Kim Petras ist der größte trans* Popstar, den es jemals gab.

Kim Petras lieferte vor zwei Jahren den perfekten Sugar-Baby-Moment im Pop-Kosmos: Ihr Song "I Don't Want It At All" feiert den Konsum, den Luxus und kritisiert mit einem Augenzwinkern die "Ich will alles sofort haben und nichts dafür tun"-Attitüde ihrer Generation, ohne diese Einstellung zu verurteilen.

Paris Hilton tritt im Video auf, überreicht Kim eine Kreditkarte ohne Limit. Kim geht daraufhin shoppen, liebt ihr Leben als Prinzessin auf der Erbse. Die Botschaft des Songs: Wenn ich nicht sofort bekomme, was ich will, dann will ich es gar nicht. Damit wird Kim zum "Material Girl" des 21. Jahrhunderts. Der Vergleich mit Madonna, die den Begriff "Material Girl" mit ihrem Hit von 1984 prägte, ist zu weit hergeholt? Wohl kaum!

Gemanagt wird Kim von Larry Rudolph, bei dem auch Britney Spears, Lil Nas X und Miley Cyrus unter Vertrag stehen. Megastars. Derzeit macht Rudolph aus Kim einen globalen Superstar: Kürzlich veröffentlichte sie ihr erstes Album "Clarity". Ihre aktuelle US-Tour war in fünf Minuten ausverkauft. Im Juni stand sie beim CSD in New York auf der Bühne. Und mit ihrem Idol Madonna kam es auch zu einem Treffen – dazu später mehr.

Kim Petras war früher Tim Petras

1992 kam Kim als Tim zur Welt. Schon früh war ihr klar, dass sie so nicht leben wollte: als Junge. Mit der Unterstützung ihrer Eltern suchte sie Ärzte auf. Mit 13 Jahren sprach sie öffentlich bei "Stern TV" über ihre Transsexualität. Mit 14 begleitete sie der Sender VOX. Mit 16 war Kim die jüngste trans* Person Deutschlands, ließ die nötigen Operationen nach einer Hormonbehandlung durchführen.

Schon damals wusste sie ganz genau, wer sie ist. Das lieben heute ihre Fans an ihr. Sie ist ein Vorbild, ein Idol, eine junge Ikone. Kim ist gerade einmal 26 Jahre alt, hat allerdings bereits eine Entwicklung hingelegt, von der andere nur träumen.

Heute lebt Kim in den USA, tourt um die Welt, ist ein Star. Die Wachstumsspanne innerhalb dieser zehn Jahre könnte nicht größer sein.

Bei unserem Interview ist Kim stark erkältet, sie nimmt sich trotzdem Zeit für das Gespräch. Das ist wohl eine der deutschen Tugenden, die man im Ausland so liebt.

NOIZZ: Wie geht's dir?

Kim Petras: Relativ gut. Ich bin gerade für die Pride in New York, was mega cool war. Auf meiner Tour bin ich zuvor jedoch krank geworden. Ich hasse es, krank zu sein. Ich wünschte, mein Körper wäre eine Maschine.

Gute Besserung! Wie war denn die Stimmung auf der Pride?

Kim: Die Stimmung war krass! Wir haben 50 Jahre Stonewall gefeiert. Ich hatte ein Outfit an, das wir aus alten Louis-Vuitton-Shirts gefertigt haben. Das Wetter war furchtbar, aber die Stimmung war super. Zum Schluss hat es so gestürmt, dass ich von der Bühne evakuiert werden musste. Einer von den Sound-Leuten ist auf die Bühne gerannt, gestürzt und hat sich den Arm gebrochen. Das ist alles gefühlt in fünf Sekunden passiert. Aber die Performance an sich war cool und hat Spaß gemacht. Ich konnte auch etwas feiern, wurde spontan von Madonna zu ihrer Show und zu ihrer After-Show-Party eingeladen. Ich bin riesiger Fan von ihr.

New York hat ja eine besondere Bedeutung für dich.

Kim: In New York ist meine größte Fanbase. Hier hat alles angefangen. In den Clubs wurden meine Songs zuerst gespielt und wahrgenommen.

Du hast ja bereits eine starke Entwicklung hingelegt, du bist heute 26 Jahre alt. Heute möchte ich dich zum Thema Identität interviewen. In deinen eigenen Worten: Wer ist Kim Petras heute?

Kim: Kim Petras ist heute eine Künstlerin, eine Songwriterin, eine transsexuelle Frau, ein Popstar, eine nette, hart arbeitende Person, mit ganz vielen Freunden, die jetzt auch ihre Band sind.

Hast du für die nächsten Jahre eine Vision von dir selbst, wer du sein möchtest und wie du dich weiterentwickeln möchtest?

Kim: Ich hoffe, ich bin damit nie zufrieden und werde mich weiterhin verbessern und immer neue Sachen erreichen. Ich glaube, dass ich mich in den letzten zwei Jahren, seit mein erster Song rausgekommen ist und jetzt mein erstes komplettes Projekt, sehr entwickelt habe. Ich glaube schon, dass ich zu mir gefunden habe. Das ist harte Arbeit, in den kleinsten Clubs anzufangen und sich durchzubeißen. Meine jetzige Tour war komplett ausverkauft – das hat nur fünf Minuten gedauert. Ich habe eine starke persönliche Entwicklung hingelegt.

Und meine Beziehungen… es gab viele Trennungen, viele neue Sachen und Zeiten, in denen ich mich daran erinnern musste, dass ich es alleine schaffen kann. Ich bin mein eigenes Label, ich wollte alles auf meine Art machen. Ich fühle mich heute besser als je zuvor. Mein Ziel ist aber, mich immer weiterzuentwickeln.

Das ist ja auch so krass: Du bist als Tim in Köln zur Welt gekommen. Und heute bist du dieser krasse Superstar in den USA, trittst bei der Pride in New York auf. Was sind deine Erinnerungen an Deutschland und an dein Aufwachsen? Gab es einen Moment, in dem du dachtest, dass das nicht das Leben ist, das du leben möchtest?

Kim: Ich habe, bis ich 20 war, in Deutschland gelebt. Ich habe sehr gute Erinnerungen an meine Familie, als ich ein Kind war. Meine Familie hat immer verstanden, wer ich bin und hat mich nie angezweifelt. Gleichzeitig habe ich schlechte Erinnerungen. Nachbarn haben mich als fünfjähriges Kind für verrückt erklärt. Oder Ärzte haben mir gesagt, ich müsse als Junge leben und mir die Haare abrasieren. Meinen Eltern wurde empfohlen, mich als Junge zur Schule zu schicken. Wir mussten zu 20, 30 Psychologen gehen, bevor mir jemand weiterhelfen wollte.

Ich wurde in der Schule gemobbt, mir wurden Sachen an den Kopf geworfen, ich wurde verprügelt. Ich habe mich nie als Teil meiner Schule, der Leute um mich herum, gefühlt. Ich bin nach der Schule nach Hause gerannt und habe mir Musikvideos angeschaut und in der Popmusik gelebt, weil ich mein Leben nicht mochte. Gleichzeitig wollte ich anderen Leuten helfen, als ich mit zwölf schon in den Medien war.

Wie wurde damals auf dich reagiert?

Kim: Mir wurden Briefe geschickt, dass das pervers und ganz schlimm sei. Musiklabels haben sich über mich lustig gemacht und Sachen gesagt wie, "die Transe aus dem Fernsehen, die wird nie was erreichen". Gleichzeitig hatte ich tolle Freunde, die immer an mich geglaubt haben und die ich auch heute noch habe.

In Deutschland hat man mich für verrückt erklärt. In Amerika hat sich das geändert, als ich hergekommen bin, um Songwriterin zu sein. Ich wollte immer hart arbeiten und hatte Talent. In Deutschland habe ich an jede Tür geklopft, mir wollte aber niemand weiterhelfen als Künstlerin.

Du hast jetzt von sehr traumatischen Ereignissen erzählt. Wie wirken sich all diese Erfahrungen heute auf dich aus?

Kim: Ich suche mir mein Leben heute aus. Ich habe gelernt, dass es nicht gut für einen selbst ist, an negativen Emotionen festzuhalten. Damit schadet man sich selbst. Ich versuche damit abzuschließen. Letzten Endes haben diese Erfahrungen zu einem guten Prozess in mir selbst geführt: Außer meiner Familie hat niemand an mich geglaubt. Ich habe mir dann gesagt, dass ich das eben selbst machen muss.

Ich musste lernen, Songs zu schreiben und gut zu werden und meinen eigenen Weg zu finden. Das ist etwas sehr positives, was ich aus diesen Dingen gelernt habe. Ich habe auch sehr jung gelernt, dass es mir egal ist, was die große Masse über mich sagt. Mir ist es sehr früh egal geworden, was man über meine Kunst sagt und denkt. Die Leute mochten mich in meiner Schule eh nicht. Letzten Endes hat mich all das dazu gezwungen, erfolgreich zu werden. Ich wollte beweisen, dass die Leute falsch lagen. Ich war schon immer rebellisch. Auch mit meiner Transsexualität. Als Kind bin ich im Tutu zur Schule gegangen. Ich habe viel Ärger bekommen. Die rebellische Art habe ich von meiner Mutter. Sie hat auch immer gemacht, was sie wollte. Ihr war es immer egal, was die Nachbarn oder die Familienmitglieder denken.

Du hast deinen eigenen Weg gefunden. Jetzt bist du der größte transsexuelle Popstar, den es gibt.

Kim: Es war eine sehr schwere Balance, hier anzukommen. Bevor ich selbst Musik gemacht habe, war ich Songwriterin für andere Leute. Am Anfang bin ich zu Labels gegangen, die fanden meine Musik gut und wollten mich unter Vertrag nehmen. Allerdings haben die ein riesiges Ding daraus gemacht, dass ich transsexuell bin. Die haben gesagt, genauso vermarkten wir dich. Oder wir kehren das komplett unter Teppich und reden gar nicht über deine Transsexualität. Dann wollten mich manche nicht signen, weil sie religiös seien und meinten, sie würden in die Hölle kommen, wenn sie eine Transsexuelle unter Vertrag nehmen. Es ging immer um meine Sexualität, nicht um meine Musik. Dann habe ich "Awal" getroffen und mein eigenes Label eröffnet.

In den letzten drei Jahren konnte ich in so ziemlich allen schwulen Clubs in Amerika auftreten. Monat für Monat habe ich meine Musik rausgebracht und meine Fanbase aufgebaut. Ich habe das allein mit meinem Team geschafft.

Wie war denn das Echo, das du zu Beginn bekommen hast?

Kim: Mit der Presse war das sehr schwer. Am Anfang, als meine ersten Singles rauskamen, haben wir nur animierte Bilder von mir aufs Cover gestellt, also kein Foto. Meine Single ist sofort auf eins bei Spotify in den USA gegangen. Ich habe ganz viel gemacht, ohne meine Transsexualität zu thematisieren. Sobald da ein Foto von mir war, ging es sofort nur um meine Transsexualität.

Dann hieß es auf einmal, ich wolle nicht über meine Sexualität reden und mich nicht für die Rechte von Transsexuellen einsetzen. Umgekehrt wurde behauptet, ich würde meine Sexualität nur nutzen, um erfolgreich zu werden. Das war der Kontrast, der in der Presse stattfand. Das hat mir das Herz gebrochen. Ich habe erst einmal nichts dazu gesagt und weiter an meiner Musik gearbeitet. Es war sehr schwer, an dem Punkt anzukommen, an dem ich heute bin. Ich bin sehr stolz auf mich.

Heute bin ich so transsexuell, wie ich sein möchte.

Du bist ein Vorbild in der LGBTQI*-Community. Was glaubst du denn, was die Charakteristika sind, mit denen sich deine Fans identifizieren können?

Kim: Ich entschuldige mich nicht dafür, wer ich bin. Mir ist es die meiste Zeit egal, was die Leute über mich denken. Wenn man mich trifft, bin ich aber dennoch nett und gehe respektvoll mit Menschen um. Das kommt daher, dass ich als Teenager keine Freunde hatte, gemobbt wurde und mich als Außenseiter gefühlt habe.

Meine Fans fühlen sich, glaube ich, genauso und können sich mit meiner Musik und meinen Texten identifizieren. Was ich machen will, ist, dem Teenager, der nach Hause rennt und Musikvideos schaut, eine Realität zu geben. Gleichzeitig sind meine Konzerte auch Partys und keine Standard-Shows. Alle schreien die Songs mit, feiern.

Deine neue Platte "Clarity" erinnert mich an Britney und Christina. Im Video zu "Icy" erinnert dein Look stark an Paris Hilton – die langen, blonden Haare. Warum sind diese blonden Ikonen deine Idole?

Kim: Keine Ahnung (lacht). Es gibt Bilder von mir als Kind, wo ich vor einer Wand stehe, auf der Achterbahnen drauf sind und Paris Hilton. Ich wollte Achterbahnen-Designer werden, mochte aber eben auch Paris Hilton, Madonna, Marilyn Monroe, Cindy Lauper, Britney und Gwen Stefani und Beyoncé. Ich mag Frauen, die sich nicht so sehr darum scheren, was Leute über sie denken und selbstbewusst ihr Ding durchziehen.

Paris Hilton ist eine Ikone und einfach schamlos sie selbst. Ich habe sie dann auch getroffen. Sie war in meinem ersten Musikvideo. Sie ist eine der nettesten Personen, die ich je getroffen habe. Sie ist sehr liebenswert. Paris hat mich inspiriert, wie nett sie zu jeder Person am Set war. Dass alle meine Ikonen blond sind, ist wohl eher Zufall. Von starken Frauen war ich schon immer begeistert. Mein größtes Vorbild ist Goldie Hawn, so wollte ich schon als kleines Kind werden.

Was ist das größte Vorurteil über Transsexuelle, mit dem du oft konfrontiert wirst und das du nicht mehr hören kannst?

Kim: Vorurteil … Ich glaube, es gibt für mich kein Vorurteil, das mich stört. Ich weiß, dass es Leute gibt, für die das total freaky ist, weil sie noch nie in ihrem Leben einen Transsexuellen getroffen haben. Das kann ich auch verstehen. Ich wünsche mir, dass das irgendwann in Schulbüchern erklärt wird, damit jeder das Wissen hat. Auch wenn es nur ein paar Sätze sind. Transsexuelle gab es schon immer.

Bei mir war es nur doof, dass es dann das einzige Thema war, worüber die Leute mit mir reden wollten. Ich wurde auf meine Transsexualität reduziert. Die Fragen, die mir gestellt wurden, waren teils sehr beleidigend. Wer den besseren Sex hat, Männer oder Frauen. Das sind dreiste, ekelige und taktlose Fragen. Ich wünsche mir, dass jeder den Grundsatz verstehen würde, dass man sich als Transsexueller mit dem anderen Geschlecht identifiziert – man einfach nur ein Mädchen oder Junge sein möchte. Ich verstehe aber auch, wenn man nicht von allem eine Ahnung hat, das nicht im eigenen Leben stattfindet.

Deswegen finde ich es auch so gut, dass du so offen über deine Transsexualität sprichst. Wie ist das denn, wenn du ein Date hast – gehst du ganz offen mit dem Thema um, oder ist das vielleicht sogar überflüssig?

Kim: Das ist seit meiner Kindheit tatsächlich überflüssig. Das Erste, was man macht, wenn man mit jemandem auf ein Date geht, ist die Person zu googlen. Bei mir steht das direkt auf der ersten Seite. Sobald ich auch an einer neuen Schule war, war das immer das Erste, was alle über mich wussten.

Grundsätzlich sollte man das für seine eigene Sicherheit thematisieren. In der Vergangenheit wurden einige Trans-Frauen von Männern verprügelt und ermordet in Amerika. Auch Freunden, die transsexuell sind, sind ganz schlimme Sachen passiert. Deswegen sollte man das direkt aus Sicherheit ansprechen, gerade wenn man Leute online trifft. Das ist leider auch gefährlich.

Du lebst heute als Frau. Dennoch haftet dir immer, wie du selbst sagst, der Trans-Sticker an – geht dir das nicht manchmal auf die Nerven?

Kim: Ja!

… und denkst du nicht manchmal, dass du keine Lust mehr hast, die ganze Zeit Community-Arbeit zu leisten und würdest lieber einfach mal nur du, also eine ganz normale Frau, sein?

Kim: Nicht mehr. Ich habe mich so gefühlt, nachdem ich meine Dokumentation in Deutschland gemacht habe und das auch das Einzige war, über das ich reden durfte. Alles andere wurde rausgeschnitten. Jetzt, da Leute sich für meine Musik interessieren, ich auftreten darf, Konzerte gebe, die Musik im Vordergrund steht und Leute, die auch nicht aus der LGBTQI*-Community kommen, meine Musik hören, macht mir das nichts aus.

Ich möchte meine Geschichte erzählen, damit das bald nicht mehr so ein großes Thema ist. Die Leute sollen darüber informiert werden, Transsexualität soll ein ganz normales Wort werden. Auch Transidentität. Alle Menschen sollen gleich sein. Aus Sexualität und Geschlechtern soll gar nicht so ein großer Deal gemacht werden. Es soll mehr um den Menschen gehen, das wünsche ich mir für die Zukunft. Und für heute wünsche ich mir, noch mehr über das Thema aufzuklären.

Letzte Frage: Ich habe gesehen, dass Demi Lovato bei deinem Konzert war. Ich hoffe ja, dass da bald was von euch zusammen kommt?

Kim: Ja, voll gerne. Ich bin auch voll der Fan von ihr. Wir haben auch darüber gesprochen. Ich glaube, wir machen das.

"IDENTITY" by NOIZZ – ein neues Videoformat geht an den Start

Mit "IDENTITY" haben wir im Juli 2019 eine spannende Videoreihe gelauncht. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste Folge mit Trans*Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

>> Trans*Frau Raffaela Zollo: "Eine Vagina ist nicht die Lösung für alles"

>> NOIZZ startet Videoreihe "IDENTITY" – über den Kampf um die eigene Identität

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Quelle: NOIZZ-Redaktion