Ja!, sagt Michael Elber, künstlerischer Leiter des Theaters HORA in Zürich.

Wenn Italiener Salò hören, denken sie an Faschismus. Denn das idyllische Städtchen am Westufer des Gardasees war von 1943 die Hauptstadt von Benito Mussolinis faschistischem Regime.

Diese braune Vergangenheit der Stadt war titelgebend für Pier Paolo Passolinis umstrittensten Film: „Salò oder die 120 Tage von Sodom“. Darin entführt und foltert eine Gruppe italienischer Faschisten ohne erdenklichen Grund Jugendliche auf einem Anwesen. Die jungen Männer und Frauen müssen Kot essen und werden vergewaltigt.

Bis heute ist der Film von 1975 in vielen Ländern verboten. Auch in Deutschland gab es Bestrebungen, „Die 120 Tage von Sodom“ zu verbieten.

Regisseur Milo Rau bringt Pasolinis Skandalfilm jetzt auf die Bühne des Schauspielhauses Zürich – und das nicht mit gewöhnlichen Schauspielern, sondern mit dem Ensemble des Theaters HORA – es ist das einzige professionelle Theater der Schweiz mit „geistig behinderten“ Schauspielern.

Vor der Premiere von „Die 120 Tage von Sodom“ haben wir mit Michael Elber gesprochen, dem künstlerischen Leiter des Theaters HORA.

NOIZZ: Hatten Sie Bedenken, Pasolinis radikalen Film mit Menschen auf die Bühne zu bringen, die eine Behinderung haben?

Michael Elber: Nein! Ich hatte auch keine Bedenken, 1992 ein Theater von und mit „geistig Behinderten“ zu gründen. Ich hatte keine Bedenken, 2001 „Die Lust am Scheitern“ 24 Stunden lang Non-Stop spielen zu lassen oder dass Beat Fäh 2008 mit „Herz der Finsternis“ den Massenmord im Kongo im 19. Jahrhundert mit der Pränataldiagnostik von heute verknüpfte.

Anders gesagt: Unsere SchauspielerInnen sind öffentlich anerkannt und preisgekrönt. Sie sind in dieser Arbeit primär SchauspielerInnen und erst danach auch staatlich zertifizierte Behinderte.

Mit „Die 120 Tage von Sodom“ erzählt unser Ensemble eine Geschichte über Pränataldiagnostik, die nur wir so erzählen können. Mit anderen SchauspielerInnen wäre das unmöglich oder geradezu ein Missbrauch!

Aber natürlich hatte ich auch keine Ahnung, wie Milo Rau das inszenieren würde. Ich war nach seiner Premiere von „Five Easy Pieces“ überzeugt, dass er auch hier eine schlüssige Form finden könnte. Und alles Weitere ist eben das Risiko der Kunst, wenn man sich an Grenzbereiche herantastet.

Michael Elber, der künstlerische Leiter des Theaters HORA Foto: Michael Bause / Theater HORA

NOIZZ: Wie waren die Reaktionen der Schauspieler auf das Stück?

Elber: Gut. Abgeklärt. Pragmatisch. Sie sind professionelle SchauspielerInnen. Sie haben sicher andere Produktionen, die sie lieber spielen, aber das ist der Job! Mit dem Projekt „Freie Republik HORA“ konnten sie in den letzten drei Jahren als Regisseure arbeiten und haben so ein enormes Rüstzeug erhalten, was Theater anbelangt.

Dadurch, dass unsere SchauspielerInnen seit Jahren 42 Stunden in der Woche am Theater arbeiten, weltweit hunderte von Vorstellungen gezeigt haben und selbst Erfahrung mit Regiearbeit haben, können sie entscheiden, was sie wollen und wie sie das tun.

NOIZZ: Was denken Sie: Wie wird das Publikum auf das Stück reagieren?

Elber: Bei der Hauptprobe war ein Teil erleichtert, vielleicht auch enttäuscht, dass es nicht so schlimm ist, wie sie erwartet haben. Das Schlussmassaker ist schwer zu ertragen für die ZuschauerInnen. Da wird vielleicht der eine oder andere den Saal verlassen. Für die SchauspielerInnen ist das eine enorme technische Herausforderung diese Folterszenen in der Dunkelheit zu spielen und sich zu orientieren. Aber alle machen das hochprofessionell.

Das Publikum wird wahrscheinlich nicht speziell entsetzt auf das Stück reagieren. Entweder sie kommen nicht oder diejenigen, die kommen, erwarten wegen der Skandalmaschinerie Schlimmeres, als dann wirklich gezeigt wird. Damit spielt das Stück, das wird auch angesprochen: Die Vorstellungskraft des Publikums.

Vom 10. Februar an ist Milo Raus „Sodom“-Inszenierung im Schauspielhaus Zürich zu sehen Foto: Toni Suter / Schauspielhaus Zürich

NOIZZ: Wie stehen Sie zu der Gewalt in „Die 120 Tage von Sodom“?

Elber: Die zentrale Frage ist: Darf und soll man in unserer Gesellschaft mit anerkannten Kulturschaffenden im Theater und sonst wo Gewalt thematisieren? Ich finde: Ja. Ebenso wie man Pumuckl, Biene Maja, das Weihnachtspiel und Bergdoktor thematisieren kann. Nur hat das Thema Gewalt mehr mit unseren „geistig behinderten“ SchauspielerInnen zu tun als das Thema Weihnachtsspiel.

Da verstehen sie zum Beispiel nicht, warum und wie eine unbefleckte Empfängnis funktioniert! Trotzdem wird in jedem Behindertenheim der Missbrauch betrieben, indem die Wohninsassen diese Geschichte mit diesem Stern und dieser unerklärlichen Erscheinung eines sprechenden Engels nachspielen sollen.

Wenn einer oder eine unserer SchauspielerInnen fragt, wie denn das geht mit der unbefleckten Empfängnis, antwortet man: „Du musst das glauben. Und wir spielen das jetzt einfach auch wenn du das nicht kapierst.“

NOIZZ: Inwiefern ist Pasolinis Stoff heute noch aktuell?

Elber: Das liegt auf der Hand. Das Ausmerzen der Anderen, die Unfähigkeit von großen Teilen der Gesellschaft, mit nicht normierten Individuen umzugehen, die Gleichmacherei durch Werbung, Medien, Medizin, Politik etc. muss ich wohl nicht erklären.

Quelle: Noizz.de