Die Popsängerin setzt auf Authentizität und Bubblegum-Pop.

Eine Vier-Oktaven-Stimme, die Haare schwarz wie die Nacht und ein Mundwerk so frech wie das von Pipi Langstrumpf: All das und noch viel mehr ist Ilira. Die in der Schweiz geborene Sängerin eroberte 2018 mit Alle Farben und dem Hit "Fading" erstmals die Charts. Songs wie "Get off my d!ck" und ihre neue Single "Pay me back!" folgten.

Ilira ist gerade einmal 24 Jahre alt. Mit 13 nahm sie ihren ersten Song auf. Beim ESC-Vorentscheid trat sie 2010 für die Schweiz an, wurde mit ihrer Band Dritte. Anschließend wurde es still um die junge Sängerin. Sie bekam trotz der Aufmerksamkeit keinen Plattendeal.

Dennoch hat sich Ilira durchgesetzt – weil sie lernte, für sich selbst einzustehen und bedingungslos authentisch zu sein. Ihr wurde immer wieder gesagt, wie sie zu singen habe und wer sie sein solle, erklärt sie im Interview. Ilira widersetzte sich, zog ihr Ding durch.

Beim NOIZZ-Interview in Berlin ist auch ihr Songwriter Jaro Omar im Raum. Er schreibt sonst Hits für Stars wie Zara Larsson. Nebenbei managt er Ilira. Sie sind Freunde. Die zwei haben eine Connection, die zum Erfolg ihrer Musik beiträgt. Die Chemie macht die Musik.

NOIZZ: Wann hast du deine Liebe für Musik entdeckt?

Ilira: Ich habe meine Liebe zur Musik entdeckt, als ich sechs war. Da habe ich von meiner Mama eine CD von Britney Spears bekommen. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Sie hat mich fasziniert. Ich konnte damals gar nicht verstehen, wie Menschen Musik machen. Also dass da ein Konzept hinter steckt. Ich hatte dafür aber früh ein Gespür. Mir ging es nicht nur um Britney und ihre Stimme, sondern auch um die Produktion dahinter.

Du wurdest über Instagram entdeckt, ohne drei Millionen Follower zu haben. Erzähl doch mal.

Ilira: Nee, nee. Ich hatte 200 Follower. Hatte nur Bilder mit meiner Katze, meiner Mutter und irgendwelchen Quotes. Das sah echt schlecht aus. Ich hatte rote Haare, war ein kleiner Punk. Dazwischen waren Snippets von meinem Gesang. Im Profil stand Singer und Songwriter.

Ich war damals nicht so sozial und hatte nicht so viele Freunde. Ich hatte keine Ahnung, wie all das funktioniert. Und dann hat sich auf einmal Prinz Pi bei mir gemeldet und nach Demos gefragt. Ich hatte aber keine Demos. Ich musste mir dann online Beats kaufen, für 500 Euro. Darüber habe ich eine Pop-Melodie gelegt und ein arabisches Sample. Ich hab ihm das geschickt, woraufhin er mich nach Berlin geholt hat.

Dein erstes Idol war Britney Spears. Was fandest du so toll an ihr? Wer sind heute deine Idole?

Ilira: Ich glaube, ich fand Britney immer wegen ihrer Stimmfarbe toll. Die ist ultra nasal. Das finden viele nervig. Sie war aber sehr eigen und wunderschön. Sie hat auch eine gute Stimme gehabt, tolle Runs. Mittlerweile scheint sie das verloren zu haben. Das ganze Konzept, die Lyrics, das Artwork – alles war toll. Ich mochte diese typischen Singer-Songwriter nicht.

>> Popstar Kim Petras im NOIZZ-Interview: "Heute bin ich so transsexuell, wie ich sein möchte"

Wofür möchtest du, dass deine Musik steht?

Ilira: Ich stehe für Rebellion. Ausbruch. Für alle, die sich nicht so gut in die Gesellschaft eingliedern können, weil sie anders sind, auffallen, nicht so gut reinpassen. Das Innere nach außen zu kehren – dafür stehe ich. Jeder Mensch sollte versuchen, seine Seele nach außen zu kehren. Wenn wir uns alle gegenseitig den Spiegel vorhalten, könnte sich die Gesellschaft zum Besseren entwickeln. Wir zeigen uns gegenseitig viel zu wenig, wer wir wirklich sind. Und das macht uns das Leben oft schwer. Ich stehe für Ehrlichkeit.

Du hattest als Kind nicht so viele Freunde.

Ilira: Nee.

Was meinst du, woran das liegt? Gab es Teile, die du nicht zeigen konntest?

Ilira: Genau das war das Problem. Ich hatte nicht so viele Freunde, weil mir von Anfang an klar war, dass ich so sein werde, wie ich bin, und ich trage das eben auch nach außen. Ich trage keine Masken. Das kostet sehr viel Energie, immer so zu tun, als wäre man jemand anderes. Für mich war es nie eine Option, mich anzupassen. Die jungen Mädels kannten wohl nicht so ehrliche Mädels. Das fanden viele nicht cool.

In der Schweiz war es sehr schwer, ein bisschen freaky zu sein. Aufzufallen war nicht gut. "Uh, die hat ja psychische Probleme", hieß es da. Ich dachte nur: "Nee, ich hab 'nen Sense for Fashion, Bitch!" Ich connecte auch nicht so schnell mit Leuten. Ich mag Menschen, die stark sind, die wissen, was sie wollen, die frech sind. Und es gibt einfach nicht so viele freche Menschen.

Damit hast du ja deine anfängliche "Schwäche" in deine Stärke umgewandelt. Dein Alleinstellungsmerkmal. Das wirkt sich auch auf deine Musik aus. Was ist denn dein persönlicher Lieblingssong von dir selbst?

Ilira: "Get off my dick"! Der Song kam nach meinem ersten Song raus, "Whisper my name". Der Song ist toll, lag aber auch eine Weile rum. Wir haben viele Sessions gespielt, Songs produziert. "Get off my dick" ist eine Ansage. Ich wollte ausbrechen. In dem Song sage ich, dass ich keine Lust auf niemanden habe – vor allem auf die Leute, die versuchen, mir etwas vorzuschreiben. Wir haben den Song gemeinsam in London geschrieben. Alle wollten uns zu der Zeit in eine gewisse Richtung lenken. Da hatten wir keinen Bock drauf.

Mit deiner neuen Single bist du jetzt auch etwas frecher unterwegs. "Bitch, zahl mir zurück, was du mir schuldest" ist die Quintessenz.

Ilira: Genau, das ist die richtige Attitüde! "Pay me back" ist weniger gesellschaftskritisch, mehr auf einen Ex-Partner bezogen. In dem Song verarbeite ich persönliche Erlebnisse.

Wie wichtig ist das für dich: persönliche Erlebnisse in Songs zu verarbeiten?

Ilira: Sehr wichtig. Für mich ist es ein absolutes No-Go, fiktive Sachen aufzuschreiben. Das ist die schönste Chance für einen Künstler, die eigene Story zu erzählen und mit den Leuten zu connecten. Es ist auch eine Chance, die Seele zu reinigen. Ich dachte immer, die Leute merken nichts und sind naiv. Die Menschen sind aber empathisch und merken, wenn ein Künstler nicht authentisch ist. Deswegen versuche ich, so fucking real wie eben möglich zu sein.

Du bekommst sicher viele Nachrichten von Fans, die mit dir fühlen.

Ilira: Ich liebe Aufmerksamkeit. Aber noch mehr liebe ich es, wenn die Kommentare einen Inhalt haben. Früher habe ich mich allein gefühlt. Durch das Business fühle ich mich jetzt gestärkt. All die Menschen geben mir so eine Wärme. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne die Messages zu leben. Das sind teilweise so lange und ehrliche Texte. Die Leute wissen nicht einmal, ob ich die überhaupt lesen werde und geben sich trotzdem so viel Mühe.

Die Aufmerksamkeit und das Gefühl, sich etwas zurückzuholen – ist das der Grund, wieso diesen Beruf ausübst?

Ilira: Der Hauptgrund war Musik. Einfach nur die Mukke, nicht das Berühmtsein. Ich liebe es, Melodien zu machen und Texte mit meinem Songwriter im Studio zu schreiben. Das ist das schönste Ding, was ich je erleben durfte. Natürlich kommen dann all die anderen positiven Dinge, wie die Aufmerksamkeit, gesponsort zu werden, ein Team zu haben, das sich um dich kümmert. Der Hauptgrund ist aber eben das Kreieren von Musik. Nichts kann mich dann ablenken.

Du bringst ja auch öfter deinen Songwriter ins Spiel. Wenige Künstler geben zu, dass sie nicht alles selbst schreiben.

Ilira: Ich mag deine Fragen. Das sind echt hochwertige Fragen. Du hast meinen Songwirter erwähnt. Mir ist es wichtig, jeden zu crediten, der geholfen hat, diesen Song zu erstellen. So eine Session ist so fucking emotional, sich mit Leuten hinzusetzen und über dein Leben zu sprechen. Und wenn dir Leute dabei helfen und ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen, finde ich es respektlos, es nicht zu erwähnen, dass diese Leute mitgemacht haben.

Ich sehe so viele Interviews von Leuten, von denen ich genau weiß, dass der Song mit 13 Leuten geschrieben wurde und die sagen dann, dass sie diesen Song geträumt haben. Ich finde das sehr schlimm. Für einen krassen Song braucht man viele verschiedene Menschen und Gefühle.

Wie läuft der Prozess der Songentstehung bei euch ab?

Ilira: Wenn man Newcomer ist, geht man mit ganz vielen Produzenten und Songwritern erst einmal in Sessions und probiert sich aus. So war das bei uns auch.

Jaro: Genau! Wir hatten so eine Session. Ein Produzent sagte mir, ich solle unbedingt mit Ilira arbeiten. Ich dachte erst: Jetzt kommt da so eine aus Deutschland. Später habe ich den Song gehört und war baff. Ilira hat eine internationale Stimme. Ich wollte sofort mit ihr arbeiten. Das war vor zwei Jahren.

Ilira: Mir wurde auch zuvor gesagt, dass Jaro mein bester Freund werden würde. Und ich dachte noch so: Jaja. Aber Jaro ist einfach krass und hat mich umgehauen. Er schreibt die Lyrics in fünf Minuten, schreibt die besten Songs und hört einfach zu. Jaro ist mein bester Freund, kennt alle meine Geschichten. Manchmal fühlt man sich sehr nackt, wenn man immer wieder seine Lebensgeschichte erzählen muss.

Und die Songentstehung?

Ilira: Wir sind oft bis tief in die Nacht im Studio. Ich, der Produzent und der Songwriter. Wir spielen Akkorde und machen Live-Autotune-Sessions. Ich höre mich nur mit Autotune. Es geht nicht um das Treffen der Töne, es geht nur um Melodien. Wir nehmen Sachen auf, schneiden Melodien zusammen und entscheiden, welcher Teil das dann wird im Song. Wie eine Art Puzzle. Ist das eine Pre, ist das eine Hook? Obendrauf kommen die Lyrics. So entsteht das Konzept.

Manche beginnen auch mit dem Text und machen dann die Melodie.

Ilira: Das ist absolut nicht meins. Wenn du zuerst den Text hast, nimmst du dir die Freiheit, verschiedene Melodien zu machen. Das nimmt dir Kreativität und Möglichkeiten weg. Man muss die Melodie an den Text anpassen. Ich arbeite lieber zuerst an der Melodie und schreibe dann den Text.

Ich bin froh, dass ich nach zwei Jahren mein festes Team habe. Ich möchte nicht mehr so viel rumprobieren. Ich bin eine monogame Musikerin.

Das ist wahrscheinlich auch gut. Die Beziehung, die zwischen euch entsteht, wirkt sich auf die Musik aus.

Ilira: Absolut. Ich habe zuvor mit anderen Songwritern gearbeitet, mit denen die Musik nicht so geil war. Vielen ist egal, wer du bist. Die wollen nur einen Hit produzieren. Jaro hat sich hingesetzt, mein Stimmvolumen gecheckt, dass ich überhaupt vier Oktaven habe. Jaro hat mir geholfen, meine Stärken zu finden und diese zu stärken. Andere in der Industrie machten das nicht. Die wollte meine "Feen-Melodien" nicht.

Glaubst du, dass Popmusik auch Gefühl wegnehmen kann? Es wird viel am Computer produziert, auf Perfektion getrimmt. Dadurch wird die Musik statisch.

Ilira: Ich liebe Popmusik, weil sie sehr anspruchsvoll ist. Es gibt Regeln und ein Konzept. Und darein deine Erfahrungen und Gefühle zu packen, trotz des Konzepts, dann hast du alle Rekorde gebrochen. Es ist einfach, sich mit einer Gitarre hinzusetzen, drei Akkorde zu spielen und rumzuschreien. No offense, ich mag Alternative Musik und Metal, aber meine Seele gehört dem Pop. Man muss es erst mal schaffen, ein Konzept und einen geilen Titel mit deinen Gefühlen zu verbinden.

Auf YouTube ist ein Genius-Video zu sehen, in dem die Produktion von Ariana Grandes "Thank u, next" erklärt wird. Darin bekommt man gute Einblicke, wie kompliziert so ein Popsong eigentlich aufgebaut ist. Das Instrumental besteht aus vielen winzigen Bauteilen und obendrauf kommt die Stimme, die teilweise mehrstimmig ausgespielt wird. Das ist vielen gar nicht bewusst.

Ilira: Es ist am Ende des Tages dennoch Unterhaltungsmusik. Die Leute müssen sich damit nicht befassen, wie so ein Song aufgebaut ist. Das ist natürlich schade. Was ich an meiner Musik mag, ist, dass sie im ersten Moment unterhält. Der Zauber daran ist aber, dass ich krasse Messages einbringen kann. Diesen Überraschungseffekt liebe ich, wenn Leute mich unterschätzen und dann merken, dass doch mehr dahintersteckt. Es ist auch cool, den Leuten was unterzujubeln. Der Song klingt fröhlich, hat aber eine depressive Message. Ich mag kontrastreiche Songs.

>> Tokio Hotel im NOIZZ-Interview – über Los Angeles, Partys und Pflaumenkuchen

Wie geht's musikalisch weiter? Wann bekommen wir ein Album?

Ilira: Wir arbeiten an zwei EPs, fliegen bald nach L.A. Die erste EP zeigt die Bubblegum-Songs auf. Auf der anderen EP möchte ich meine düstere Seite zeigen. Sie wird eher melancholisch und urban.

Viele Künstler bringen jetzt EPs statt Alben raus, Miley Cyrus zum Beispiel. Wo ist da der Vorteil?

Ilira: Ich bin ein Fan von CDs. Ich finde es schade, dass ich die Zeit als Künstlerin verpasst habe, meine eigene CD in den Händen zu halten. Das Problem ist, dass die Leute gar nicht mehr die Aufmerksamkeitsspanne haben, sich ein ganzes Album anzuhören. Es wäre viel zu schade, so viel Arbeit zu investieren und keiner hört hin. Deswegen gibt es heute EPs, die Stimmungen spiegeln sollen. So eine EP soll einen roten Faden haben. Die Songs werden auch immer kürzer. Alles wird schnelllebiger.

Quelle: NOIZZ-Redaktion