Seit einem halben Jahrhundert wird für LGBTQ*-Rechte protestiert – Schwule werden aber immer noch stigmatisiert.

Heute vor 50 Jahren, am 28. Juni 1969, wurde der Christopher Street Day ins Leben gerufen. Mit dem Stonewall-Aufstand, wo Homosexuelle sich das erste Mal (zumindest kennbar für die breite Masse) gegen die Gewalt der Polizei auflehnten. Schwule setzten sich für ihre Rechte ein.

Mittlerweile feiert fast jede kleinere Großstadt in Deutschland einen CSD. Sichtbarkeit wird geschaffen. Das ist toll, das ist wichtig. Sichtbarkeit ist ein Argument, das auch Wirtschaftsunternehmen nutzen, um ihre Produkte zur Pride-Season mit Regenbogen-Fahnen zu plakatieren und "WIR SIND SCHWUL" in die Welt hinauszuschreien. Aber auch nur, damit die Kasse klingelt und Pink Money reingespült wird – nicht etwas wegen der vermeintlichen Sichtbarkeit. Ich als schwuler Mann frage mich da: Was soll der Scheiß?

Denn, sind wir mal ehrlich: Seit 50 Jahren gibt es die sogenannte Pride, die Paraden, mit denen für mehr Rechte von LGBTQ*-Menschen protestiert wird. Seit 50 Jahren gehen wir raus auf die Straße, seit 50 Jahren hat sich sehr viel getan. Die Ehe für alle zum Beispiel, die es homosexuellen Menschen erlaubt zu heiraten. Oder das Recht auf Adoption für Schwule und Lesben. Die Rehabilitation aller Verurteilten nach Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Das ist aber noch nicht alles. Es muss noch mehr passieren. Homosexuelle werden immer noch stigmatisiert, ausgeschlossen, unterdrückt!

Ein gutes Beispiel dafür sind die sogenannten Konversionstherapien, gegen die sich Gesundheitsminister Jens Spahn einsetzt. Was wollen wir? Rechte! Was bekommen wir?Verfickte Ikea-Regenbogen-Taschen!

Jajajajajaja, Sichtbarkeit wird damit geschaffen. Mit der Regenbogen-Fahne. Dann weiß auch Harry aus Berlin-Marzahn, dass es Schwule und Lesben und Transgender gibt. In "RuPaul's Drag Race" schauen die Heten zu, wie die Community sich verausgabt und einem Millionenpublikum gefallen will. Eine beliebte Show, in der Drag Queens gegeneinander antreten. Die Beste gewinnt. LGBTQ*, willkommen im Mainstream.

ABER: Bringt das alles wirklich etwas? Heilt das die Scham, die ich immer wieder spüre? Macht die "Sichtbarkeit" die Wunden wett, die ich mit mir rumtrage, weil ich homophob angegriffen wurde? Hört es auf, dass Leute Dinge sagen wie: "Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber…"?!

Nein. Jedes Mal, wenn ich mir einen runterhole, schäme ich mich danach. Dann brauche ich Musik, muss mich ablenken, weil ich schwul bin und ich von der Gesellschaft gesagt bekomme, dass ich nicht okay bin. In solchen Momenten kommen Gefühle der Beklommenheit hoch. Gefühle, die Heterosexuelle wohl in den wenigsten Fällen kennen. Jede "GZSZ"-Folge gleicht einem scheiß Heten-Porno. In Berlin prangern seit Kurzem Graffitis wie "Schwule sterben aus" an den Wänden von Berliner U-Bahnhöfen wie "Mendelssohn-Bartholdy-Park" und "Alexanderplatz". Das macht mich erst einmal wütend.

>> Wieso ich mich als schwuler Mann für meine Sexualität schäme

Denn: Nein, ihr Ficker. Wir sterben nicht aus. Laut Studien liegt es nämlich an den Genen von euch Heteros, wenn ihr uns zeugt, dass wir homosexuell sind. Der Ursprung der Homosexualität liegt also in der Heterosexualität. Glückwunsch! Umso absurder ist es, dass wir uns für unsere Rechte einsetzen müssen, weil wir von heterosexuellen Menschen unterdrückt werden. Sogar eine auf ProSieben angekündigte Show mit Drag Queens soll von der heterosexuellen Cis-Frau Heidi Klum moderiert werden.

Natürlich macht es mich traurig, wenn ich solch ein Geschmiere wie "Schwule sterben aus" an den Wänden sehe. Denn die Graffitis stehen stellvertretend für das, was mir mein Leben lang beigebracht wurde: Wir wollen keine Schwulen.

Das hat zur Folge: Ich verkrampfe, wenn ein Mann meine Hand halten will. Ich denke jedes Mal darüber nach, ob es jetzt okay, wenn mich ein Mann in der Öffentlichkeit küssen möchte oder ob ich gleich ein "Schwuchtel" entgegengeschleudert bekomme. Nach jedem Sex denke ich an HIV und andere Krankheiten, weil Homosexualität in unserer Gesellschaft mit solchen Stigmata besetzt ist.

>> Wieso Schwule im Umgang mit heterosexuellen Männern verkrampfen

Ihr sagt mir alle, dass Sichtbarkeit wichtig ist. Ja, das ist sie. Und dafür bin ich dankbar. Aber Sichtbarkeit ist keine Lösung für Homophobie. Wir können ja mal ein Glas Regenbogen-Marmelade in den Kleinstaat Brunei schicken, wenn dort wieder ein Homosexueller nach Gesetz getötet wird. Vielleicht hilft's ja.

Also, Stonewall in allen Ehren. Aber es muss noch so viel passieren. Damit Kinder, die nach uns kommen, nicht mit diesen Gefühlen aufwachsen, sich frei ausleben und gesunde, glückliche Beziehungen führen können, ohne vorher jahrelang zur Therapie gehen zu müssen und sich zu schämen – so wie ich.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion