Der Berliner im "IDENTITY"-Interview über Depressionen und Panikattacken.

Schwarze Tattoos, blasse Haut, Vollbart, immer circa zehn Prozent Nagellack-Reste auf den Nägeln – und ein breites Grinsen auf den Lippen, das auch bei schweren Themen steht wie 'ne Eins. Das ist Kex Kuhl. Ich kenne den Berliner Rapper flüchtig. Zwei oder drei Mal hat uns das Leben im Großstadtrausch zusammengeschmissen, weil wir dieselben Leute kennen. Von seinen Depressionen und Panikattacken weiß ich da nur aus den Medien.

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Denkt man als Laie an einen depressiven Menschen, hat man die fleischgewordene Trauer vor Augen. Eine Person wie bestellt und nicht abgeholt vom Leben, niedergeschlagen, keine Energie für sich, für andere, ständig am Grübeln. Taha, wie der ehemalige VBT-Battle-Rapper bürgerlich heißt, ist depressiv – per Diagnose. Anmerken tut man das dem 29-Jährigen nicht. Nicht auf den ersten Hingucker, nicht auf den zweiten Smalltalk. Auch nicht auf den dritten Drink.

Kex Kuhl x "IDENTITY" by NOIZZ Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

Während Kex mir im "IDENTITY"-Interview von den wohl schlimmsten Momenten seines Lebens erzählt, strahlt er am Ende dann doch immer wieder. Auf fast jeden Satz folgt ein Lachen. Auch als er von seiner ersten Panikattacken berichtet, bei der sein Herz so schnell rast, dass er felsenfest davon ausgeht, sterben zu müssen. Ein Kumpel habe ihm währenddessen von seinen Panikattacken erzählt. "Das hat mich unfassbar beruhigt. Und dann … haben wir 'Rick und Morty' geguckt", lacht er diese beängstigten Story weg. Coping-Methode? Oder kann der Augsburger schlichtweg über Vergangenes schmunzeln, weil er jetzt weiß, wie es auszuhalten ist? Weil er weiß, dass er stark genug ist, mit dieser psychischen Störung zu leben? Spoiler: Ja.

Denkt man als Experte an einen depressiven Menschen, weiß man, wie wenig einem die Realität einer Depression zum Lachen übrig lässt. Depressive können keine Entscheidungen treffen, verlieren die Fähigkeit, Freude zu empfinden, leiden in der Regel an Antriebsstörungen. So auch Kex. Er sei ein ganzes Jahr lang nicht mehr aus seinem Zimmer gekommen. Zimmer, Toilette, Küche. Das war's. "Das nenne ich den Höhlenmenschen-Modus." Ein Modus, den weltweit in etwa 322 Millionen Menschen kennen. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden 4,4 Prozent der Weltbevölkerung an Depressionen.

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Bei Kex kommen, wie bei so vielen, Panikattacken hinzu. Ein ganz schönes Brett an psychischen Stolpersteinen. Aufgegeben hat der nie.

"Eine Depression zu haben, bedeutet nicht, sie zu bekämpfen sein Leben lang. Es bedeutet, damit klarzukommen, dass man eine Depression hat. Du bist halt ein depressiver Mensch, daran wird sich nichts ändern. Man muss halt irgendwie damit klarkommen. Und ich komme super damit klar."

"Richtig geil, dass du so offen damit umgehst", will man dem Musiker immer wieder entgegenrufen. Ein zutätowierter Rapper, der offen über seine schwächsten emotionalen Momente spricht. Ein interessanter Kontrast, der aber eigentlich shame on us all schreit.

Newsflash: Männer sind genauso von Depressionen betroffen wie Frauen (ja ja, die Statistiken sagen, es sind ein paar mehr Frauen. Ja okay, eigentlich sind es fast doppelt so viele.) Aber – und das ist der Punkt – das macht keinen Unterschied. Nicht in der Realität eines Mannes, der leidet. Es ist sexistisch, diesen Kontrast als Rarität zu bewundern. Kex Kuhl sieht das ähnlich:

Kex Kuhl x "IDENTITY" by NOIZZ Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

"Die Krankheit legt dir schon genug Steine in den Weg. Du kannst eh schon so viele Sachen nicht mit ruhigem Gewissen machen. Wieso solltest du dich dann auch noch selber verleugnen – und auf dein supermännliches Ego achten und dir denken 'Wenn ich eine Depression habe, bin ich kein Mann mehr."

Klar ist aber auch, warum wir einen Rapper, der seine Gefühle offen preisgibt, als Rarität sehen. Gerade im Hip-Hop tummeln sich so viele Vertreter, die eine unrealistische Härte und Unemotionalität propagieren. Grüße gehen raus an 187 und Co. Während wir Kex also eigentlich nicht dafür bewundernd sollten, was er tut, ist das Ganze trotzdem immer noch als Pionierarbeit zu verstehen.

Auf dass dieser krasse Typ viele inspiriert.

"IDENTITY" by NOIZZ

Wir zeigen Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste "IDENTITY"-Folge mit trans* Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

Quelle: Noizz.de