Nicht alles für bare Münze nehmen ...

Wer sich für Medienkunst interessiert, für den ist der Jahreswechsel in Berlin vor allem: kultureller Overload! Kaum hat das CTM Festival für experimentelle Musik und Kunst (NOIZZ berichtete) gestartet, geht es mit dem Schwesterfestival transmediale los, während in der Ferne schon das Filmfestival Berlinale winkt. So unterschiedlich diese drei Festivals sind, so eng sind sie doch miteinander verbunden.

Die transmediale, die am Mittwoch den 31. Januar, eröffnet, startete vor über 30 Jahren als Festival für Videokunst, eine Alternative zum klassischen Filmfestival Berlinale. Mittlerweile ist sie zu einer der weltweit führenden Anlaufstellen für Multimedia-Kunst, sowie Internet und Software Art geworden.

Installation: A Becoming Resemblance von Heather Dewey-Hagborg and Chelsea Manning Foto: Photo: Paula Abreu Pia / Courtesy of Heather Dewey-Hagborg, Chelsea E. Manning and Fridman Gallery, New York

„face value“ ist das diesjährige Thema, mit dem sich die Macher an fünf Tagen auseinandersetzen. Übersetzt bezeichnet „face value“ einerseits den Nennwert, der auf Münzen und Banknoten angegeben ist. Andererseits lässt es sich auch mit „etwas für bare Münze nehmen“ übersetzen. Welche Information wertvoll und wahr ist, ist im Zeitalter vom „fake news“ und „alternativen Fakten“ oft nicht mehr klar zu erkennen. Darum und um die großen Buzzwords unserer Gegenwart – Kapitalismus, Faschismus, Rassismus und Neoliberalismus – geht es im Konferenzprogramm mit Panels und Diskussionen.

Außerdem wird es natürlich viele Film- und Videoarbeiten geben, die sich generell mit der Macht von Bildern und Sprache auseinandersetzen – ästhetisch irgendwo zwischen Computerspielästhetik, Dokumentarfilmen und virtueller Realität.

Die Installation „Hate Library“ von Nick Thurston untersucht dabei die hasserfüllte Sprache rechtsextremer politischer Gruppierungen und Parteien. Auf ausgedruckten Listen sind Suchergebnisse zum Begriff „Wahrheit“ aus Internetforen gelistet. Damit zeigt er auf erschreckende Weise, dass Artikel wie „Immigration is British society’s biggest problem, shows survey“ oder „Golden Dawn Recruits Children in 'National Awakening’ History Course“ nur einen Klick von unserer eigenen Filter Bubble entfernt sind.

James Ferraro presents: Plague Foto: Artwork by Nate Boyce / Artwork by Nate Boyce

Ein Highlight wird sicherlich die Musikperformance „Plague“ des US-amerikanischen Künstlers James Ferraro. In diesem postdigitalen Musiktheater kriecht ein untoter Steve Jobs durch eine dystopische Zukunft, in der eine datenhungrige Künstliche Intelligenz die Macht übernommen hat. Eine Welt, die Jobs – überspitzt formuliert – selbst kreiert hat.

James Ferraro presents: Plague Foto: Nate Boyce / Nate Boyce

Wem das jetzt zu kompliziert und abgefahren klingt: Die Überforderung ist Teil des Konzepts. Mehr als alles zu verstehen, geht es darum, sich neuen künstlerischen Positionen und Ansätzen zu öffnen. Und sich eben öfter auch mal zu trauen, nicht alles für bare Münze zu nehmen.

transmediale/art&digitalculture

face value

31.01.–04.02.2018

Haus der Kulturen der Welt, Berlin

www.transmediale.de

Quelle: Noizz.de