Einer muss ja schuld sein.

So heißt es zumindest auf der Twitter-Seite des Sündenbots. Der ist ein Social-Bot, der sich für Katastrophen zwischen 735 vor unserer Zeitrechnung und 2016 entschuldigt. Für Dinge, für die kein Mensch die Verantwortung übernehmen wollte oder konnte.

Der Sündenbot ist der moderne Sündenbock. Programmiert hat ihn der Potsdamer Kommuniktaionsdesigner Gregor Weichbrodt (28). Im Twitter-Interview verrät er, warum er damit unsere Medien kritisiert und wie die Leute darauf reagieren.

NOIZZ: Wie bist Du denn auf die Idee gekommen?

Gregor Weichbrodt: Ich wollte einen Bot schreiben, der sich für Katastrophen entschuldigt. Von menschengemachten Katastrophen wie Kriegen oder Unfällen bis zu Naturkatastrophen dokumentiert die Wikipedia diese bis ins Detail. Für mich ist das als Materialsammlung reizvoll und ich dachte, ich mache mir diese Daten zu eigen. Ich schreibe schon länger Bots beziehungsweise Codes, die wiederum Text schreiben.

Und warum brauchen wir einen Sündenbot?

Gregor: Der Sündenbot kam mir gelegen, weil die Debatte um Social-Bots derzeit statt findet. Die meisten Berichte, die ich über Bots sehe, sind spekulativ und sorgen für Technikverdruss in den Augen derer, die weniger Ahnung von der Materie haben.

Mir ist klar, dass man sich Gedanken darüber macht, wie es zum Erstarken nationalistischer Strömungen kommt, aber Bots werden von Menschen gemacht, und Technik zu verteufeln, ist problematisch, weil man sich den Zugang zu ihr damit selbst verbaut. Es ist zwar angenehm, einfach zu recherchieren, dass Bots politische Propaganda streuen, aber das Thema hat man damit noch lange nicht abgedeckt.

Nur weil man in Deutschland vor 2016 keine Bots kannte, sehe ich nicht ein, weshalb man sich jetzt ausschließlich damit auseinandersetzt, wie gefährlich dieses Internet ist.

Von daher war dieses Projekt auch eine satirische Reaktion auf diese Debatte im deutschsprachigen Raum.

Ist das auch eine Gesellschaftskritik? Irgendwie will ja heute keiner mehr seine Fehler eingestehen und an etwas schuld sein.

Gregor: Interessant. Darüber muss ich nachdenken. Es ist eher eine Medienkritik als eine Gesellschaftskritik. Und eher eine Kritik an bestimmten Verhaltensweisen als an einer Gruppe von Menschen.

Wenn ich reflexartig „Entschuldigung” sage, weil ich gelernt habe, dass man das eben so macht, wenn man Mist gebaut hat, kann das auch mal als leere Geste verstanden werden. Wenn sich beispielsweise ein Öl-Konzern (British Petrol) in einem Image-Video für eine selbstverschuldete Umweltkatastrophe (Ölpest im Golf von Mexiko) entschuldigt, erst recht.

Es ist eben auch ein Unterschied, ob man nur Höflichkeitsstandards einhalten möchte oder die Nähe zum anderen sucht und um Verzeihung bittet. Letztendlich kann ich mir im Sinne des Wortes (ent-schuldigen) auch nicht selber die Schuld für etwas nehmen, das ich verursacht habe (auch wenn es in der Umgangssprache so funktioniert).

Und wie reagieren die Leute auf den Sündenbot?

Gregor: Einige lachen. Das war natürlich auch ein Ziel dieses Projektes. Ich kann darüber ja auch lachen.

Jemand hat mich gefragt, ob ich damit nicht auch die Opfer der Unglücksfälle verhöhnen würde. Das ist nicht meine Absicht und ich denke, die meisten sehen das auch. Das Tolle für mich am Text im Digitalen ist, dass der Text anfassbar, veränderbar und die Daten darin quantifizierbar werden.

Man kann sich von dem Computer ausrechnen lassen, welche Wortarten in einem Satz stecken und wenn man dem Computer beibringt, wie ein grammatikalisch korrekter Satz geformt ist, kann man auch Texte manipulieren oder schreiben lassen. Das Internet sozusagen als Materialquelle, anstatt immer nur Ort von Überwachung und Tyrannei.

Quelle: Noizz.de