Model und YouTuber Mario im "IDENTITY"-Interview.

Männer weinen nicht. Männer kennen keinen Schmerz. Sie sind immer die Starken – und: Sex ist des Mannes absolute Priorität. Und wenn nicht? Na, dann ist er safe heimlich schwul. 

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Um zu verstehen, dass das alles kompletter Bullshit von vorvorvorgestern ist, muss man weder Gender studiert haben, noch Alice Schwarzers männlicher Zwilling aus einem männerrechtlerischen Paralleluniversum sein. Und trotzdem: Das klischeehafte Bild des omni-potenten Mannes ohne Gefühle steht in vielen Köpfen immer noch so festgeschrieben, wie Kollegahs ominös-motivierenden Sprüche in den Heften seiner Alphas.

Mario Adrion Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

Ja, hört sich alles ziemlich bescheuert an, denkst du dir? Dann lies mit geschärften Pupillen weiter. Die Sex-Priorität-Schwul-Korrelation muss dieser Typ hier seit Längerem immer wieder über sich ergehen lassen: Mario Adrion, seines Zeichens Model, "Germany’s next Topmodel"-Darsteller und YouTuber, spricht offen über seine asexuellen Tendenzen. Sex ist NICHT seine Priorität. Can you believe it?! Was Frauen unter dem Mantel der Reinheit ganz ungeniert adressieren dürfen, geht für Männer fast immer mit der Unterstellung fehlender Maskulinität oder unerkannter Homosexualität einher. Toxische Männlichkeit at its best. Von allen Seiten.

Das Spannende an Mario: Auf allen anderen Ebenen passt der 25-Jährige perfekt in das Männlichkeitsbild der Gesellschaft. Krasser Körper, Klick-Millionär – und somit wohl nicht schlecht situiert, Model, tätowiert. Und trotzdem stellt sich dieser 189cm-Mann in die Öffentlichkeit und gibt preis, dass er in der Kategorie "Sex" nicht dem vermeintlichen "State of the Art" entspricht. 

Die Rechnung kommt, wie sollte es anders sein, in der Kommentarspalte: "Die meisten meiner YouTube-Fans glauben, dass ich schwul bin", erklärt er entspannt grinsend im "IDENTITY"-Interview. Dabei hat der gebürtige Schwarzwälder eigentlich nur irgendwann festgestellt, dass er zum Beispiel, anstatt Sex zu haben, lieber früh schlafen geht, um am nächsten Tag fit zu sein. "Also wenn ich Sex hatte mit jemandem, dann meistens, weil ich denjenigen nicht enttäuschen wollte. Weil es so erwartet wird von mir."

Mario Adrion Foto: Ekaterina Shuvchinskaia

Das Spektrum ist wie immer weit und unergründlich

Aber was heißt das denn jetzt eigentlich "asexuell sein"? Laut Experten vieles. Eine klare Definition gibt es nicht. Auch wie groß der Anteil von Asexuellen in der Gesellschaft ist, ist bisher unbekannt. Wie und ob asexuelle Menschen Lust auf Sex empfinden, ist außerdem sehr individuell. Es gibt die, die dem Wort Sex nicht einmal mit einer Zange nahekommen würden. Sie verspüren weder das Verlangen nach einer Kuscheleinheit, noch nach dem Geschlechtsakt.

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Und dann gibt es Menschen, wie Mario. Für ihn ist Sex kein No-Go. Mit einer Frau zu schlafen, empfindet er trotzdem als etwas Schönes: "Was ich am Sex aber schön fand, war für mich diese Nähe zu jemandem, und nicht der einfache Akt, dass ich einen Orgasmus bekomme. Es war für mich definitiv keine Arbeit, keine Qual. Ich glaube, es gibt auch Asexuelle, die das richtig abstoßend finden. Das finde ich gar nicht."

Achso, das mit dem "Schwulsein" hat Mario im Übrigen auch mal ausprobiert. Seine Story dazu, warum es ihm egal ist, was andere denken und was für eine Partnerin er sich wünscht, hat er uns im Interview beantwortet.

"IDENTITY" by NOIZZ

Wir zeigen Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste "IDENTITY"-Folge mit trans* Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

>> Trans*Frau Raffaela Zollo: "Eine Vagina ist nicht die Lösung für alles"

Rapper Kex Kuhl spricht im "IDENTITY"-Interview über Depressionen und Panikattacken:

>> Rapper Kex Kuhl: "Eine Depression zu haben, bedeutet nicht, sie zu bekämpfen"

Quelle: Noizz.de