Eine Künstlerin lässt sie ihren Körper beurteilen.

Wer Tinder benutzt, weiß, wie schwer es ist, das perfekte Foto für sein Profil auszuwählen: Jeder möchte sich schließlich von seiner besten Seite zeigen.

Die türkische Künstlerin Eylül Aslan lebt in Berlin und ist diesem Phänomen mit ihrem Fotoprojekt „Trompe l'œil“ auf den Grund gegangen. Sie hat über Tinder 25 Männer gefunden, um ihre schönsten und hässlichsten Seiten zu fotografieren.

Wie bei Tinder: Links zeigt Eylül Aslan, was die Männer nicht schön fanden, rechts, was sie mochten Foto: Eylül Aslan / privat

In ihrem gleichnamigen Buch hat sie die Ergebnisse festgehalten und zeigt, wie subjektiv Schönheit auch noch in der Zeit von Tinder und Instagram ist, in der alle dem perfekten Selfie nachjagen. Denn die Männer durften auch an ihr und an sich selbst schöne und hässliche Stellen finden.

Vom 7. Juli bis zum 21. Oktober kann man ihre Fotos in der Bremer Kunsthalle bei der Ausstellung „What is Love? Von Amor bis Tinder“ begutachten. In der Ausstellung soll auch der Frage nach der Liebe zu Zeiten von Online-Dating auf den Grund gegangen werden.

NOIZZ hat Eylül Aslan zum Interview getroffen und mit ihr über Schönheit, Hässlichkeit und die Suche nach der Liebe über Tinder gesprochen.

NOIZZ: Du bist verheiratet und hast ein Kind. Hast du deinen Mann auch über Tinder kennen gelernt?

Eylül Aslan: Nein, ich habe die App tatsächlich nie zum Daten benutzt. Ich bin eher so der romantische Typ und möchte lieber, dass es einfach auf der Straße passiert. Aber ich habe viele Freundinnen die Tinder benutzen. Da war ich natürlich neugierig und habe ihnen immer beim Tindern zugeguckt.

Und dabei ist dir die Idee für dein Kunstprojekt gekommen?

Eylül: Ja, mir ist aufgefallen, dass die Profilbilder alle etwas gemeinsam hatten: Jeder will sich auf Tinder von seiner besten Seite zeigen. Ich finde es echt lustig, dass jemand, der seine Augen schön findet, immer solche Fotos reinstellt, die die Augen betonen. Als ich mir dann das Profil von meiner Freundin angeguckt habe, war ich ziemlich verwirrt: Ich finde, dass sie sehr schöne Lippen hat. Auf den Fotos hat sie aber ganz andere Körperteile in den Fokus gerückt. Das hat dann meine Neugierde geweckt.

Und dann hast du dir doch ein eigenes Tinder-Profil angelegt?

Eylül: Genau, ich habe ein ganz normales Profil mit Fotos von mir angelegt, aber klar erkenntlich gemacht, dass ich nicht zum Daten da bin. Nur für das Kunstprojekt. Zwei Männer kannten meine bisherigen Projekte sogar schon.

Hattest du Kriterien, welche Männer für das Projekt in Frage kommen?

Eylül: Ich habe nicht nur Likes an Männer vergeben, die ich selbst attraktiv fand. Aber ich hab zum Beispiel alle Typen, die oberkörperfreie Fotos im Gym drin hatten, nach Links gewischt, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass die sich für mein Projekt interessieren.

Dein Projekt besteht daraus, den Körper des anderen genau zu betrachten. Wie liefen die Treffen ab?

Eylül: Ich hab die Männer alle zu mir nach Hause eingeladen. Am Anfang war das echt komisch, weil das fast ausschließlich Fremde waren. Aber je mehr da waren, desto einfacher wurde es für mich. Und jetzt finde ich, dass es echt ein Abenteuer war.

Was hat dich besonders überrascht?

Eylül: Ich finde es wirklich krass, dass alle Männer unterschiedliche Merkmale und Körperteile schön oder nicht schön fanden. Und gleichzeitig, wie detailliert die Männer Kritik an sich selbst üben konnten. Aber auch an mir haben sie teilweise wirklich kleine Details gefunden, die sie schön oder hässlich fanden.

Einer hat sich über seine Stretchmarks am Bauch beklagt, die mir erst mal gar nicht aufgefallen sind. Besonders gut hat ihm dagegen seine ganz besondere Form des Augenlids gefallen – auch das wäre mir im ersten Moment gar nicht aufgefallen.

Ein Mann mochte die kleine Falte gerne, die seine Schulter wirft, wenn er sie hochzieht Foto: Aylül Aslan / privat
nicht sein Auge, sondern sein Augenlid findet der Mann besonders schön Foto: Aylül Aslan / privat
Seine Strechmarks gefallen ihm dagegen gar nicht Foto: Aylül Aslan / privat

Die Männer durften auch Stellen an deinem Körper für schön und hässlich erklären. Wie fühlt man sich dabei?

Eylül: Ich habe drei Stellen an meinem Körper, die ich selbst nicht so gerne mag. Mein Doppelkinn, meine Augenringe und die Proportion zwischen meinem Oberkörper und meinen Beinen. Von 25 Männern haben nur zwei mein Kinn und meine Augenringe erwähnt.

Das hat mich dann schon verletzt, weil das eben die Stellen sind, die mir sowieso nicht so gut gefallen. Die anderen Kritiken haben mich aber zum Glück nicht zum Zweifeln gebracht. Aber eigentlich hatten die Männer eher ein Problem damit, zu sagen, was ihnen an mir nicht so gefällt.

Ein Mann fand Eylüls eigene Schwachstelle: Ihr Doppelkinn Foto: Eylül Aslan / privat
Dafür hat diesem Mann ihr Bauch sehr gut gefallen Foto: Eylül Aslan / privat

Häufig sind Männer Frauen gegenüber echt respektlos. Gab es solche Momente in deinem Projekt?

Eylül: Nein! Wenn man sich von jemandem fotografieren lässt, dann ist das sehr privat. Teilweise haben wir sehr tiefe Gespräche geführt, die fast schon an eine Therapiesitzung erinnert haben. Wer redet schon gerne über seine schlechten Seiten? Durch die Ehrlichkeit mit der wir uns begegnet sind, gab es keine Respektlosigkeiten. Und obwohl wir uns so nah waren und uns über Tinder kennengerlernt haben, hatte das auch nichts Sexuelles!

Das Lieblingsbild der Künstlerin Foto: Eylül Aslan / privat

Für so eine Bewertung brauch man ein großes Selbstbewusstsein. Hat jemand schon einmal etwas zu dir gesagt, dass du nie mehr vergessen hast?

Eylül: Ich habe früh gelernt, dass ich nicht auf andere hören sollte. Als ich 15 war, habe ich in einer Volleyballmannschaft gespielt – alle anderen hatten schon Brüste, nur ich nicht. Also haben sie mich Tisch oder Brett genannt – eben weil ich noch flach war. Zuhause habe ich das meiner Mutter erzählt. Sie hat mich gefragt, ob ich selbst ein Problem damit habe. Hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht. Also hat meine Mutter mir geraten, dass ich mir keine Gedanken darum machen soll, was andere sagen, solange ich selbst damit zufrieden bin. Am Ende ist nur wichtig, was wir über uns selbst denken!

Und hat sich das nach dem Projekt verändert?

Eylül: Ja, ich habe jetzt eine andere Sicht auf mich. Wenn von 25 Männern nur zwei die Makel ansprechen, die ich selbst an mir sehe, dann können die ja nicht so schlimm sein.

Man sollte sich nicht von dem Gedanken runterzeihen lassen, dass man selbst oder jemand anderes etwas nicht schön findet. Das macht nur traurig. Ich würde mir wünschen, dass eine 15-Jährige die Bilder sieht und versteht, dass Schönheit subjektiv ist.

Diesen Teil ihres Gesichts mag die Künstlerin nach dem Projekt noch mehr Foto: Eylül Aslan / privat

Das ist in Zeiten von Instagram und Tinder gar nicht so einfach, oder?

Eylül: Mich nervt das. Alle machen ständig Selfies und zeigen bei Instagram und Co. ihr perfektes Leben. Dabei sind sie in Wirklichkeit nicht glücklicher, als alle andern. Die jungen Mädchen sehen immer perfekte Stars wie Kim Kardashian und wollen auch so sein. Dabei gibt es gar keine Perfektion. Jeder hat etwas, das er selbst nicht an sich mag und das andere an einem nicht mögen.

Im Juli werden deine Bilder in der Ausstellung „What is Love“ zu sehen sein. Was bedeutet Liebe für dich?

Eylül: Liebe ist akzeptieren und tolerieren. Du musst den Menschen so nehmen, wie er ist. Du darfst nie sagen, dass die Person sich irgendwo verbessern muss. Wenn du jemanden liebst, dann sind alle Makel egal, dann liebst du einfach und akzeptierst. Nur so kann eine Basis für Liebe geschaffen werden.

Glaubst du, dass man über Tinder Liebe finden kann?

Eylül: Ich habe Freundinnen, die das über Tinder ausprobiert haben. Eine hat jetzt sogar ihren Freund, den sie über Tinder kennen gelernt hat, geheiratet! Ich weiß zwar nicht, wie oft, aber ich glaube daran, dass man bei Tinder auch Liebe finden kann.

Quelle: Noizz.de