„Ich habe ein Messer gefunden und mir vorgestellt, was er damit alles machen könnte“

„Oh man, das ist wirklich die wunderschönste Frau der Welt“, höre ich irgendeinen Typen hinter mir zu seinem Kumpel raunen. Indem Moment tritt Jorja Smith vor Tausenden Menschen auf die Bühne beim Berliner Lollapalooza und zieht alle in ihren Bann.

Und das hat nicht nur mit ihrem Äußeren zu tun. Obwohl sie erst 21 Jahre alt ist, wirkt alles ziemlich routiniert: Sie bewegt sie sich ganz natürlich auf der Bühne, lacht ihren Bandmitgliedern zu und legt spontane Tanzeinlagen ein, von denen sie die große Begeisterung ihrer Zuschauer erntet – allen voran von mir, ihrem No. 1 Fangirl, die ihre Lieder pausenlos unter der Dusche singt.

Der Höhepunkt ist ohne Frage ihr Song „Blue Lights“: Die ganze Bühne singt mit zu ihrem träumerischen Hit und lassen ihre Körper gehen, sobald der Beat ihres Electro-Pop-Tracks „On My Mind“ droppt. Ihre Songs haben etwas Einnehmendes, sie versetzen einen fast in Trance. Ein bisschen 90s-Feeling, gepaart mit zeitgemäßen Future-R'n'B und Neo-Soul.

Beide Lieder wurden auf Spotify schon über 40 Millionen Mal gestreamt. Jorja Smith ist irgendwie besonders, irgendwie anders – wie sonst schafft man es, mit 18 Jahren schon seinen ersten großen Hit zu schreiben, mit 20 das erste Album zu veröffentlichen, und mit 21 schon fünf Millionen Zuhörer auf Spotify zu haben – jeden Monat wohlgemerkt.

Zum Vergleich: Amy Winehouse, ihr größtes Idol hat um die Acht Millionen monatliche Zuhörer.

Jorja Smith war schon zusammen mit Dua Lipa und Camila Cabello auf Tour mit Bruno Mars. Sie war auf dem Soundtrack von „Black Panther“, den Kendrick Lamar zusammengestellt hat. Drake sagt „Where did I Go?“ ist eines seiner Lieblingslieder. Wenn man sie dazu fragt, antwortet sie nur bescheiden, sie sei einfach dankbar, dass ihre Musik so geschätzt wird.

Nach ihrer Show treffe ich die gebürtige Britin in ihrer Garderobe mit einem vollgekritzelten Notizblatt an Fragen, die mein aktuelles R’n’B-Idol beantworten soll.

Das NOIZZ-Interview mit Jorja Smith: „Ich bin einfach nur ich selbst.“

NOIZZ.de: Auf dem Lollapalooza läuft Chart-Musik neben Rock und Deutschrap – trotzdem stehen alle dicht gedrängt vor deiner Bühne. Hat 90er-Soul ein Comeback?

Jorja Smith: Ich glaube, es gibt viele Musiker, die diesen Sound verwenden. Dinge kommen immer zurück, es ist ein Kreislauf.

Du wirst oft mit Lauryn Hill verglichen, dabei ist ihr letztes Studio-Album fast so alt wie du. Wie gehst du mit diesen Vergleichen um?

Ich liebe „The Miseducation of Lauryn Hill“! Mein Vater hat das Album früher rauf und runter gespielt. Ich verstehe, warum Menschen versuchen mich zu vergleichen. Es macht es einfacher für sie mich einzuordnen. Aber ich bin ich. Ich bin anders.

Was ist dann deine persönliche Message?

Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, was meine Message ist. Ich müsste mehr schreiben. Ich versuche aber, meinen Fans rüberzubringen, immer man selbst zu sein. „Blue Lights“ hingegen handelt gar nicht davon – also ist es manchmal schwer, diese Nachricht in allem rüberzubringen.

In dem Songs geht es um die unbegründete Angst vor der Polizei. Was hat dich inspiriert, das zu schreiben?

Schwarze, die in Amerika umgebracht werden. Elf-jährige Kinder, die mir erzählt haben: „Ich hasse die Polizei.“ Wo ich mir denke: ,Wieso? Du hast doch nichts verbrochen?' Ein Freund von mir hat mal seine Tasche bei mir zu Hause vergessen. Ich habe hineingeschaut, und da war einfach ein Messer drin! Shit, das ist nicht gut, habe ich mir gedacht. Dann habe ich mir vorgestellt, dass er etwas mit diesem Messer macht. Dann habe ich angefangen, darüber zu schreiben.

Muss Musik immer eine Message haben?

Ich finde nicht. Du könntest dir genauso nur die Töne, nur den Sound anhören. Ohne zu hören, was gesagt wird und die puren Töne können dir immernoch ein gutes Gefühl geben.

Hast du als Künstler eine Verantwortung, für die Menschen eine inspirierende Figur zu sein?

Ich habe das Gefühl, es ist mehr das Publikum, das denkt, der Künstler müsste sie inspirieren. Ich hingegen mache einfach das, was ich will und woran ich glaube. Das ist nicht böse gemeint! Es ist einfach so, dass ich meine Songs schreibe über Sachen, die ich gerade verarbeiten muss. Ich schreibe nicht, um andere glücklich zu machen.

Bekommst du wegen dieser Einstellung oft Kritik?

Nein. Ich habe schonmal Lieder über andere Menschen geschrieben, aber sie haben mich bis jetzt noch nie darauf angesprochen. (lacht)

Hat sich viel in deinem Leben geändert, seitdem du mit deiner Musik berühmt geworden bist?

Ich habe noch Freunde aus der Schule. Ich habe mich nicht viel verändert. Niemand um mich herum hat sich verändert. Wenn ich mir Zeit nehme, zurückzuschauen, dann denke ich mir, das ist alles ziemlich durchgedreht. Seitdem ich angefangen habe, geht alles nur noch bergauf. Aber ich will nicht, dass Leute besessen von mir sind.

Woher nimmst du den Mut, dich als neue Künstlerin durchzusetzen?

Du darfst darüber nicht viel nachdenken, du musst es einfach machen. Die Momente, in denen du zu viel nachdenkst, das sind die Momente, in denen man anfängt, sich zu viel Druck zu machen. Dann fängt man an, sich mit anderen zu vergleichen. Alles, was ich tue, ist singen und schreiben.

Jorja Smiths Album „Lost & Found" kannst du seit dem 8. Juni auf Spotify und Apple Music streamen.

Quelle: Noizz.de