Ein Künstler hat 15 Jahre lang nach Wehrmachtssoldaten in Frauenklamotten gesucht.

Während des Zweiten Weltkriegs hat Deutschland insgesamt 17,3 Millionen Männer zur Wehrmacht berufen. 5,2 Millionen kehrten nicht zurück. Das entspricht der gesamten Bevölkerung von Berlin und Hamburg zusammen. Was sich wirklich im Kriegsalltag jener Soldaten abgespielt hat, ist für Unbeteiligte wohl nur schwer nachvollziehbar.

Weit weg vom bekannten Zuhause wurden diese Männer zu Tätern und Opfern grausamer Taten. Vielleicht um fehlende Liebe und Zärtlichkeit auszugleichen, entwickelten sie eine Beschäftigung, die im Kontext der im Nationalsozialismus diktierten Gesinnung merkwürdig wirkt: das Cross-Dressing.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Cross-Dressing bedeutet, sich wie das andere Geschlecht anzuziehen. In dem Bildband „Soldier Studies – Cross-Dressing in der Wehrmacht“ von Martin Dammann werden bauchfreie Wehrmachtssoldaten mit Kokosnuss-BH, Glitzer-Bustier oder Bastrock gezeigt. Sie sind geschminkt, ziehen ihren Bauch ein und versuchen, ihre mit Socken ausgestopften Brüste herauszustecken.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Dammann entdeckte vor Jahren die ersten Fotos von Soldaten in Frauenkleidung. Seitdem sammelte er sie und veröffentlichte sie nun in dem Bildband. 15 Jahre brauchte Dammann, bis er die 300 Bilder zusammen hatte, die heute in dem Buch stecken. 15 Jahre lang durchwälzte er private Foto-Alben, 15 Jahre lang musste er sein Interesse an Nazi-Bildern seinen Mitmenschen gegenüber rechtfertigen.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Am Anfang schienen die Fotos von den Nazi-Soldaten in Frauenkleidern für Dammann noch wie ein „verrückter Gag“, erzählt er NOIZZ. Doch als er dann immer wieder auf solche Fotos stieß, wurde ihm langsam klar, dass das Verkleiden für die Soldaten „keine Ausnahme war, sondern zu ihrem Alltag gehört hat“.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Dammann sieht in den Fotos mehr als nur als Frauen verkleidete Nazi-Soldaten. Er sieht in ihnen „Sehnsüchte nach einem Partner und Geborgenheit“ und „das Bedürfnis, dem zu entkommen, was sie erlebt und getan haben mögen“.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Trotz aller Empathie für die traumatische Zeit, die diese Soldaten durchlebt haben müssen, sind für den Künstler die Fotos alles andere als sentimental, da ihm nur allzu klar sei, wer diese Männer sind und vor welchem Hintergrund die Fotos gemacht worden sind.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Seltsam fühlt sich der Bildband allemal an. Es gibt ein Foto von einem Wehrmachtsoldaten in weißem Minirock, Spitzen-Bustier, Sonnenhut und mit albernem Grinsen im Gesicht. Er tanzt auf einer Bühne vor einer riesigen Hakenkreuz-Fahne. Es wirkt wie gewagte Satire, dabei ist es einfach nur ein Schnappschuss aus dem Alltag der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

Bilder aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

„Soldier Studies – Cross-Dressing in der Wehrmacht“ ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Aus dem Bildband „Soldier Studies: Cross-Dressing in der Wehrmacht“ Foto: Sammlung Martin Dammann / Hatje Cantz Verlag

Quelle: Noizz.de