Der Schweizer Rapper und Moderator Knackeboul geht Stereotypen auf den Grund – und bereist für ARTE Europa.

Welche Länder können sich am wenigsten leiden? Und warum sind Stereotype nicht unbedingt etwas Schlechtes? Diese und andere Fragen hat Knackeboul in der zehn Folgen umfassenden ARTE-Reihe „STEREOTYP“ gestellt.

Und wir haben sie wiederum jenem 35-Jährigen gestellt, der eigentlich David Lukas Kohler heißt und ein Tausendsassa ist, der nicht nur vor der Kamera brilliert, sondern auch Kolumnen schreibt und sich in politische Debatten einmischt.

NOIZZ: David, du bist Schweizer. Wird dieses Interview also besonders lange dauern, weil du so langsam sprichst?

Knackeboul: Ich bin sogar Berner, die sind besonders bekannt dafür. Innerhalb der Schweiz sind wir berühmt für unsere Langsamkeit. Aber ich spreche schon wegen meines Berufs ein wenig schneller als der normale Schweizer.

In der Arte-Reihe „Stereotyp“ reist du in zehn europäische Länder, um herauszufinden, ob die Griechen alle arm sind und Italiener nur Pasta essen. Wie hast du versucht, dich diesen Stereotypen zu nähern?

Knackeboul: Wir mussten eine Mischung finden aus Sachen, die ein Stereotyp bestätigen und die es widerlegen. Da haben wir verschiedene Menschen getroffen und Situationen beobachtet. Das war für mich auch nicht immer ganz leicht, ich gebe ansonsten immer meine Meinung zu allem ab. Hier musste ich aber Zuschauer sein.

Was ist das Ziel der Reihe? Stereotype abzubauen?

Knackeboul: Ein Stück weit schon, aber es soll auch nicht belehrend sein oder so was. Wir sind an die ganze Sache ja auch immer mit einem Augenzwinkern herangegangen. Es soll zur Kommunikation beitragen, man lernt die anderen Länder kennen. Aber man soll auch darüber lachen können.

Sind Stereotype denn generell was Schlechtes?

Knackeboul: Ganz ehrlich: Ich als Mensch habe es immer eher negativ gesehen. Stereotype können zu Klischees und Vorurteilen und letztlich zu Rassismus führen.

Meine Ansicht wurde durch die Reise nicht völlig widerlegt, aber ich habe auch andere Aspekte von Stereotypen kennengelernt. Sie helfen bei der Völkerverständigung, man kann mit anderen viel darüber sprechen.

Ich habe oft gemerkt, dass viel Humor bei diesem Thema dabei ist.

Haben alle Länder die gleichen Stereotype?

Knackeboul: Ja, das kann man schon so sagen. Wir haben vor der Reise vor allem in Deutschland und Frankreich, aber nach und nach in allen Ländern nach ihren Vorurteilen gefragt. Und es kamen immer die gleichen fünf bis zehn Stereotype dabei heraus.

Außer bei den Franzosen und Engländern: Die denken über einander noch viel schlimmer als andere über sie. Die Franzosen sind in England immer die „Froschfresser“, die Engländer heißen in Frankreich nur „Roastbeef“.

Welches Stereotyp traf am meisten zu?

Knackeboul: Puh, da gab’s einige. Die meisten Stereotype trafen tatsächlich zu. Spontan fällt mir „Italiener wohnen noch bei Mama“ ein, dieses Mutterding. Es stimmt, sie wohnen tatsächlich noch sehr oft bei Mama. Dieser Marienkult ist in Italien ja auch ganz groß, und sie ist ja auch ’ne Mama ...

Es liegt wohl einfach daran, dass es in ärmeren Regionen zu teuer ist, von zu Hause wegzuziehen. Deshalb ist in mehreren südlichen Ländern der „Mutterkult“ recht groß.

Und welches am wenigsten?

Knackeboul: Dass alle Griechen faul sind. Und schwedische Männer Pussys. Uns wurde erzählt, dass schwedische Frauen ihre Männer schlagen, passend zum Stereotyp der starken schwedischen Frau. Dieses Klischee fand ich sowieso absurd und hatte schwedische Männer eigentlich eher als Wikinger gesehen (lacht).

Schwedische Männer sind überhaupt keine Pussys.

Holländer und Tulpen gehören zusammen. Knackeboul machte den Geschmackstest

Gibt es etwas, das alle Länder vereint? Wo sie sich ähneln?

Knackeboul: Na ja, diese Verschiedenartigkeit ist ein verbindendes Element. Es gibt verschiedene Zutaten, und man braucht sie alle, weil sonst was fehlt.

Was alle gemein haben ist zum Beispiel die Gastfreundschaft. Es gibt einiges, das sie verbindet, aber die Unterschiede sind auch extrem wichtig. Der schwarze Humor der Engländer und die Humorlosigkeit der Deutschen zum Beispiel.

Ich hoffe, dass man das auch in der Sendung sieht und so eine europäische Lebensfreude spürt.

Sind die Stereotypen über andere Länder vielleicht auch eine Form des eigenen Nationalgefühls?

Knackeboul: Ich glaube schon. Man nimmt die eigenen Stereotype an. Es hilft einem, sich abzugrenzen und die eigene Identität zu stärken. Viele Leute, die wir befragt haben, denken in Stereotypen, aber sehr selten meinten sie das dann todernst. Außer bei den Engländern und Franzosen.

Wir hatten zum Beispiel ein Gespräch mit einem französischen Gynäkologen und einem englischen Sexualforscher. Der Franzose sagte: „Es gibt einen G-Punkt“, aber der Engländer glaubte nicht dran. „Die Franzosen haben einfach nur eine große Klappe, wie immer.“ Und der Franzose dann wieder: „Die Engländer sind asexuell, sie finden ihn nur einfach nicht.“

Die Beziehung dieser beiden Länder ist echt schwierig. Hier die Engländer mit ihrem schwarzen, bösen Humor und dort die Franzosen, die oft wirklich eine große Klappe haben (lacht). Das macht dann Spaß, zuzuhören.

Welche Stereotype werden über Deutsche aufgeklärt?

Knackeboul: Sie saufen permanent Bier, sie haben eine krasse Pünktlichkeits- und Arbeitsmoral, keinen Sinn für Humor und essen dauernd Wurst. Das fünfte weiß ich gerade nicht mehr ...

Und, stimmen sie?

Knackeboul: Was würdest du sagen? (lacht). Die Engländer trinken vielleicht noch mehr Bier. Und die Deutschen sind eigentlich wie die Schweizer. Die Gespräche mit den Deutschen waren auch irgendwie ... speziell.

Ich will nicht zu viel verraten, du musst dir die Sendung ansehen. Aber die Stereotype über sie stimmen auf jeden Fall.

Knackeboul (l.) ist in der Schweiz als Rapper und Beatboxer bekannt

Was hast du bei deiner Reise über Stereotype gelernt?

Knackeboul: Ich habe tatsächlich mein eigenes Land besser kennengelernt. Es gibt ja dieses schweizer Biedermann-Klischee, aber ich wurde positiv überrascht. Und wir haben generell gemerkt, dass Geographie und Klima extrem prägend sind für Klischees und Stereotype.

In Frankreich sind das Klima und die Vegetation so gut, dass es viel Wein gibt. Das hat die Kultur und das Gemüt beeinflusst. Deutschland ist eine so riesige Fläche, auf der ständig irgendwo Krieg war. Ich glaube, wenn es immer ernst zuging, fehlt dir dann auch der Sinn für Ironie und Humor. Wir hatten einige spannende Gespräche darüber.

Deine Landsleute gelten international als besonders neutral. Können nur Schweizer diese Fragen stellen?

Knackeboul: Das war die Idee dahinter, als sie sich für mich und damit für einen Schweizer entschieden haben. Allerdings bin ich das Gegenteil von neutral, ich will immer meinen Senf dazugeben. Es gab Sachen, wo ich eigentlich gern den Zeigefinger nach oben gehoben hätte. Aber ich habe gelernt, mich rauszuhalten und nur zu beobachten.

Ein anderes schweizerische Stereotyp wurde mir aber zum Verhängnis: Wir sind immer übervorsichtig und überhöflich. Ich musste aber oft direkte Fragen stellen, das habe ich als Schweizer gar nicht hingekriegt. Ich hab’ dann immer rumgedruckst wie „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich das frage, aber ...“. Das war sicher viel Arbeit im Schnitt (lacht).

Die zehn Folgen der arte-Doku „STEREOTYP“ laufen ab Montag, 29. Mai 2017 täglich im Doppelpack um 16:15 Uhr. Außerdem sind die in der arte-Mediathek zu sehen.

Quelle: Noizz.de