ein erster Schritt. Denn auch wenn man ein "D" im Pass stehen hat, muss man sich ja trotzdem immer zwischen männlich und weiblich entscheiden. Wenn man sich irgendwo anmeldet, Formulare ausfüllt, eine E-Mail bekommen soll: Du musst immer angeben, ob du mit Herr oder Dame angesprochen werden willst. Die einzige dritte Option? Professor.

Die Shopping App Klarna hat jüngst mit der Ballroom Community zusammengearbeitet – herausgekommen sind diese tollen Fotos von Seva

Und auf ein einheitliches, nicht binäres Pronomen konnte man sich auch noch nicht einigen …

Seva: Ja, das ist unpraktisch. Weil es keine offiziellen Pronomen für non-binäre Personen gibt, kann man sich natürlich nie sicher sein, ob die Pronomen, die eine non-binäre oder intersexuelle Person aus dem eigenen Freundeskreis für sich gewählt hat, auch für eine andere Person okay ist.

Man müsste sich eigentlich auf etwas einigen und im Deutschland kann das einfach nicht so organisch laufen wie in anderen Sprachen, weil die ganzen Deklinationen ja eh schon superkomplex sind. Natürlich ist es für Menschen schwierig, ein neues Pronomen zu lernen. Aber ich habe für die Deutschen eine komplette neue Sprache gelernt, also könnten sie sich doch auch ein neues Pronomen antrainieren? (lacht)

Es gibt leider immer noch Kritiker*innen, die das nicht verstehen wollen.

Seva: Ja, aber es ist ja auch nicht so, dass das Verwenden von neuen Pronomen etwas ganz Extravagantes für diese "neuen" non-binären Menschen ist, nein. Uns gibt es schon immer. Seit es Menschen gibt, gibt es non-binäre und intersexuelle Personen. Dass einige Menschen sich dazu entschlossen haben, uns aus der Geschichte zu löschen, weil wir nicht in das binäre System passen, gibt es eben diese Fehler in unserer Sprache, in unserer Gesellschaft. Das muss man reparieren. Ohne eigene Pronomen hat man das Gefühl, dass alles gegen einen wirkt und dass es einen eigentlich nicht gibt. Die Sprache sagt: Es gibt dich nicht. Deine Papiere sagen: Es gibt dich nicht. Du willst auf eine öffentliche Toilette gehen? Es gibt dich nicht. Die Gesellschaft sagt: Du gehörst nicht dazu.

Wie gehst du mental so gut damit um, was sind deine Coping-Mechanismen?

Seva: Ich weiß nicht, ob ich so gut damit umgehe. Es ist einfach nicht normal. Kein Mensch sollte das erleben. Dass alles nicht passt. Ich weiß es nicht.

>> Sexuelle Identität im Grundgesetz: Zusatz soll LGBTQ-Rechte stärken – nur eine Partei ist dagegen

  • Quelle:
  • NOIZZ