Es ist ein Stück Musiktherapie.

Zwei Momente verbinden alle Menschen, sagt Marco Michael Wanda: Die Kindheit und der Tod. Da sind wir uns alle am ähnlichsten – dazwischen lebt jeder in seiner Lebensrealität, seinen Schattierungen.

Doch in der Kindheit hat jeder noch diesen freimütigen Blick auf die Welt, sammelt Erinnerungen für das ganze Leben – und mit dem Tod werden wir alle wieder so verletzlich, so hilflos wie als Kinder.

Das ist das Cover des neuen Albums Foto: Universal Music / Universal Music

Kindheit und Tod sind zwei Leitmotive des neuen Wanda Albums „Niente“, auf dem die Wiener noch ein Stück weit melancholischer und vor allem nostalgischer werden als auf den rockigen Vorgängeralben „Amore“ und „Bussi“.

Kaum Gesinge mehr über Alkohol oder Frauen aufreißen, vielmehr geht es um Erinnerungen, an Wien, das frühere Leben als „Bua“ und auch um Romantik, ohne dabei schnulzig zu werden, höchstens ein bisschen säuselig.

Ein paar tanzbare Tracks sind trotzdem wieder dabei. „Das Ende der Kindheit“ geht ins Ohr, auch „Weiter Weiter“ und das italo-angehauchte „Lascia Mi Fare“ machen Lust, sich zur Musik zu bewegen.

Wanda wecken in jedem Erinnerungen

Aber mehr als die Beine aktivieren Wanda mit „Niente“ vor allem Emotionen. Und das liegt bei Sänger Marco in der Familie.

Mutter Elena Fitzthum ist Musiktherapeutin in Wien. Sie glaubt daran, dass verborgene Gefühle aus früheren Zeiten am stärksten mit Musik geweckt werden – der Band ihres Sohnes gelingt das auf „Niente“ besonders gut.

Denn all die Zeilen über die „traurig schöne Kindheit“ („0043“), das Wiedersehen einer alten Liebschaft in einer Szene-Bar („Café Kreisky“) oder das Nicht-Genügen („Einfacher Bua“) wecken in jedem Hörer eigene Gefühle, persönliche Erinnerungen, Flashbacks und Assoziationen, an Menschen, Orte, Geschehnisse der Vergangenheit oder auch an Szenarien, alte und neue Träume.

Vieles statt Nichts

Und dann gibt es da noch „Das letzte Wienerlied“, bei dem Wanda die Gitarren komplett weglassen und so schwer- und wehmütig klingen wie nie zuvor, wie ein mit Morphium vollgepumpter Krankenhauspatient kurz vor dem Tod – das gab es zwar textlich schon ein bisschen im früheren „Schickt mir die Post“, doch diesmal ist auch die Melodie dunkel, besteht nur aus Klavier und Streichern, wie ein düsterer, vergrübelter Wintertag.

Der Text des Ganzen stammt dabei aus den 1940ern, geschrieben von einem Österreicher, adressiert an einen KZ-Häftling, der später glücklicherweise fliehen konnte.

Gerne springt man danach wieder zu „Weiter Weiter“, das eben auch ‚heiter heiter’ ist und den anderen, fröhlicheren Songs. Marco Michael Wanda fragt sich schon lange, ob man sich durch Schmerz oder durch Lebensfreude weiterentwickelt. Wahrscheinlich durch Beides.

„Niente“ ist eben das Gegenteil seines Titels, nicht „Nichts“, sondern sehr vieles. Wie ein Leben eben, zwischen Kindheit und Tod.

Quelle: Noizz.de