YouTuberin Raffa's Plastic Life im "IDENTITY"-Interview über Geschlechtsidentität.

Sagenhaft volle Lippen, rosafarbenes Haar – zurecht gelegt wie Zuckerwatte, Fake-Lashes bis nach Meppen und Gel-Nägel, mit so vielen Plastik-Diamanten besetzt, sie könnten mit den britischen Kronjuwelen konkurrieren. 

"Ich bin schon die Königin vom Trash", verkündet Raffaela Zollo a.k.a. Raffa's Plastic Life ohne mit der falschen Wimper zu zucken, als sie sich mir im "IDENTITY"-Interview vorstellt. Für viele ihrer über 540.000 Follower ist sie schlichtweg die YouTube-Ikone ihrer Zeit. Mir kommt die 26-Jährige vor wie ein Blick in die Zukunft. In eine Zeit, in der veraltete Normen nicht mehr gelten – und jeder so sein kann, wie er oder sie verdammt nochmal sein möchte. Hach!

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"Es lohnt sich, nicht aufzugeben, weil man dann ein Leben lebt, in dem man selbst ist." Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

Ihrer riesigen Audience beschert Raffa mit Make-up-Tutorials und Story-Times regelmäßig Lachflashs – trotz des ganzen Make-ups und der unechten Nägel zeigt sie sich so uneitel, dass einem das Herz nur aufgehen kann. Diese Frau hat die Selbstironie gepachtet. Kein Scherz auf eigene Kosten ist zu blöd. Raffa strotzt so sehr vor authentischem Selbstbewusstsein. Da kann einem schnell mal entfallen, welch komplexe Reise dieser Mensch hinter sich gebracht hat. 

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Raffa kommt in den 90ern als Junge zur Welt

Bis es die Raffaela gibt, wie sie heute vor mir sitzt, hat es ein ganzes Erwachsenwerden und mehr gebraucht. Raffa kommt in den Neunzigern als Junge zur Welt. Mit 13 versteht sie endlich, warum sie sich jahrelang so falsch in ihrem Körper fühlt. Raffa ist kein Junge. Raffa hat nur den Körper eines Jungen.

Eine Erfahrung, mit der die YouTuberin nicht alleine ist. Immer mehr Menschen wollen sich nicht in die Schubladen "männlich" oder "weiblich" pressen lassen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität sind 0,25 Prozent aller geborenen Kinder trans*. Ein Umstand, der das Leben zur Hölle machen kann. Zwischen 2008 und 2018 wurden laut dem Forschungsprojekt Trans Murder Monitoring (TMM) weltweit 2982 Tötungsdelikte erfasst – Hassmorde an trans*Menschen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Trans*Kids werden gemobbt, ausgeschlossen, nicht für voll genommen.

Die Gesellschaft stellt sich mit dem Rücken zu diesen Menschen, die von Intoleranten als "nicht normal" bezeichnet werden – und zerstören damit ganze Leben. Die Suizidrate liegt laut ersten Studien bei trans-geschlechtlichen Jugendlichen höher als bei cis-geschlechtlichen. Geschlechtsidentität wird zum fatalen Risikofaktor.

In Raffas Fall lief schlussendlich alles glatt. Trotz Angst vor Ablehnung, etlichen Anläufen und Erklärungsversuchen vor Eltern und Ärzten. Heute sieht die Welt der Schweizerin so aus, wie es sich viele erträumen. Als Raffaela Zollo steckt sie im richtigen Körper – nach einer langen, oft schwierigen Reise.

Für das neue NOIZZ-Format "IDENITITY" spricht sie mit mir über ihre Geschlechtsangleichung, Vorurteile, Akzeptanz innerhalb der Familie, Höhen und Tiefen. Und sie hört sich Geschichten unserer Leser an, die selbst noch nicht so weit "gereist" sind wie der Social-Media-Star. Menschen, die noch mitten in der Krise mit ihrer Geschlechtsidentität stecken. 

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Raffa und Candy – mehr Wille zur eigenen Authentizität geht nicht

Zum Interview kommt Raffa in Begleitung. An ihrer Seite: Drag Queen Candy Crash. Die beiden wirken wie ein Duo, das jedwede Konvention mit einem Blick aushebeln könnte. Ein unschlagbares Gespann. Candy: schlagfertig und stark. Raffa: emphatisch und zart.

Man merkt, diese Zwei verbindet einiges. Was das ist, liegt auf der Hand: Raffa kommt mit einer Geschlechtsidentität auf die Welt, die nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht. Candy ist homosexuell und polarisiert in Hinterwäldler-Kreisen mit ihrem Drag-Dasein. Beide sagen dem Unverständnis der Gesellschaft den Kampf an, in aller Öffentlichkeit. Dass das nicht immer leicht ist, versteht sich von selbst.

Das Band zwischen den beiden wird besonders deutlich, als Raffa im Interview davon spricht, wie schwer "diese ganze Sache mit der Selbstakzeptanz" und mit der Zustimmung von außen ist – inklusive Familie und Freunde. Rechts hinter mir sitzt die toughe Candy. Ihr laufen die Tränen übers Gesicht. Ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie die beiden Freunde sich im Privaten Mut zusprechen, wenn es von irgendeinem Human-Banausen mal wieder einen Kommentar à la "Trans und Drag finde ich ekelhaft" gab.

"Es lohnt sich, nicht aufzugeben, weil man dann ein Leben lebt, in dem man man selbst ist."

Und Raffa, das wird während unseres Gesprächs mehr und mehr klar, ist trotz ihres zarten Wesens mindestens genauso tough wie Candy rüberkommt. "Es lohnt sich, nicht aufzugeben, weil man dann ein Leben lebt, in dem man man selbst ist. Du solltest nicht für Patricia, Melinda, Fernanda, Roberta, Rosana leben – sondern für dich selber", appelliert sie an alle, die sich noch nicht als trans* geoutet haben oder damit hadern. 

Raffaela Zollo Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

Aber auch Raffa ist nicht am Ende ihrer Reise angelangt

"Wenn ich einen näheren Kontakt, also sexuellen, mit jemandem habe, fühle ich mich nicht zu hundert Prozent wohl, komplett nackt", gibt sie zu – und man merkt, so ganz leicht fällt ihr dieses Eingeständnis nicht. "Irgendwie sagt mir mein Kopf doch immer wieder: 'Raffa, der Mann erwartet das und das'", versucht sie ihren Struggle auf den Punkt zu bringen. Manchmal hätte sie immer noch das Gefühl, dass sie das – was genau das auch sein mag – nicht zu hundert Prozent erfüllen könne. "Du kannst Tausende OPs machen, aber wenn du innerlich nicht mit dir selbst im Reinen bist, wirst du niemals glücklich sein."

Selbstreflexion par excellence.

Raffaela Zollo aka. Raffa's Plastic Life Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

"IDENTITY" by NOIZZ – ein neues Videoformat geht an den Start

Mit "IDENTITY" launcht in diesem Juli eine spannende Videoreihe. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste Folge mit Trans*Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

Quelle: Noizz.de