"Kristallisiert sich Asexualität im Jugendalter heraus oder kann es sich auch später entwickeln?"

IDENTITY by NOIZZ geht an den Start. Mit "IDENTITY" launcht im Juli 2019 eine spannende Videoreihe. Wir zeigen euch Menschen, die trotz gesellschaftlichem Gegenwind kompromisslos zu sich stehen. Menschen, die für ihre Identität kämpfen – und den Mut haben, sich genau so zu zeigen, wie sie sind. Die zweite Folge widmet sich dem Thema Asexualität. In sechs Fragen und Antworten wollen wir euch das Thema näher bringen.

>> NOIZZ startet Videoreihe "IDENTITY" – über den Kampf um die eigene Identität

Zur ersten "IDENTITY"-Folge mit YouTuberin Raffa's Plastic Life zum Thema Transgender geht es hier:

Asexualität?

Wenn sich jemand als bi- oder homosexuell outet, dann wissen die Menschen in den meisten Fällen, was damit gemeint ist. Bei Asexualität regiert aber immer noch ein großes Fragezeichen in den Köpfen der Gesellschaft. Das könnte daran liegen, dass Sex wortwörtlich die Welt regiert und wir in unserer Gesellschaft beigebracht bekommen, dass es etwas Schönes, Begehrenswertes ist, getreu dem Motto: "Alle tun es". Außerdem ist Sex die einzige Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Niemand hinterfragt das.

Dabei gibt es Menschen, die ganz einfach gesagt, kein Verlangen nach sexuellen Interaktionen haben. Um die Verwirrung rund um das Thema etwas zu lockern, haben wir die gängigsten Fragen dazu beantwortet. Für manche Fragen haben wir Diplom-Psychologe Robert Coordes um Antwort gebeten, der das Institut für Beziehungsdynamik in Berlin gegründet hat. Weitere Informationen zu seinem Institut findest du hier.

1. Was genau bedeutet Asexualität?

Asexualität ist, wie der Begriff schon sagt, eine sexuelle Orientierung. Ursprünglich nur für den ungeschlechtlichen Vorgang der Pflanzenvermehrung vorgesehen, wurde der Begriff erst Ende der 90er auf den Menschen übertragen, wenn zum Beispiel die Geschlechtsdrüsen oder die Libido gefehlt haben oder wenn klar wurde, dass das Thema Sex viel weniger Interesse geweckt hat, als die Gesellschaft einem vermittelt. Im Gegensatz zur Homosexualität blieb Asexualität lange unentdeckt, außerdem war Sex bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein Tabu in der Öffentlichkeit. 

Als asexuell gelten heute Menschen, die keine sexuelle Anziehung und/oder kein Verlangen nach sexueller Interaktion spüren. 

Wie Interaktion definiert ist, ist bei jedem Menschen anders: Das kann bei simplen Küssen oder erst beim reinen Geschlechtsverkehr anfangen (und überall dazwischen liegen), es geht aber immer um eine Interaktion zwischen zwei Leuten. Wie und ob asexuelle Menschen ein Verlangen nach Sex empfinden, ist sehr unterschiedlich und von Mensch zu Mensch anders, deshalb gibt es keine klare Definition dafür. 

2. Wie können asexuelle Menschen Beziehungen führen?

Wie jeder andere Mensch auch. Nur weil kein Verlangen zu Sex oder sexuellen Tätigkeiten da ist, bedeutet das nicht, dass asexuelle Menschen keine Liebe und Gefühle empfinden können. 

3. Wenn es ein Sexualleben gibt, wie sieht das Sexualleben von asexuellen Menschen aus? 

Einige asexuelle Menschen verspüren das Verlangen, zu masturbieren und empfinden das als angenehm. Wie in der ersten Frage bereits erklärt, geht es bei asexuellen Menschen meistens nur um den sexuellen Kontakt mit einem anderen Menschen. Asexuelle Menschen sind nicht körperlich oder anderweitig gehindert, Sex zu haben. Wieder andere führen Beziehungen und haben auch Sex mit ihren Partnern, aber nicht weil sie das Verlangen dazu haben, sondern weil sie aus Liebe zu ihren Partnern mit ihnen Sex haben. Das muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden und wissen, in wie weit er oder sie sich wohl fühlt.

4. Kristallisiert sich Asexualität im Jugendalter heraus oder kann es sich auch später entwickeln? 

Diplom-Psychologe Robert Coordes erklärt: "Es wäre unprofessionell, wenn ich da klar 'ja' oder 'nein' sagen würde, es gibt zig verschiedene Möglichkeiten, wie sich Asexualität zeigt und wie und wann sie 'entsteht'. Es gibt Menschen, die behaupten, dass sie noch nie in ihrem Leben Lust erlebt haben. Eine Klientin sagte mir mal, dass sie ihre Lust im Kindergarten verloren hat."

Wie komplex dieses Thema ist, wird klar, als Coordes mit seiner Antwort fortfährt und in die Tiefen der Entstehung von Lust geht: "Dazu kommt die Frage, wie Lust und erotisches Erleben entstehen. Unser erotisches Erleben und unsere Lust entstehen nicht im luftleeren Raum: Es kann sein, dass jemand Missbrauch erfahren hat im frühen Alter und diese Erfahrung mit ins erotische Erleben einfließt. Oder dass jemand zum Beispiel eine schwere katholische Erziehung erfahren hat und so ein sehr lustfeindliches Bild verinnerlicht hat." Lust bekomme dann einen Beigeschmack von etwas Schmutzigem, das tabuisiert und verheimlicht wird. "Im Erwachsenenalter entwickelt man dann eine bestimme Sexualität, die auf diesen Erfahrungen fußt."

5. Was kann man tun, wenn man an seiner Asexualität leidet?

Genau wie bei allen anderen Sexualitäten gibt es keinen Weg, die Orientierung zu ändern. Dabei kommt es auch immer auf die Auffassung und die Akzeptanz der Menschen selbst an. "Grundlegend ist beim Thema Asexualität immer die Frage, wer etwas als Problem ansieht und definiert. Zu uns kommen per se nur Leute, die für sich das Gefühl haben, unter Problemen zu leiden. Ich gehe ja nicht zum Therapeuten und sage, dass mir die Lust am Klettern fehlt, ich aber gerne Klettern lernen möchte", erklärt Coordes.

Er fährt fort: "Wir haben in der Regel mit Menschen zu tun, die irgendwann in ihrem Leben in eine Situation kommen, in der sie sich selbst als Problem wahrnehmen. Das hat meistens damit zu tun, dass sie ein Kind bekommen wollen und es keinen Sex in der Beziehung gibt. Oder sie lernen jemanden kennen, der Sex möchte. Oder in einer langjährigen Partnerschaft verschwindet plötzlich die Lust und die Streitigkeiten nehmen zu. Dann suchen Menschen therapeutische Unterstützung auf."

An den Möglichkeiten der Pharmaindustrie zweifelt Coordes allerdings: Dort arbeite man angeblich an einer Pille gegen Lustlosigkeit. "Daneben existieren auf dem Markt verschiedene Versprechungen alternativer Anbieter, die angeblich das sexuelle Feuer entfachen sollen. Das finde ich persönlich ziemlich seltsam, denn wieso sollte jemand, der keine Lust empfindet, eine Pille nehmen, um Lust zu bekommen? Das ist widersinnig, finde ich. Das wirft aber die Frage auf, was Lust überhaupt ist. Ist Lust das Ergebnis eines hormonellen Zusammenspiels, das man beeinflussen sollte beziehungsweise kann?"

Psychologisch betrachtet, fasst Coordes die Thematik so auf: "Meistens ist es tatsächlich so, dass Sex als etwas Gefährliches erlebt und gelernt wurde, oder dass Sex als Anstrengung, nicht als etwas Schönes, sondern eher belastend, belästigend mit hohem Performance-Druck. Dann passiert eins: Dass man sich fragt, wieso ich mich auf so etwas einlassen soll. Und dann ist Sex sicherlich nichts lustvolles."

6. Wie reagiert man richtig auf ein asexuelles Coming-out und wann wäre es sinnvoll, sich Hilfe zu holen?

Auf Coming-outs sollte man immer ruhig und vor allem mit Akzeptanz reagieren, damit der oder die Betroffene nicht das Gefühl hat, dass etwas mit ihm oder ihr nicht stimmt. Immerhin spielt bei Coming-outs allerart auch immer Vertrauen mit.

Coordes rät vor allem in frühen Stadien der Beziehung für Offenheit: "Das ist immer die Frage des Kontextes und der Art der Kommunikation. Die Frage ist vor allem, wann das kommuniziert wird. Sie lernen jemanden kennen, der sagt dann: 'Okay, ich habe keine Lust auf Sex'. Dann ist das was anderes, als wenn sie mit jemanden bereits drei Jahre zusammen sind."

Psychologische Hilfe ist nicht immer notwendig, laut Coordes: "Es gibt Menschen, die sagen 'Ich bin asexuell, ich bin glücklich'. Da sehe ich persönlich keinen Bedarf, mich einzumischen. Das ist die Entscheidung von erwachsenen Menschen, die sagen 'ich brauche keine Sexualität, ich vermisse auch nichts'. Es ist wissenschaftlich belegt, dass in langjährigen Beziehungen die Lust, das sexuelle Interesse irgendwann nachlässt." Es gebe statistische Zusammenhänge zwischen der Dauer der Beziehung und der Lust auf Sex – das sei natürlich was ganz anderes als Asexualität, in dem Fall würde Coordes eine Paartherapie empfehlen.

Weitere Quellen: Aktivista.net

Quelle: Noizz.de