Auf Twitter erzählen Betroffene von ihren Geschichten.

Der Rücktritt von Mesut Özil löste eine Welle der Diskussion aus: Alle sprechen darüber, wie rassistisch Deutschland wirklich ist. Das Thema ist vor allem hierzulande unbequem und wird gerne tabuisiert.

Dabei war kürzlich erst das Ende des NSU-Prozesses ein bitteres Zeugnis dessen, dass es die AFD nicht umsonst gibt – da braucht es nicht mal einen Deppen wie Seehofer, der sich über 69 abgeschobene Flüchtlinge freut. Alle, die jetzt ihren Einwand mit den Worten: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen...." anfangen wollen – der Bus mit den anderen Rechtsgerichteten, die das interessiert, was ihr zu sagen habt, ist leider schon abgefahren.

Dabei gibt es Redebedarf – aber auf Augenhöhe. Das hat Ali Can bereits bewiesen: Im Zuge der Pegida-Märsche und als die Flüchtlingskrise das erste Mal richtig hochkochte, gründete er die „Hotline für besorgte Bürger". Er hörte den Verängstigten zu, die sich von Politik und Gesellschaft nicht verstanden fühlen, die Angst vor Islamisierungen haben – und hatte damit durchaus Erfolg.

Nun stößt der Aktivist eine virale Lawine an: Unter dem Hastag #metwo teilen Betroffene tausendfach seit Tagen ihre Erlebnisse mit Alltagsrassismus. Meistens sind dies keine atemberaubenden Geschichten, sondern einzelne Momente die man auch als „Zufall" abtun könnte – wenn sie nicht so gehäuft und konzentriert vorkommen würden, wie die Geschichten zeigen:

Das sind nur wenige Beispiele, die beweisen, dass Rassismus im Alltag viel präsenter ist, als man glauben möchte. Manchmal ist es nicht mal böse gemeint, sondern rührt einfach nur aus der tiefen Überzeugung, dass die Haut- oder Haarfarbe es erlaubt, jemanden in eine bestimmte Kategorie zu stecken.

Die Tweets lassen einen verzweifelt und traurig zurück, dabei steht hier nur auf je 240 Zeichen komprimiert, was uns allen eigentlich schmerzhaft bewusst ist: In Deutschland werden Menschen aufgrund ihres Aussehens diskriminiert.

Dabei braucht man nicht mal seinen Twitter-Account anzuwerfen, es reicht schon, wenn man mit seinen Feundinnen und Freunden oder KollegInnen spricht, die dank exotischen Namens keine Antworten auf unzählige Wohnungsbewerbungen bekommen oder die die einzigen im Abteil sind, die ihren Ausweis vorzeigen müssen.

Als wir heute in der Redaktionssitzung über das Thema sprechen schaut die Kollegin Avzin unbeeindruckt: „Das meiste, was da erzählt wird, habe ich auch schon erlebt." Genau da fängt auch der Moment an, in dem wir uns alle fragen sollten: Wie rassistisch sind wir selbst eigentlich? Haben wir schon mal unsere Handtasche stärker an uns gepresst, weil wir an einem Dunkelhäutigen vorbei gegangen sind? Haben wir uns schon mal gewundert, dass das Mädchen mit dem türkischen Nachnamen so gut deutsch spricht? Das kann passieren, bedeutet jedoch nicht, dass man sich selbst nicht auch öffnen kann. Es ist nicht schlimm Vorurteile zu haben, es ist nur schlimm diese nicht zu reflektieren und unbeirrt an ihnen festzuhalten.

Quelle: Noizz.de