Von Grindr-Dates, die ihn wegen seiner Drag-Persona sitzen ließen, bis hin zum emotional intelligenten Freund, der die weiblichen und männlichen Seiten liebt und akzeptiert.

Candy Crash ist Youtuber und verwandelt sich seit fast sieben Jahren in Drag. NOIZZ erzählte Candy, wie es ist, als schwuler, femininer Mann zu daten – und was es heißt, wirklich zu lieben.

"Bevor ich selber in der Szene war, waren Drags für mich schwule Männer, die sich als Frau verkleiden und damit performen. Jetzt bin ich selber Drag und weiß, dass es viel mehr als das ist. Drag ist unheimlich politisch und bricht Geschlechterrollen auf, indem es sie infrage stellt. Es geht darum, sein Inneres nach außen zu kehren und eine Seite an sich zu entdecken, die man so in der Gesellschaft nicht rauslassen kann. Doch damit kommen viele noch nicht klar. Selbst Menschen, die selber zu einer Minderheit gehören.

Als ich das erste Mal im Drogeriemarkt Schminke geholt habe, war das sehr befremdlich. Auch ich hatte gerade erst zu mir gefunden, damals war ich 25 Jahre alt. Concealer hatte ich schon vorher benutzt, wenn ich mal die letzten drei Nächte im Berghain verschwinden lassen wollte, doch an diesen Kosmetikständen im Drogeriemarkt zu stehen, hat sich so komisch angefühlt. Ich dachte die ganze Zeit, Leute würden mich beobachten oder über mich urteilen. Früher haben Mädchen gekichert, wenn ich in die Schminkabteilung gegangen bin. Jetzt wollen sie Fotos machen, weil sie mich aus Youtube kennen.

Als Drag musst du dir immer und immer wieder sagen: Egal, ich mach das jetzt einfach. Und irgendwann bist du an einem Punkt, wo du lernst, darauf zu scheißen, was andere sagen. Was Drag ausmacht, ist sagen zu können: Eure Konventionen sind nicht meine, und ich mache, worauf ich Lust habe. Egal, ob es euch gefällt oder nicht.

Candy Crash Foto: Laurent Noichl

Von klein auf lernen wir, was ein Mann ist und was eine Frau. Aber ich muss mich nicht an diese Regeln halten.

In dem Moment, wo ich mich voll geschminkt und mit lackierten Fingernägeln präsentiere, dann ist das ein Zeichen, dass ich mit mir selber voll im Reinen bin, weil ich mich in der Öffentlichkeit zeigen kann. Das hat andere schwule Männer manchmal abgeschreckt. Denen war ich zu weiblich, zu schrill. Das hat an meinem Selbstbewusstsein genagt.

Ich war früher viel auf Dating-Apps unterwegs. Ich war irgendwann auf einem Trip, wo ich richtig viel gedatet habe. Während des ersten Dates habe ich mich dann immer als Drag ge-outet – dann war das Date vorbei. Die haben sich nicht mehr gemeldet. Wenn ich mal jemanden mit nach Hause genommen habe, dann hat er die Perücken gesehen und war sofort abgeturnt.

Ich glaube, dass schwule Männer noch nicht für alles bereit sind. Sie haben noch nicht so viel Akzeptanz und Toleranz gegenüber Weiblichkeit. Der durchschnittliche schwule Mann sucht etwas sehr Männliches. Und da falle ich halt null ins Schema rein.

Bei meinem Freund war dann alles anders.

Den habe ich vor fünf Jahren auf Grindr kennengelernt. Er hat mich zum Essen eingeladen. Ich habe ihm sofort erzählt, dass ich Drag mache, weil ich wusste, dass das eigentlich ein Deal-Breaker ist. Doch er war total offen und hat mich so akzeptiert, wie ich war. Später sind wir knutschend auf einer Parkbank geendet. Jetzt teilen wir unser Leben. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann Kinder zu adoptieren, schließlich bin ich ein Familienmensch.

Das ist jetzt meine zweite Beziehung mit einem Mann. Ich habe davor Frauen gedatet, und habe erst spät gemerkt, dass ich eigentlich auf Männer stehe. Das wusste ich, als ich meinen ersten Freund kennengelernt habe, und mich unglaublich von ihm angezogen gefühlt habe. Mit ihm habe ich das erste Mal erfahren, was emotionale und physische Liebe wirklich bedeutet. Gefühle für eine Frau hatte ich nie wieder.

Wenn ich jemanden liebe, dann vertraue ich jemandem voll und ganz. Ich weiß, dass ich mich auf die Person verlassen kann.

Mein Freund hat einfach eine riesige emotionale Intelligenz, was Drag angeht. Zu seinem 30. Geburtstag hat er sich gewünscht, dass ich ihn für eine Nacht auch mal zur Drag verwandeln soll. Das war für eine Nacht auch ganz lustig, hat dann aber auch gereicht. Ich finde es ganz gut, dass ich bei uns der Star bin. Trotzdem datet mein Freund den Boy – nicht Candy. Ich definiere mich weniger als Drag-Queen, sondern eher als schwuler Mann.

Candy Crash Foto: Laurent Noichl

Drag ist meine Leidenschaft.

Ich liebe es einfach, mich zu schminken. Ich finde es total toll, was man mit Make-up alles erreichen kann, wie man sich verwandeln kann. Es gibt mir auch eine gewisse Attitude und ein Selbstbewusstsein. Ich habe nie daran gedacht, Drag fallen zu lassen, weil es mir früher das Dating schwierig gemacht hat. Ich habe das vor sieben Jahren entdeckt und weiß, dass das kein Charakter ist, den ich auflege, sondern ein Teil von mir. Wenn mein Drag stirbt, dann stirbt auch ein Teil von mir.

Mein Dating-Advice an meine Drag-Freunde: Nicht aufgeben. Ich weiß, dass es schwer ist, dass wir innerhalb einer Minderheit noch mal eine Minderheit sind, aber du wirst jemanden finden. Und wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm."

[Protokolliert von Luisa Hemmerling]

"IDENTITY" by NOIZZ – ein neues Videoformat geht an den Start

Mit "IDENTITY" haben wir im Juli 2019 eine spannende Videoreihe gelauncht. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind.

Die erste Folge mit Trans*Frau und YouTuberin Raffaela Zollo kannst du dir hier anschauen:

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Quelle: Noizz.de