Die Tagebucheinträge des Berliner "Party-Impresarios" sind veröffentlicht worden.

Große literarische Werke streiten sich oft um den besten ersten Satz. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte …" ist so einer. Oder: "Nennt mich Ismael." Wenn es nach ersten Sätzen geht, ist der sogenannte literarische Nachlass des im April mit nur 34 Jahren verstorbenen Mode-Bloggers ("Dandy Diary") Carl Jakob Haupt genau das: große Literatur.

"Im Schnitt sieben Jahre", heißt es darin zu Anfang – und gemeint sind die Jahre, die einem nach einer solchen Krebsdiagnose noch zu leben bleiben.

"Im Schnitt sieben Jahre" hat die WELT ihre Veröffentlichung von Carl Jakob Haupts literarischem Nachlass in der Ausgabe vom Samstag, 18. Mai 2019 dann auch betitelt. Ein ganzes Faszikel hat die Tageszeitung dafür freigeräumt. Acht Seiten, in denen es sonst um Neuerscheinungen und Neues aus dem Reich der Literatur geht. (Der berühmte Literaturkritiker Denis Scheck hat darin zum Beispiel eine Klassiker-Kolumne.) Auf der Titelseite jener WELT-Ausgabe prangte Jakobs nackter Torso mit seinen zahlreichen Tattoos.

Dass Carl Jakob Haupt nicht nur irgendein Blogger war, kein gewöhnlicher Abgesandter jener Zunft, die mittlerweile für vieles steht, aber nicht mehr für schreiberische Qualität, ist in den zahlreichen Nachrufen hinlänglich bezeugt worden. (Einmal ganz abgesehen von der Tatsache, dass er viel mehr war als "nur" ein Blogger – ZEIT-Journalist Moritz von Uslar hat ihn in seinem großen Porträt treffend "Berliner Party-Impresario" getauft.)

Einer seiner engsten Freunde, der BILD-Chefreporter Paul Ronzheimer, schrieb zum Beispiel über ihn: "Wenn Haupt diese Zeilen, seinen Nachruf lesen könnte, dann würde er jetzt vermutlich den Aufbau des Textes kritisieren. Er konnte besser, weil unverwechselbar, schreiben als andere. Bis zuletzt."

"Bis zuletzt" – das ließ darauf hoffen, dass man noch etwas von ihm lesen würde, sodass, selbst wenn er selbst nicht mehr wäre, wenigstens seine Worte noch weiterleben würden. Am Freitag vor einer Woche teaserten dann einige verschiedentlich in die Sonderausgabe der "Literarischen Welt" Involvierte diese in den sozialen Medien an. Ronzheimer, BILD-Chef Julian Reichelt, WELT-Chef Ulf Poschard und natürlich Giannina Haupt (auf Instagram @gia_escobar), die 25-jährige Witwe von Jakob.

Giannina schrieb auf Instagram: "Morgen erscheint die 'Literarische WELT' mit zehn Seiten von Jakob, über den Krebs und über sein Leben, die er in den vergangenen Jahren geschrieben hat und ursprünglich als Buch veröffentlichen wollte. Es ist wahnsinnig bewegend und gleichzeitig humorvoll geschrieben [...]. Wir müssen Jakobs Worte verbreiten."

Und Ronzheimer postete: "Lieber Jakob, ich glaube, du hast dich von da oben kaputt gelacht, als ich gestern Nacht wie ein Wahnsinniger bei Axel Springer auf die ersten Exemplare der WELT gewartet und alle zwei Minuten gefragt habe: 'Wann kommen die denn endlich aus der Druckerei?' Und du hast ganz sicher zugeschaut, als deine so großartige, so tapfere, so schlaue Ehefrau die Ausgabe das erste Mal in die Hand nahm und vor Freude weinen musste [...]. Was für ein begnadeter Schriftsteller du doch warst."

Man konnte es, ehrlich gesagt, gar nicht glauben. Es war, als hätte jemand Jakobs Auferstehung proklamiert. Und ein bisschen trifft das ja auch zu. (Und wenn man schon mal bei Jesus ist: Auch er hatte eine – allerdings anders gelagerte– Leidensgeschichte und starb mit circa 34 Jahren.)

"Jakob hatte ursprünglich vor, ein Buch zu veröffentlichen", sagt Ronzheimer, als ich ihn frage, wie das Ganze zustande gekommen sei. "Aber weil er es bis zu seinem Tod nicht mehr geschafft hat, überließ er die Dokumente seiner Ehefrau Giannina, für die sofort klar war, dass das veröffentlicht werden soll." Die "Literarische WELT" sei ihnen als die beste Möglichkeit dafür erschienen.

Jakob wusste, dass Ronzheimer und Giannina sich darum kümmern würden, dass sie alles tun würden, um sein literarisches Erbe bestmöglich zu präsentieren. "Ich denke, er wäre stolz, dass er es sogar auf die Seite 1 der WELT geschafft hat und eine komplette Extra-Ausgabe der 'Literarischen WELT' zustande kam", sagt Ronzheimer.

Die WELT-Ausgabe war ein Riesen-Erfolg. An vielen Kiosken war sie ausverkauft. Menschen, die jene Tageszeitung vorher nie in der Hand gehalten hatten, besorgten sie sich oder bezahlten digital, um den Text online lesen zu können (Lesedauer: 42 Minuten). Es heißt, es wurde ein Rekord aufgestellt.

Es sind acht wunderschöne Seiten geworden. Acht Seiten, die insbesondere auf Papier ihre magische Wirkung entfalten. Acht Seiten, die Jakob gefallen hätten – dem Printzeitungsleser, dem Ästheten. Wer sein Leben auf Instagram verfolgt hat, weiß, wie sehr er die guten, alten, gedruckten Zeitungserzeugnisse liebte.

Fünf große Fotos, teils über die gesamte Seite: Jakob und Giannina umarmen sich, halten am Tag ihrer Verlobung Händchen, die zwei bei ihrer Hochzeit auf Sizilien. In der Mitte des Zeitungsbuchs eine Collage mit Momentaufnahmen aus Jakobs Leben: Er und sein Kompagnon David Kurt Karl Roth mit ihren "Dandy Diary"-Sneakern von Kangaroos, die beiden im "Dandy Diner"-Outfit, Fotos von "Dandy Diary"-Partys zur Berliner Fashion Week (unter anderem mit Harald Glööckler), er, Paul Ronzheimer und Vitali Klitschko, er und Giannina im Bett verkleidet als John Lennon und Yoko Ono, er und sie in Kalifornien.

Und natürlich Text: zehn Abschnitte, zumeist aus seinem Tagebuch, entstanden zwischen 2002 und 2019 an Orten wie Kassel, Berlin und Mölln. Eine ganze Spalte füllen Notizen.

Wer hofft, dass dies nur ein Ausschnitt war, dass da noch mehr ist und irgendwann das vollständige "Dandy Diary" erscheint, wird enttäuscht. "Es gibt keine weiteren Texte in der klassischen Tagebuchform", teilt mir Ronzheimer mit, "allerdings andere Texte von Jakob, die interessant sind." Ob und wie daraus ein Buch entstehen könnte, darüber entscheide allein Giannina.

Allein der Anfang: der Augenblick der Diagnose. Als ein Arzt Jakob mitteilt, dass er Krebs hat. Wie die Krankheit in sein Leben kracht, in das geplante Frühstück in der Sonne, in den Alltag. "Während die Menschen um mich herum Kinder bekamen, bekam ich Krebs."

Jakob und Krebs, das scheint ein Gegensatz. Das wird vor allem deutlich, wenn er seinen Aufenthalt in einer Reha-Klinik in Mölln beschreibt. Die Leute, das Essen, das Zimmer, die Untersuchungen, die Physio – das ist alles so gar nicht seins. Er kann und will sich damit nicht gemein machen. Man spürt, er wehrt sich, schlägt den unannehmlichen Umständen der Krankheit ein Schnippchen, haut ab, ist noch Schelm, ist – trotz allem – noch lustig.

Die Abschnitte, in denen er den Krebs beschreibt, und jene, in denen gefeiert wird, stehen unmittelbar nebeneinander. So muss sich sein Leben angefühlt haben. Im einen Augenblick geht es noch darum, dass "der Krebs [...] am Skelett angelangt"; im nächsten findet man sich inmitten der Vorbereitungen für eine Silvester-Sause am Alexanderplatz wieder: "Wir [...] luden ein paar Hundert Leute ein und Uwe, der, auf einem Servierwagen rollend, eine Rakete aus dem Arsch in die Menge feuern sollte."

Die Millenniums-Party zur Fashion Week Berlin im Januar 2018 Foto: Instagram / carljakob

Es ist die oft gehörte aber niemals gelesene Geschichte, wie Jakob und sein Komplize David versuchten, den italienischen "Proll-DJ" Gigi D'Agostini zu buchen. Unfassbar lustig, unfassbar rasant. Eine Räuberpistole. Thomas Manns "Felix Krull" im 21. Jahrhundert. Solcherlei Stellen gibt es einige: Sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen, machen uns Normalos neidisch, zeigen, wie intensiv Jakob gelebt hat und wie groß der Kontrast zur Krankheit war. Dazu gehört auch die Rückblende auf seine Zeit in einer Kasseler WG, als er sich wegen Geldmangels regelmäßig "ein fades Mahl aus Nudeln und Tomaten" kochte.

Stilistisch erinnern das Geschriebene an Benjamin von Stuckrad-Barres "Panikherz", thematisch an das Krebs-Tagebuch des 2010 verstorbenen Regisseurs und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief ("So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!"). Wie schade, dass ihm keine Zeit mehr blieb, sein Werk zu einem Ende zu bringen.

“Es war mal wieder Fashion Week und ich hatte es mal wieder übertrieben”, schreibt Jakob im Februar 2018 und lässt noch einmal seine eindrucksvolle Party-Routine Revue passieren. Dann ändert sich etwas. Er stoppt das alles – wie er sagt – und hört auf, zu trinken. Man spürt förmlich, wie das Leben aus ihm weicht. Später, Metastasen in den Knochen, Selbstmordgedanken.

Und dann ist da natürlich noch Giannina. Jakobs Hochzeitsrede ist abgedruckt. Darin beschreibt er, wie sie sich kennengelernt "und ganz klassisch sofort verliebt" hatten. Wie kurz darauf die Diagnose kam, und sie trotzdem mit ihm zusammen sein wollte. Er nennt sie "die Frau, die ich liebe und mit der ich zusammen doch bitte schön alt werden möchte". Auch die letzten Worte – seine Grabrede, die er vor seinem Tod am 19. April noch selbst verfasst hat – sind abgedruckt und gelten Giannina. "Gia", wie er sie nennt, hat sie später auf Instagram gepostet.

Die Liebe meines Lebens, die für immer meine Liebe bleiben wird, mein Herz ist von uns gegangen. Mein Ehemann Carl Jakob Haupt ist Karfreitag in meinen Armen friedlich eingeschlafen. Er hat sich so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hat. Nach Wochen des Kampfes gegen den Krebs. Er war in diesem letzten Moment ganz bei mir, bei unserer Liebe. Die Zeit, die wir beide miteinander hatten, war so intensiv, dass Worte sie nicht beschreiben können. Wir haben jeden Tag so miteinander gelebt, als wäre es unser letzter. Wir haben ein Leben geführt, das so von uns geprägt war, dass alles andere egal war. Wir haben bedingungslose Liebe erlebt. Auch wenn Jakob nur 34 Jahre alt geworden ist, hat er so viele Spuren hinterlassen, eine so tolle Familie gehabt, so viele großartige Freunde gefunden, dass er in uns allen weiterleben wird. Er war und ist unser Häuptling. Ich weiß, dass er so viele Menschen verzaubert hat mit seinem unbeschreiblichen Lächeln, seiner Energie und seiner Klugheit. Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen. Jakob hat sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen, sich immer seine eigene Meinung gebildet und war für alle Menschen offen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Jakob ist immer bei mir und bei uns. Er schaut jetzt von einem anderen Ort auf uns, wacht über mich und lächelt, weil er weiß, dass wir ihn nie vergessen werden. „Du bist das erste an das ich denke, wenn ich morgens aufwache - und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ (Jakob an mich, April 2019) Unsere Liebe bleibt. Jetzt ist spáter für immer. 🐺🐺❤️🤘🏽

Wer den Text in der WELT komplett gelesen hat und bei diesen Worten ankommt, der kann nicht anders als zutiefst gerührt sein. Was für eine traurige, tragische Geschichte.

Wenn man irgendetwas Positives darüber sagen kann, dann, dass sie nicht verloren gegangen, sondern von Jakob erzählt worden ist. Und dass daraus in diesem Augenblick eine Organisation entsteht, die Paaren mit demselben Schicksal wie Carl Jakob Haupt und Giannina helfen soll: Paaren, die durch die Krankheit Krebs aus dem Leben gerissen werden.

Wer spenden möchte, kann dies bereits tun – unter DE 374 786 012 505 012 334 00 mit dem Verwendungszweck "Treuhandkonto Carl Jakob Haupt". Und wer den Text noch lesen will, findet ihn auf WELT.de: Eine große Liebe, ein früher Tod: Wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.

Am Ende sind sich wohl alle einig. Paul Ronzheimer: "Wir alle vermissen Jakob jeden Tag. Die Literatur lässt ihn zumindest für einen Moment wieder sprechen."

Quelle: Noizz.de