"Ein Mann stellt nur Augenkontakt mit anderen Männern im Raum her – nie mit mir."

An Jessie Reyez ist vieles markant. Ihr kantiges Gesicht mit den starken Augenbrauen, ihre langen zotteligen dunkelbraunen Haare, ihr großer, geschwungener Mund, der beim Aufmachen einen noch viel auffälligeren Sound macht: verletzlich aber stark, rau aber trotzdem weich wie Butter. Egal, ob du in einer Beziehung bist oder auf welches Geschlecht du stehst – in diesen Menschen musst du dich früher oder später verlieben.

Jessie Reyez ist eine 28-jährige R'n'B-Sängerin aus Kanada. Früher hat sie für andere Lieder geschrieben, heute tut sie es für sich selbst. Auf Spotify hören ihr jeden Monat über 13 Millionen Menschen zu. Sie hat schon mit Sam Smith zusammengearbeitet, an einem von Calvin Harris' größten Hits mitgeschrieben ("One Kiss", auf dem auch Dua Lipa singt), wurde von Beyoncé ausgewählt, um gemeinsam mit 070 Shake ein Lied auf dem "The Lion King: The Gift"-Album zu singen und hat mit Eminem "Good Guy" aufgenommen.

Manchmal tut es weh, Jessie Reyez zuzuhören. Weil sie gar nicht erst versucht, ihre Stimme schön klingen zu lassen, wenn sie über etwas singt, was ihr wehtut. Genau das ist sie: roh, ungefiltert. So hat sie sich von Anfang an gezeigt, seit ihrem Debüt-Hit "Figures".

"I wish I could hurt you back", singt sie auf diesem Song. Im dazugehörigen Musikvideo sitzt sie auf einem weißen Stuhl in nichts als einem blauen gammeligen Shirt, ihre Haare hastig zusammengebunden, mit Tränen kämpfend immer weiter singend. Als sie im Video komplett die Fassung verliert, läuft der Sound einfach weiter, unabhängig von ihrer Stimme.

Den Song schrieb sie damals, als ihr Ex sie betrog und sie es nicht schaffte, ihn zu verlassen. "Ich habe jemand anderen mehr geliebt als mich selbst", erzählt sie mir, als ich sie in Berlin treffe. "Mir war es wichtiger, dass es der Beziehung gut geht als mir selbst." Diese Gedanken lassen also Zeilen entstehen wie "How in the fuck would you feel if you couldn't get me back?". Schmerzhaft, aber auch verletzend. Wörter eines Menschen, der mittlerweile aus viel mehr besteht als aus seinen schlechten Erfahrungen – nämlich aus Selbstliebe und Durchhaltevermögen.

Jessie Reyez im NOIZZ-Shoot Foto: Ney Tran

Dieses Durchhaltevermögen hat es ihr auch ermöglicht, sich in einer von Männern dominierten Musikindustrie durchzusetzen. Diese Industrie hätte ihr schon oft den Weg versperrt, wenn sie nicht ihren Mund geöffnet hätte. 2017 veröffentlichte sie den Song "Gatekeeper" mit einem dazugehörigen Kurzfilm. Darin erzählt sie die Geschichte von einer Nacht, in der sie den Produzenten Noel "Detail" Fisher trifft. Der erzählt ihr, dass er ihr zu Erfolg verhelfen kann – wenn sie mit ihm schläft. Als sie nicht darauf eingeht, versucht er, sie zu zwingen, doch es geht zum Glück über keine Handgreiflichkeiten hinaus.

Die Lyrics zu dem Song tun weh: "We are the Gatekeepers, spread your legs, open up, you could be famous. You know we’re holding the dreams that you’re chasing. You know you’re supposed to get drunk and get naked."

Als ich die Sängerin in Berlin treffe, merkt man ihr von dieser Wut nichts an. Erst als ich mit ihr darüber spreche, wie Frauen im Musik-Business behandelt werden, merke ich, wie viele kleine Erfahrungen Jessie Reyez zu der Kämpferin gemacht haben, die sie heute ist.

Jessie Reyez im NOIZZ-Shoot Foto: Ney Tran

NOIZZ: Glaubst du, du hättest es als Musiker einfacher, wenn du ein Mann wärst?

Jessie Reyez: Mein ganzes Leben wäre einfacher. Wenn du als Frau geboren wirst, dann musst du reinpassen in die Gesellschaft der Männer, die Welt der Männer, das Business der Männer. Wir werden geboren in einem Aufwärtskampf. Ich hätte es auf jeden Fall einfacher als Mann.

Hast du dir manchmal gewünscht, ein Mann zu sein?

Jessie Reyez: Ich will mich lieber selbst lieben. Ich bin mir dessen bewusst, dass es ein Geschenk ist, eine Frau zu sein. Wir haben die Gabe, Leben zu erschaffen. So nah kommt Gott kein anderer. In Zeiten, in denen ich mich schwach gefühlt habe, habe ich mir gewünscht, ein Mann zu sein. Aber dann hab' ich mich daran erinnert, dass ich stark und mächtig bin und ich diesen Körper nicht ohne Grund bekommen habe.

Bist du in der Vergangenheit auf dein Geschlecht reduziert worden?

Jessie Reyez: Jeden Tag. Ich glaube, dass Männer das gar nicht so wahrnehmen, weil es ihnen ja selbst nicht passiert, aber wenn ich in einem Meeting mit vier anderen Männern bin, dann nimmt ein Mann nur Augenkontakt mit den anderen Männern im Raum auf – nie mit mir. Das geht manchmal so weit, dass ich ihnen ins Gesicht winken muss und sage: "Hier bin ich!"

Jessie Reyez im NOIZZ-Interview Foto: Ney Tran

Ich habe sogar noch Glück. Ich arbeite mit Männern, die verstehen, was Gleichberechtigung ist. Ich habe Glück, mit Männern zu arbeiten, die starke Frauen respektieren. Aber manchmal laufe ich mit zwei Männern an meiner Seite in eine Studio-Session rein, und die Männer, die wir da treffen, schütteln zwar die Hände meiner Begleiter – aber nicht meine. Sie beachten mich noch nicht einmal. Solche Situationen kann man entweder einfach geschehen lassen, oder du sagst etwas. Das letzte Mal, als mir das passiert ist, bin ich auf den Typen direkt zugelaufen, habe ihm meine Hand entgegengestreckt und gesagt: "Hi, schön dich kennenzulernen. Ich bin Jessie."

Der Typ dachte, dass ich eines dieser Mädchen bin, die manche Männer sich als Begleitung mitnehmen – Hoes, Freundinnen, wie auch immer du sie nennen willst. Aber ich war da, um zu arbeiten. Ich bin eine verdammte Business-Frau, und der dachte, ich bin irgendjemandes Girlfriend!

Was kann man dagegen tun?

Jessie Reyez: Du musst es jedes einzelne Mal ansprechen – in der Sekunde, in der du diesen Sexismus wahrnimmst. Mach' es offensichtlich, dass du auf derselben Ebene stehst wie alle anderen, und zieh' in selbstsicherer Art Aufmerksamkeit auf dich. Nimm viel Platz in Anspruch. Das ist etwas, was selbstbewusste Frauen sehr oft hören.

Jessie Reyez im NOIZZ-Shoot Foto: Ney Tran

Gibt es weibliche Künstlerinnen, die nicht genug für Gleichberechtigung kämpfen und damit den Fortschritt verlangsamen?

Jessie Reyez: Könnte man sagen. Aber dann müsste ich auch sagen, dass es Menschen gibt, die Müll trennen sollten und es nicht tun. Dass es Menschen gibt, die sich besser um ihre Haustiere kümmern sollten, aber es nicht tun. Menschen, die keine Kinder bekommen sollten, weil sie Arschlöcher sind, die aber trotzdem Kinder haben. Es ist immer einfacher, zu fragen, warum jemand anderes nichts macht. Es ist schwieriger, sich selbst zu fragen: Was mache ich eigentlich?

Ich bin nicht Gott. Wen sollte ich zur Rechenschaft ziehen? Ich will einfach nur das machen, was ich machen will und damit hoffentlich andere motivieren. Ich weiß nichts über das Leben und die Ängste anderer. Vielleicht haben die Angst ja, etwas zu sagen ...

Wen hast du schon motiviert, etwas zu sagen?

Jessie Reyez: Als ich "Gatekeeper" veröffentlicht habe, war es sehr schwierig. Viele Menschen haben sich gemeldet, sagten mir, wie viel ihnen der Song bedeutete. Sie haben mir erzählt, dass ich sie motiviert hätte, ihre Geschichte zu erzählen. Auch ich wurde mal von einigen Frauen motiviert, den Namen des Produzenten zu offenbaren, der mich damals belästigt hat. Ich hoffe, dass noch mehr Menschen ihre Stimme erheben und darin Stärke fühlen, in derselben Art, wie es Frauen gab, die mich damals motivierten.

Welche Frauen inspirieren dich?

Jessie Reyez: Beyoncé. Einmal habe ich sie getroffen, es war so verrückt. Nachdem wir uns das erste Mal trafen und Hände schüttelten, musste ich aus dem Zimmer gehen und habe mir ein kleines Fleckchen Gras gesucht. Dort habe ich mich erst mal hingesetzt und meditiert. Ich musste wieder auf den Boden zurückkommen. Dann haben wir "SCAR" geschrieben, vom "The Lion King: The Gift"-Album, zusammen mit 070 Shake.

Du hast schon mit so vielen großen Namen zusammengearbeitet. Mittlerweile bist du selber einer. Wärst du lieber immer noch ein Underdog?

Jessie Reyez: Ich fühle mich immer noch wie ein Underdog! Es gibt noch so viel, das ich mir selbst beweisen muss, Ziele, die ich erreichen will.

Jessie Reyez im NOIZZ-Shoot Foto: Ney Tran

Welche Freiheiten ziehst du daraus?

Jessie Reyez: Ich hoffe, ich habe bis zu meinem Tod die Freiheit, die ich heute habe. Es ist eine Freiheit, kreativ und nicht angsterfüllt zu sein. Je größer mein Erfolg wird, desto mehr Druck verspüre ich, aber ich bin gut darin, 'Fuck you' zu sagen. Der Zeitpunkt, wo ich anfange, Dinge zu produzieren, auf die ich nicht stolz bin, wird der Moment sein, wo alles unweigerlich vorbei ist. Meine Glücklichkeit, meine Motivation, alles wäre vorbei. Was bedeutet es schon, ein Superstar zu sein, wenn diese Person nicht wirklich ich bin? Ich würde mich wie ein Betrüger fühlen. Ich will kein Betrüger sein. Fuck that.

Jessie Reyez neueste Single "Far Away" ist seit dem 4. Oktober draußen. Auf ihr Debut-Album lässt sie hingegen noch warten.

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Quelle: Noizz.de