Ein Nachruf.

Ja, du hast richtig gehört: Die MP3 ist tot. Jedenfalls lässt das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen, jene Institution, die sie entwickelt hat, das Lizenzprogramm ausbluten ... äh ... laufen.

Dabei hatten wir uns gerade erst daran gewöhnt, dass die CD gestorben war. Und die Kassette. Und die Schallplatte.

All die alten Tonträger, die unsere Wohnzimmer mit Nostalgie einkleiden und den wenigen Staub unserer aseptischen Altbauten fangen. Das Billy-Regal als Musik-Friedhof.

Ob die MP3 darauf Platz finden wird? Als ausrangierter iPod-Shuffle oder externe Festplatte mit fehlendem Netzteil?

Die MP3 war kalt

Das war ja immer ihr Problem: Die MP3 war abstrakt, hatte nichts Haptisches. Man konnte ihr kein Cover verpassen, kein Booklet, nichts, was man anschauen oder anfassen konnte – außer per Pixel im Windows Media Player, bei Winamp oder iTunes. (Okay, es gab Skins, mit denen man seinen Player optisch pimpen konnte, und manche Programme hatten LSD-mäßige Visuals.)

Man konnte den Mixtapes nicht seine eigene Handschrift aufdrücken wie damals bei Kassetten. Noch nicht mal ein eigenes CD-Case basteln aus einem bedruckten, gefalteten Blatt Papier.

Man konnte zur MP3 keine persönliche Beziehung aufbauen. Die MP3 war kalt. Und irgendwie unheimlich.

Vielleicht auch, weil man Angst hatte, dass Ordner namens „jonbonjovi_bestof“ auch einen fiesen Virus enthielten. Oder weil man nie so ganz wusste, wie gut die Qualität der Datei war. Und wenn man auf einer Studentenparty vor hunderten von Leuten Trash auflegte, sollte der schon kristallklar aus den Lautsprecherboxen dröhnen.

Kostenlos so viel Musik, wie du Platz hast

Aber die MP3 war auch ein Segen – für den Privatnutzer, nicht für die Musikindustrie. Mit ihr konnte man zig Songs von zig Bands immer dabei haben – auf dem iPod, der externen Festplatte oder dem Laptop. Und sich überhaupt mal eine Musiksammlung aufbauen, ohne die Plattensammlung der Eltern geerbt zu haben.

Denn die MP3 hieß vor allem auch zum ersten Mal: kostenlos so viel Musik, wie du willst – beziehungsweise so viel Musik, wie du in der Lage bist, irgendwo aufzutreiben, im Internet oder bei deinen Freunden, und so viel Musik, wie auf deinem Datenträger Platz ist.

Denn machen wir uns nichts vor: Zumindest die Jugend zahlte nie auch nur einen Cent für eine MP3. Man zog sich die Teile, gab sie weiter, tauschte sie, löschte sie, wenn man keine Lust mehr darauf hatte – oder die Festplatte voll war. Es war die wildeste Kopier-Orgie aller Musik-Zeiten.

Jeder kannte irgendwen, den man fragen konnte, wenn man was brauchte. CDs kopieren oder Kassetten überspielen waren dagegen lahme Rentner-Hobbys.

Spotify machte ihr den Garaus

Ich selbst hatte meine Sammlung nach Genres, Jahrzehnten und Ländern geordnet: Hip-Hop, Elektro, Klassik, Jazz, 70er, 80er, 90er, Trash, Charts, Italien, Sonstiges. Wenn ich bei einer Feier auflegte, wusste ich – je nach Publikum – ganz genau, welchen Ordner ich öffnen musste, um die Partycrowd glücklich zu stimmen.

YouTube versetzte der MP3 einen ersten empfindlichen Schlag. Spotify machte ihr den Garaus. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich meine Musikfestplatte das letzte Mal angeschlossen habe.

Jeder Song ist jetzt immer überall umsonst verfügbar.

Was wohl danach kommt? Wie wir den Stream dereinst begraben werden? Vielleicht in der Cloud? Die wäre schön weiß. Genau wie unser Billy-Regal.

Quelle: Noizz.de