Heute ist in Deutschland die Nacht der Hexen: Walpurgisnacht. Während hierzulande die Hexentradition ziemlich eingeschlafen ist, spielt Hexerei in Rumänien eine ganz andere Rolle. Dort soll ihre Kraft gegen Rassismus und Sexismus helfen – und die Welt von Liebeskummer und Corona befreien.

Walpurgisnacht. Eine Nacht, in der ich mir als Kind einen Spitzhut aufgesetzt habe, ohne mit der Wimper zu zucken mein kratziges Tüllkleid überstreifte und mit dem Besen zwischen den Beinen zu meinen Freundinnen rannte, um in deren Garten diesen "Hexentag" zu feiern. Doch wie verbringen echte Hexen diesen Abend? Moment – echte Hexen?! Das klingt ja wohl nach einem schlechten Scherz. Natürlich wären wir alle gern wie Sabrina mit einem frechen Kater an unserer Seite aufgewachsen. Oder würden gerne die schräge Ausstrahlung von Morticia Addams besitzen, aber das sind doch nur Träumereien … oder nicht?

Nein, neben unseren Liebsten Hollywood-Hexen gibt es noch immer auf der ganzen Welt verschiedene Traditionen der Zauberei. Die wohl Ältesten findet man in Rumänien und deshalb haben wir mit niemand geringerem als der mächtigsten Hexe Europas über ihre Traditionen und Rituale gesprochen. Mihaela Minca ist weit über die rumänischen Grenzen hinaus bekannt und berühmt für ihre Zauberkraft. Gemeinsam mit ihren Töchtern und der Fotografin Virginia Lupu, die die Familie mit einer analogen Kamera von Zeit zu Zeit für ihre Bilderreihe "Tintintin" begleitet, teilt Mihaela ihr Wissen mit der ganzen Welt und erklärt ihre unglaubliche Geschichte voller Magie.

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Magie abseits von Hogwarts und Co.

Doch erst mal langsam, sprechen wir jetzt wirklich einfach über Hexerei, als wäre es das Normalste auf der Welt? Eigentlich schon, denn die Geschichte der Hexen nahm nicht nur in Märchen oder in Hollywood ihren Lauf, sondern ist tief in unserer Kultur verankert. Schon in der Antike, dem Grundpfeiler unserer Kultur und Philosophie, wurden Zufälle, Naturgegebenheiten und auch Heilungen auf die Kraft einiger Frauen zurückgeführt. Daraus entwickelten sich Geschichten, Sagen und reale Traditionen der Heilung und des Glaubens. Allerdings wurde auch das Bild des Teufels diesen Frauen angeheftet, weil die Hexerei etwas anderes als den christlichen Gott verehrte – deshalb wurden im Mittelalter zahlreiche Hexen verbrannt. Die Kirche verantwortete unfassbar viele Tode. "Hexe" wurde zu dieser Zeit zu einem geflügelten Wort – und das Wort wurde nicht nur gegen Frauen gerichtet, die sich gut mit Kräutern auskannten oder tatsächlich Rituale durchführten: Auch gegen Frauen, mit einer starken Meinung, die sich nicht der mittelalterlichen Familienordnung beugten, konnte die Kirche so an den Kragen. Während das Wort in Deutschland also mehr und mehr zur Diffamierung wurde und mit Mythen verschwamm, entwickelte sich in der Kultur der Roma aber eine Hexen-Tradition.

Rumänische Hexe beim Ritual, aus der Fotostrecke Tintintin

Und weil die Inquisition, die religiöse Verfolgung, in Rumänien und weiteren Teilen Osteuropas nicht so stark wütete, wie es in Deutschland der Fall war, wurden magische Riten dort bis heute weitergegeben. Hinter vorgehaltener Hand finden sie große Beachtung. Man kann diese Riten mit religiösen Ritualen vergleichen: Während manche zu einem Gott beten oder den Choreografien eines Gottesdienstes akribisch folgen, führen die Hexen in Rumänien ähnlich verankerte Performances durch, um Kräfte zu animieren.

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Der Ursprung der Hexerei

Die rumänischen Hexentraditionen sind also nicht vergleichbar mit den Bildern, die wir von Bibi Blocksberg haben – und auch wenn Hexerei derzeit wieder mehr Interesse in der westlichen Kultur erfährt, ist ihre Rolle kaum mit dem Status der Hexen der Roma zu vergleichen. Ihre besondere Rolle nehmen sie nicht erst seit gestern ein. In großen literarischen Werken wie Victor Hugos "Notre Dame de Paris" oder Bizet’s "Carmen" kommen die Wahrsagerinnen und Hexen aus der Roma-Kultur – und scheinen damals schon die restliche Welt der Mythen mit ihrer geheimnisvollen Art ausgestochen zu haben.

Mihaela Minca und ihre Töchter, aus der Fotostrecke Tintintin

Heute stehen in einigen rumänischen Zeitschriften neben den üblichen Gesuchen auch Anzeigen von Hexen und Wahrsagerinnen, die einem ihre Dienste anbieten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Hexen in Rumänien nicht gerade schlecht verdienen. Auch die Regierung ist darauf schon aufmerksam geworden: Man hatte Hexen dort sogar steuerlich verpflichten wollen, was allerdings scheiterte. Ob das daran lag, dass die Politiker verflucht wurden oder daran, dass 'Hexe' dann ein eingetragener Beruf und die Roma-Minderheit einen Funken gestärkter worden wäre, sei mal in den Raum gestellt. Dennoch sind die Dienste der Hexen nichts, worüber man sich offen austauscht.

"Hexerei war immer Teil unserer Kultur"

Mihaela Minca und ihre Töchter

Die Fotografin Virginia Lupu, die zu einem erlesen Hexenkreis gehört, hat in einem Interview mit dem Online-Kunstmagazin Erste Stiftung erzählt: "In Rumänien gleichen Glaube und Aberglaube eindeutig einem Tinder-Match, das sich gegenseitig 'ghostet'. Die Hexerei war immer Teil unserer Kultur. Wir lebten und wuchsen mit der Angst vor Hexen auf. In Rumänien würde kaum jemand eingestehen, dass diese Hexen Kräfte besitzen – besonders, wenn man dem Volk der Roma angehört, die in Rumänien nach wie vor stark diskriminiert werden."

Europas mächtigste Hexe gegen Corona

Mihaela Minca und ihre Töchter beim Ritual, aus der Fotostrecke Tintintin

Lupu gehört zu dem Kreis der wohl berühmtesten und auch der mächtigsten Hexe Europas: Mihaela Minca. Seit sie dreizehn Jahre alt ist, praktiziert sie als Hexe. Sie stammt aus einer langjährigen Tradition, die sich durch die weibliche Linie ihres Stammbaumes zieht. Mit einem gesunden Spürsinn für Vermarktung ist der Hexe geglückt, was nur wenige Frauen der Roma schaffen: Sie hat sich rund um ihre Hexentradition ein kleines Imperium geschaffen, das sie nicht nur als die mächtigste Hexe Europas inszeniert, sondern auch für Reichtum in ihrer Familie sorgt. Via Whatsapp verhilft sie mittlerweile Menschen auf der ganzen Welt zu ihrem Liebesglück, vertreibt böse Geister oder versucht, durch tägliche Rituale auch die Menschheit von Corona zu befreien. Gemeinsam mit ihren Töchtern führt sie unaufhörlich Rituale durch, kocht Tränke, bereitet Opfergaben zu – das Telefon klingelt unaufhörlich.

"Die meisten Klienten haben Probleme mit der Liebe. Hattest du schon mal richtigen Liebeskummer? Schmerz, der dich richtig kaputtgemacht hat?", fragt mich Mihaela. Klar, wer hatte das nicht. Viele Menschen wenden sich in genau diesen Momenten an die Hexe und bitten um Hilfe, um Befreiung und ich kann es nachvollziehen – wer wünscht sich das nicht, wenn einem das Herz gebrochen wird und man gegen die eigene Vernunft denkt, dass nichts wird, wie es einmal war.

Zur Hexe geboren

Cassandra, aus der Fotostrecke Tintintin

"Unsere Rituale öffnen im ersten Schritt die Leute, ihr Leben und ihre Seele, damit wir die Flüche erkennen können, die sie umhertreiben und unsere Kraft auch etwas bewirkt. Darauf folgt dann eine Reinigung und schließlich bekommt man einen Talisman, der vor neuen Flüchen schütz und Glück bringt." Auch ich habe einen Talisman, ein kleines Schweinchen, was mir meine Mutter immer zu Prüfungen mitgegeben hat: "Es hilft vielleicht nicht gegen Flüche, aber da ist ja auch Kraft von deiner Mutter drinnen.", freuen sich die Hexen. Auch wenn die Tradition für Sprüche und Rituale in der Roma-Kultur nur erblich in der Blutlinie weiter gegeben werden kann, scheint also auch mein kleiner Aberglaube etwas Magie zu enthalten. Für sich selbst nutzten die Hexen ihre Kräfte nicht, denn ihre Magie wird bereits als Segen betrachtet und dient nur den Menschen. Dabei achten viele, auch Minca, darauf dass sich die guten und bösen Sprüche in etwa die Waage halten.

Während in Deutschland an diesem Tag Walpurgisnacht gefeiert wird, ist in der rumänischen Tradition kaum ein Tag wertvoller als der andere, mit einigen wenigen Ausnahmen. "Die Sommersonnenwende ist besonders. Hier können wir im Himmel in der Zukunft lesen", erklärt Mihalea. "Viel wichtiger [als besondere Tage] sind aber die Zeiten, wann wir manche Rituale durchführen. Wenn die Sonne untergeht und Mitternacht zum Beispiel. Um Mitternacht haben wir einen besonderen Altar für ganz besondere Sprüche. Vor allem Segens- und Schutzzauber machen wir um Mitternacht."

Mihaelas Tocher beim Sammeln von Kräutern, aus der Fotostrecke Tintintin

Hexen gegen Trump

Mittlerweile hat Mihaela Minca mit ihren Töchtern die Roma-Magie bis nach Los Angeles gebracht, dort mehrere Hexenzirkel organisiert und steht für den internationalen Austausch. Ob Vodoo aus Kuba oder Wicca-Glaube aus Kanada, Mihaela tauscht sich gerne über die verschiedenen Traditionen aus und bündelt die Kräfte der internationalen Hexengemeinschaft.

Sie war auch in den Zirkel involviert, der im vergangenen Wahlprozess der USA, Flüche gegen Donald Trump sendete. Dieser war vor allem durch Lana del Rey in die öffentliche Diskussion geraten, die darüber twitterte. Auch Boris Johnson kritisierte Mihaela öffentlich und führte einen Fluch gegen ihn durch und so bringt Mihaela bei all dem Zweifel, den Menschen gegen sie hegen, immer wieder auch eine politische, aktivistische Agenda in ihr spirituelles Handeln.

Und nicht nur in Amerika auch in Rumänien steht die Hexerei für mehr als nur Tradition: Es ist eine Art des Empowerments, die von vielen feministischen Bewegungen aufgegriffen wurde. Im konservativen Rumänien sind die Hexen, Frauen, die aus den Rollenbildern ausbrechen, auch wenn sie sich selbst nicht als feministischen Bund sehen.

Diskrimierung der Roma

Die Hexen beim Ritual, aus der Serie Tintintin

Mihaela geht trotzdem einen sehr eigenen Weg, ganz besonders, was Diskriminierung angeht. "Klar wurden wir schon diskriminiert. Hier in Rumänien, aber vor allem im Ausland, und wir sind mittlerweile daran gewöhnt. Davor werden auch Hexen nicht bewahrt. Aber deshalb ist es uns umso wichtiger, dass wir nicht diskriminieren. Uns ist es egal, woher unserer Kunden kommen, welche Nationalität sie haben oder welche Sexualität." Gerade in Osteuropa ist Homosexualität noch wesentlich stärker stigmatisiert und teilweise geächtet oder sogar verboten. "Weißt du, es ist die eigene Entscheidung von den Leuten, ob sie an uns glauben oder nicht, ob sie rassistisch oder diskriminierend sind oder nicht. Das war schon immer so, aber wir erreichen heute mehr und mehr Leute. Wir müssen niemandem etwas beweisen und können die Menschen nicht ändern."

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Quelle: Noizz.de