Der 23-jährige Leipziger stellt klar: Wir können alle etwas tun, um die Welt weniger transphob zu machen.

Sir Mantis ist der Transmann im Deutschrapp. Warum nicht nur Trans*Menschen unter genormten Gender-Rollen leiden, sondern jeder Mensch, hat er für NOIZZ aufgeschrieben.

Ich bin transmännlich. Je nach dem, wie vertraut meine Gegenüber mit der LGBTQI*-Community sind, erkläre ich das auf drei unterschiedlichen "Leveln". Level 1: Ich bin ein Mann, der früher mal eine Frau war. Level 2: Ich bin ein Mann, der bei der Geburt einem falschen Geschlecht zugewiesen wurde. Level 3: Ich bin eine Person, die sich in einem hetero-normativen binären Geschlechterbild mit Testosteron wohler fühlt.

Ich selbst hatte nie eine Identitätskrise. Mein Umfeld hatte eine mit mir.

Ehrlich gesagt, war ich mir eigentlich immer sehr sicher, wer ich bin. Als Kind denkt man eigentlich sowieso nicht über Geschlechter nach. Aber meine Mutter und mein Vater wollten mir immer Mädchenkleidung kaufen. Wenn ich Ritter gespielt habe, war es für sie zwar okay, aber nur solange ich dabei Mädchenkleidung trage. Im Prinzip war mein Vater eher liberal. Dass wir zusammen mit Physikbaukästen gebastelt haben, fand er total normal. Aber dass das eigene Kind Jungskleidung tragen will, das Kind, was eigentlich ein Mädchen sein soll, das war sehr schwierig für meine Eltern.

Ich selbst hatte also nie eine Identitätskrise, sondern mein Umfeld mit mir. Irgendwann habe ich mich aber durchgesetzt und einfach Jungskleidung getragen. Dann kamen im Schulbus ständig Leute auf mich zu und haben mich gefragt: Bist du ein Junge oder ein Mädchen? Und das sind Fragen, die bis heute nicht aufgehört haben. Sobald du die Geschlechtermatrix der Leute nicht bestätigst, kommen die Leute immer wieder zu dir, weil sie das als störend empfinden.

"Mann und Frau" - Natur oder Konstrukt?

Ich weiß nicht, wann es so entstanden ist, aber im Laufe der Menschheit hat sich machtvoll ein Zwei-Geschlechterbild ergeben (männlich und weiblich). Männer werden am Penis festgemacht, Frauen an Vulva und Brüsten. Das Fatale: Der Großteil der Gesellschaft denkt, dass sich das niemals verändern kann und eine gesetzte Norm ist: zwei (heterosexuelle) Geschlechter. Diese binäre Teilung ist an sich schon mal problematisch, wenigstens für die, die sich damit nicht identifizieren können, aber eigentlich für alle, weil jeder immer wieder von der Norm seines Geschlechts reguliert wird.

Zweitens dürfen Männer in diesem Verhältnis sehr viel tun, was Frauen nicht tun können, ohne dafür von der Gesellschaft diskriminiert zu werden. Wenn Jungs weinen, ist das zum Beispiel schlimm. Wenn ein Mädchen einen Jungen schlägt, ist er entmannt – und das Mädchen wird als burschikos abgestempelt. Wenn Jungen sich prügeln, ist das hingegen total normal. Menschen werden in die binäre Unterschiedlichkeit hinein erzogen und nehmen andere Verhaltensweisen an. So erhält man von Familie und Gesellschaft unterschiedliche Regulierungsmechanismen.

Ich bin jetzt übrigens seit drei Monaten auf Testosteron und ich habe nicht das Gefühl, irgendwie mehr zu einem "Mann" zu werden, was meine Person angeht. Ich kann also nicht bestätigen, dass der biologische Körper einen Einfluss auf die Persönlichkeit hat. Trotzdem: Mann und Frau sind zwar starre Kategorien, aber ich identifiziere mich schon als männlich. Trotzdem finde ich sehr viel von dem, wie Männer in dieser Gesellschaft sein sollen, nicht in mir. Das liegt aber auch daran, dass ich weiblich erzogen wurde, auch, wenn ich mich mit dieser Rolle nie identifiziert habe.

In Gender-Kategorien zu denken ist ein Fehler an sich. Die Frage ist nur: Was können wir JETZT verändern und was sitzt so tief, dass es aktuell noch keinen Sinn macht, daran zu denken? Es ist auf jeden Fall eine diskriminierende Gesellschaftsordnung, die in der Diskriminierung sehr viele Gesichter haben kann.

Menschen denken zum Beispiel immer noch in männlich und weiblich, obwohl wir auf Bundesebene längst ein drittes Geschlecht haben. Wenn man Menschen auf der Straße trifft, werden sie immer noch anhand ihres Körpers als Mann oder Frau gelesen. Das ist für Inter-Personen problematisch. Die werden dann falsch eingeordnet und es spricht ihnen die Existenz ab; sie werden einfach nicht mitgedacht. Und natürlich gibt es auch physische Gewalt. Oder verbale Gewalt, wie "Sei mal nicht so ein Mädchen!".

Leben außerhalb der Norm

Für uns Transmenschen bedeutet das: Wir haben nicht denselben Anspruch auf gesellschaftliche Teilnahme. Heißt: Marginalisierung – wir werden ausgeschlossen. Wir können nicht die selben Dinge tun, wie andere. Ich kann nicht in eine Battlerap-Cypher gehen, ohne dass mir immer die selben Dinge gesagt werden (Fotze, Lesbe, Transe). Natürlich wirkt sich das auf die Psyche aus.

Wir leben mit sehr viel Angst, teilweise schon, wenn wir einfach nur von fremden Leuten angesehen werden. Bei mir persönlich ist diese Angst zum Glück nicht zu stark. Aber von anderen Transleuten weiß ich: Es gibt sehr viele, die Angst haben über die Straße zu gehen. Vor allem im Sommer, wenn es sehr warm ist und man viel Körper sieht. Bei vielen schlägt diese Angst in Depressionen und Sozialphobie um. Dann fällt dir die soziale Teilnahme an Gruppen unfassbar schwer, selbst das Einsteigen in eine Straßenbahn.

Bis zu einer Welt ohne Transphobie ist es noch ein weiter Weg

Wir brauchen Bartöl, das nicht in einer Abteilung für Männer, sondern in einer für Menschen mit Bart steht.

Wie unsere Gesellschaft idealerweise aussehen würde, kann man sich jetzt noch gar nicht vorstellen. Wir sind gerade gesellschaftlich an einem Punkt, an dem wir für Sichtbarkeit kämpfen. Deswegen können wir noch nicht so richtig an Ideale denken. Aber: Ich glaube, es darf keine Pronomen mehr für Personen geben. Und auch keine gegenderten Produkte. In einer idealen Gesellschaft gibt es gibt keine Männer- und Frauenabteilungen. Kleidung würde einfach in Beschreibungen wie "kleiner & tailliert", oder "größer & gerade" unterteilt werden. Es gäbe Bartöl, das nicht in der Abteilung für Männer steht, sondern in einer Abteilung für alle Menschen, die einen Bart haben.

Was diese Entwicklung betrifft, sind wir aktuell an einem sehr schwierigen Punkt. Die Gesellschaft polarisiert sich. Es gibt einen sehr großen Zuspruch für Rechtsextremismus. Die sogenannte "Mitte" geht verloren. Wir spalten uns in die Lager konservativ &und rechtsextrem, sowie progressiv und links. Das gibt Diskriminierungen noch mal eine andere Härte. Auf der anderen Seite entsteht aber auch viel mehr Offenheit. Ein Teil faschisiert sich, ein anderer denkt um und ist offen für die Menschen, die bisher ausgeschlossen wurden.

Und das ist meine Rolle in diesem Prozess: Als erster Transmann im Deutschrap möchte ich mich in meiner Musik selber auszudrücken und damit für Transpersonen öffentlich Position beziehen. Ich kann nicht für alle Menschen sprechen, aber ich kann für mich sprechen und damit allen eine Stimme geben, denen es so geht wie mir. So kann ich gesellschaftliche Strukturen aufdecken und bestimmten Menschen eine Perspektive geben, sich auch selbst besser zu verstehen.

Bitte an die Mitmenschen: Helft mit!

Was jede Person tun kann, ist sich selber eigenverantwortlich weiterzubilden und sich mit "trans" zu befassen. Was gar nicht geht, ist einfach einen Transmenschen in der Öffentlichkeit anzusprechen und zu fragen, ob er trans ist. Wir leben in einer Zeit, in der es unfassbar viele Videos von Transpersonen gibt. Das, was für viele Transmenschen so schlimm ist, ist, dass sie sich immer wieder neu erklären müssen.

In der Öffentlichkeit ist wichtig, aktiv einzuschreiten, sobald eine böse Stimmung gegenüber einem Transmenschen entsteht. Was dann wirklich hilft, ist die böse Aufmerksamkeit einfach auf sich zu ziehen, oder sich auch neben die Transperson zu setzen und sie zu unterstützen; sie von den Tätern abschirmen oder auch nach der Situation zur Seite stehen. Wenn man Transmenschen als Freunde hat, dann ist es sehr wichtig, mit ihnen über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Vor allem bei nicht-binären Personen. Einfach fragen: Welches Pronomen ist für dich gerade aktuell? Erkundigt euch, ob sie überall geoutet sind, ob man für sie Pronomen korrigieren soll oder lieber nicht. Im Internet kann man sich auch in Kommentarspalten solidarisieren. Und was auch total wichtig ist: die Stimmen von Transpersonen mit allen Mitteln sichtbarer und hörbarer zu machen.

"Hehe, hast du gehört, Lady Gaga hat einen Penis?"

Das war halt damals voll der Witz, alle standen um das Bild in der Bravo. Jeder hat gerätselt; es war DAS Thema auf dem Schulhof. Da muss man reingehen und das unterbrechen und sagen "Das ist transfeindlich, wenn ihr darüber lacht, wenn Frauen einen Penis haben!". Da muss man einfach mal der Buhmann sein. Das sind Transmenschen nämlich oft ihr ganzes Leben lang. Und was für jede diskriminierte Gruppe das Schlimmste ist: kollektives Schweigen der anderen.

An alle Transpersonen: Ihr seid nicht alleine!

Das Leben wird besser, wenn man sich mit anderen Transpersonen verbindet. Auch, wenn das einen Umzug bedeutet. Je mehr Transpersonen man in seinem Umfeld hat, desto selbstverständlicher und normaler kann man sich selber wahrnehmen. Für Mental Health ist total wichtig, in einem Umfeld zu sein, in dem man nicht immer alleine oder der Einzige ist. Selbst, wenn die Gruppe dich nicht diskriminiert, bist du ohne andere Transpersonen trotzdem immer der Einzige und damit isoliert. Diese Selbstverantwortung hat jeder von euch: Boxt euch den Weg aus der Isolation heraus! In jeder Stadt gibt es Trans-Beratungen und Trans-Gruppen. Befasst euch außerdem mit Trans-Geschichte. Das gibt Mut, zu sich selber zu stehen. Wären die Transpersonen vor uns nicht aktiv gewesen, dann gäbe es heute nicht mal eine Hormontherapie.

Und an alle Cis-Leute: Ich sehe auch, dass ihr unter den Gender-Rollen leidet. Es ist für uns alle ein Weg in eine befreite Gesellschaft, wenn es für niemanden mehr eine Geschlechterrolle gibt, die man entweder immer wieder herstellen, oder der man sich unterwerfen muss. Wir wollen alle wir selber sein, mit allen Facetten und nicht nur mit denen, die erlaubt sind.

[Protokolliert von: Till Böttcher]

"IDENTITY" by NOIZZ – ein neues Videoformat geht an den Start

Mit "IDENTITY" haben wir im Juli 2019 eine spannende Videoreihe gelauncht. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste Folge mit Trans*Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

>> Trans*Frau Raffaela Zollo: "Eine Vagina ist nicht die Lösung für alles"

>> NOIZZ startet Videoreihe "IDENTITY" – über den Kampf um die eigene Identität

Quelle: Noizz.de