Wer würde freiwillig für so eine Chefin arbeiten?

Es ist ein merkwürdiges Ritual, das Geschäftsführerin Erika Nardini sich ausgedacht hat.

Bewerber, die für ihre Lifestyle-Seite „Barstool Sports“ arbeiten wollen, testet sie so: „Ich werde Ihnen sonntags entweder um elf Uhr vormittags oder um neun Uhr abends eine Nachricht schreiben – einfach um zu sehen, wie schnell Sie antworten.“

Das sagte Nardini der New York Times.

Die Unternehmerin hält das anscheinend für vollkommen normal und gerechtfertigt. Maximal drei Stunden räumt sie Kandidaten für eine Antwort ein. „Ich denke immer an die Arbeit“, sagt sie, „andere müssen nicht die ganze Zeit arbeiten, aber ich möchte Mitarbeiter, die, genau wie ich, immer daran denken.“ Sie belästige die Angestellten natürlich nicht das ganze Wochenende – „aber ich will, dass sie erreichbar sind.“

Mit dieser Aussage schafft es Frau Nardini, sich in nur einem einzigen Satz selbst zu widersprechen. Denn natürlich löst sie mit ihrer Taktik Dauerdruck bei ihren Mitarbeitern aus. Vielleicht sitzen sie am Wochenende nicht im Büro, weil sie eben frei haben – wer aber die ganze Zeit an Arbeit denkt, wie sie es fordert, kann einfach nicht abschalten.

Damit schießt sich Nardini ein Eigentor. Wer nie eine Ruhepause bekommt, der wird immer weniger kreativ und leistungsfähig. Das belegen zahlreiche Studien, zuletzt die von Yougov aus dem Jahr 2016.

Für mich ist das logisch: Wie soll ich mich in meiner Freizeit meinen Freunden, meinem Partner, meinem Urlaub widmen, wenn ich ständig fast panisch mein Email-Postfach checke? Richtig – gar nicht. Der ständig erreichbare Angestellte ist für manche Chefs vielleicht eine schöne Vorstellung. Für einen guten Chef aber ganz sicher nicht. Der sorgt sich neben der Produktivität seiner Mitarbeiter nämlich auch darum, ob es ihnen gut geht.

Ich weiß nicht, wie Erika Nardinis „Freizeit“ aussieht. Vermutlich hat sie weder Hobbys noch innige Beziehungen. Niemand ist gerne dauerhaft die Nummer zwei. Und den Job überall und zu jeder Uhrzeit zur Nummer eins zu machen ist für mich nur eins: ungesund.

Quelle: New York Times