Ein Interview mit der Autorin und Regisseurin – und ein Bekehrungserlebnis.

„Da hinten steht Helene Hegemann“, sagte Til, mit dem ich gerade noch über US-Romanciers gesprochen hatte. Und tatsächlich, da hinten stand sie – jedenfalls sah sie von hinten so aus, als ob sie da hinten stand: unscheinbarer Körperbau, lange, hellbraune, ein wenig ungepflegt wirkende Haare.

Es war Sommer, ich war gerade nach Berlin gezogen und prompt auf eine Dachterassenparty in Mitte eingeladen worden. Immer voller Alk-Kühlschrank, Blick über das Regierungsviertel, gute Gespräche mit Literaten und Künstlern.

Gegen später wurde es ein wenig ungeordneter

Ich lernte Helene an jenem Abend nicht kennen, und damals war ich darüber nicht traurig. Wann immer ich etwas über sie gelesen oder sie in den Medien gesehen hatte, war sie mir hochgradig unsympathisch. Ich weiß eigentlich gar nicht so richtig warum.

Vielleicht, weil ich ihr den Erfolg nicht gönnte. Weil ich argwöhnte, dass das Feuilleton ihren Skandalroman „Axolotl Roadkill“ nur deshalb so intensiv besprochen hatte, weil sie die Tochter des renommierten Volksbühnendramaturgen Carl Hegemann ist. Ansonsten, dachte ich, wäre ihr Buch doch vollkommen egal gewesen. 17-Jährige schreibt in gutem Deutsch über Drogen, Sex und Partys. Gähn. (Außerdem fand ich es ungerecht, dass sie übers Berghain schwadronierte, während ich in Freiburg im Breisgau versauerte.)

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Dabei hatte ich das Buch selbst überhaupt nicht gelesen, was nur teilweise meine Schuld war. Als im Januar 2010 die Debatte um das „Wunderkind der Boheme“ (Der Spiegel) losging, hatte ich mir sofort „Strobo“ bestellt – jenen Roman des Berliner Bloggers Airen, aus dem sich Helene Hegemann wortwörtlich bedient hatte. Das schrieben jedenfalls die Zeitungen, und ich wollte nachschauen, ob es stimmt.

Allein, der Roman kam nie bei mir an. Auf dem Abholzettel stand „Herr Schmidt“. Und obwohl ich vier Wochen darauf verwandte, einen Nachbarn mit diesem Namen zu finden, überall klingelte, alle fragte, blieb ich erfolglos, und das Paket war verschollen. Und irgendwie wähnte ich Helene Hegemann hinter diesem Paketdienst-Streich.

Und da ich „Strobo“ nicht noch mal kaufen wollte und „Axolotl Roadkill“ nicht lesen wollte, ohne zuvor das Vorbild gelesen zu haben, kenn' ich die Bücher bis heute nicht. Ein klassischer Catch-22.

Viele Jahre später, ich wohnte mittlerweile gute zwei Jahre in Berlin, hab ich sie noch mal – ein drittes Mal –, erlebt, und wieder fand ich sie ziemlich scheiße – aber mein Widerstand fing an zu bröckeln.

Es war im ersten Obergeschoss des Promi-Restaurants Borchardt in Mitte. Dort fand der „Writers’ Thursday“ statt, bei dem unter anderem Helene Hegemann aus ihrem Roman „Jage zwei Tiger“ las. Viel literarische Halbwelt, Personas wie Moritz von Uslar, Rafael Horzon und Claudius Seidl. Und ein Publikum, das bei jeder Axolotl-Hegemann-Punchline lauthals sehnsüchtig auflachte.

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Ich fand ihre Sprache effekthascherisch. Ich fand: Das sind billig erkaufte Lacher, die nur im Carl-Hegemann-Setting zünden. Aber ich fand auch: Das hat sie drauf. Das musst du erst mal schaffen. Das schüttelst du nicht so einfach aus dem Ärmel.

Jetzt, vor ungefähr einer Woche, hab ich Helene persönlich kennengelernt – na ja, wir haben uns 20 Minuten lang WhatsApp-Nachrichten hin- und hergeschickt. Es ging um ihren neuen Film „Axolotl Overkill“, der dieser Tage ins Kino kommt. (Wobei wir gar nicht dazu kamen, wirklich über den Film zu reden, weil es einfach viel netter war, unbeschwert herumzuschäkern.)

Ich habe sieben Jahre in einem Irrglauben gelebt – jedenfalls, was ihre Person betrifft. Ich gelobe, mir „Axolotl Overkill“ anzuschauen und mir zumindest vorzunehmen, mindestens eins ihrer Bücher zu lesen. Ob ich daran am Ende wirklich gefallen finden werde? Keine Ahnung.

Aber Helene Hegemann ist super. Ich meine: Sie hat mich „Hübschi“ genannt!

Mit der ersten Interview-Frage gleich voll auf die Neun – aber Helene reagiert total entspannt
Waaas? Langweilig? Ich glaub ihr kein Wort.
„Schwanz“ statt „Schwarz“ – wie gewagt von mir ...
Ich hatte gehofft, dass sie jetzt auch ein Selfie rüberschickt. Fehlanzeige. Schade. Dafür: „Hübschi!“ (Ich erröte.)
Wir verstehen uns. Aber bei all dem netten Smalltalk geht wertvolle Interview-Zeit verloren ... Egal.
Ich versuche noch mal, die Kurve zu kriegen ... Mist. Zu spät.
Immerhin ein halbwegs smoother Abschluss. Super Schlusswort! „In die Politik gehen“!
  • Quelle:
  • Noizz.de