"Ich lief eine Nacht nach Hause und bemerkte, dass ich erstmals keine Angst hatte."

Joshua ist 21 und wurde als Mann in einem Frauenkörper geboren. Seit seiner Geschlechtsangleichung ist er auch biologisch ein Mann und erzählt NOIZZ davon, wie ihm erst dann klar wurde, was Frauen alltäglich für Sexismus erleben.

"Eigentlich hatte ich eine echt schöne Kindheit – außer meiner ganzen Grundschulzeit, wo mich Kinder und deren Eltern schamlos gehänselt haben. Schon damals wusste ich, dass ich anders bin. Meine erste Erinnerung ist, wie ich mich nackt im Spiegel ansah und mich fragte, ob ich wohl auch eine Frau mit flacher Brust sein könnte, wenn ich mal erwachsen bin. Ich wollte nie, dass ich als Frau wahrgenommen werde, habe mich vor Kleidern gescheut und mich generell sehr männlich verhalten. Das wurde dann als 'lesbisch' verstanden. Alle Idole, die ich hatte, waren Männer. Ich wollte schon immer einen Bart.

Nach meiner Geschlechtsanpassung ist alles einfacher geworden. Ich wurde schnell als "Mann" von meinem Umfeld akzeptiert, nach drei Monaten wurde meine Stimme tiefer, und nur noch Leute, die mich vorher kannten, hielten mich manchmal noch für eine Frau.

Doch auch etwas anderes fiel mir auf.

Als ich so von der Gesellschaft mehr und mehr als Mann wahrgenommen worden bin, merkte ich, was für Privilegien damit kamen. Das erste Mal, als mir das auffiel, war, als ich nach der Arbeit in der Nacht nach Hause lief. Ich merkte plötzlich, dass ich nicht mehr Angst hatte, nachts herumzulaufen. Ich war nicht mehr paranoid. Früher merkte ich gar nicht, dass ich davor immer angespannt war, doch nun sah ich alles in einer neuen Perspektive.

Auch als ich anfing zu studieren merkte ich, dass es sich als Mann in unserer Gesellschaft anders lebt. In der Uni kannten mich alle eigentlich nur nach als "Joshua", also den Typen. Wenige wussten von meiner Vergangenheit, und ich wurde einfach anders behandelt. Es war so, als wäre ich wertvoller, als hätte ich bessere Ideen. Ich wurde besser unterstützt in meinen Projekten. Ich wurde viel mehr von meinen Professoren ermutigt. Ich glaube, das spricht für den tief in unserer Kultur verwurzelten Sexismus.

Wenn Frauen untereinander reden, dann gibt es immer einen Gedanken, ein geteiltes Erlebnis: Du bist als Frau in einer Männer-dominierten Gesellschaft aufgewachsen. Du bist eine Frau, und wirst als solche behandelt. Für mich existiert dieses geteilte Erlebnis nicht mehr.

Ich will niemanden verurteilen, der mich anders behandelt hat, seit ich gesellschaftlich als Mann akzeptiert worden bin. Aber diese Momente helfen mir dabei zu verstehen, dass ich durch meine Geschlechtsanpassung ein Privileg gewonnen hatte: ein Mann zu sein. 

Erst vor zwei Jahren habe ich richtig zu mir selber gefunden. Am Anfang meiner Anpassung dachte ich noch, dass ich mich komplett verändert müsste. Ich eignete mir ein typisches "maskulines" Verhalten an, änderte meinen Stil, und musste erst mal herausfinden, wer ich bin, wenn ich ein Mann bin.

Heute habe ich mich noch nie so sehr mit mir im Reinen gefühlt wie jetzt.

Wenn ich meinem jüngeren Ich jetzt einen Rat geben wollen würde, dann würde ich ihm einfach sagen, dass alles möglich ist. Dieser Wunsch, ein "Junge zu sein" – der kann in Erfüllung gehen. Es ist schwierig, aber du musst darüber reden. Dein Leben ist es einfach wert, gelebt zu werden.

[protokolliert von Luisa Hemmerling]

"IDENTITY" by NOIZZ – ein neues Videoformat geht an den Start

Mit "IDENTITY" haben wir im Juli 2019 eine spannende Videoreihe gelauncht. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste Folge mit Trans*Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

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Quelle: Noizz.de