Wie ist es, im 21. Jahrhundert Teil einer schlagenden Studentenverbindung zu sein? Bestätigen sich die Klischees von rechtsextremen, saufenden, elitären Fundamentalisten oder sind das Gespinste der Vergangenheit? Robert Wagenhuber* aus Nordrhein-Westfalen war ein Jahr lang Teil einer solchen Verbindung und hat uns aus dieser Zeit erzählt – in der wortwörtlich die (Haut-)Fetzen flogen!

Um Studentenverbindungen ranken sich die Mythen. Ihre Tradition geht bereits auf die Symposien im Altertum zurück sowie später auf das europäische Mittelalter mit der Entstehung der Universitäten: Studentische Clubs für engagierte Männer, kleine, elitäre Zirkel mit strengen Hierarchien, inhaltlichen Auslagen und Traditionen. Mit den Jahrhunderten ist eine Kultur entstanden, die sich mit politischem Engagement, ehrenhaften Degenkämpfen und Schmissen im Gesicht ins kulturelle Gedächtnis geritzt hat.

Auch heute gibt es sie, an jeder Uni: Verbände meist männlicher Studenten und Absolventen, die seit Generationen bestehen und bei denen die älteren Generationen mit Geld, Immobilien und Kontakten für ein gediegenes Studentendasein der Neulinge sowie für smoothe Übergänge in die Arbeitswelt sorgen. Ihr Ruf eilt ihnen voraus. Sie gelten als elitär, rechts, toxisch maskulin, versoffen, fundamentalistisch und traditionell, und dann ist da noch die Sache mit dem "Schlagen" – Degenkämpfen, die mit olympischem Fechten ungefähr so viel zu tun haben wie Holz hacken.

Robert Wagenhuber ist heute Ende 20, war zwischen 2014 und 2015 für ein gutes Jahr Teil einer pflichtschlagenden Studentenverbindung und hat für eine lächerlich niedrige Miete im luxuriösen Verbindungshaus gelebt. Nach gut zwölf Monaten hat er die Verbindung wieder verlassen. Wir haben uns mit Robert getroffen und uns angehört, wie sein Alltag in der Verbindung aussah.

Luxuriöse Zimmer zum Schnäppchenpreis, "Spiele", die dich zum Saufen zwingen, tägliches Degentraining um 7 Uhr morgens und Rivalitäten mit einer anderen Verbindung, bei der unter blutgetränkter Decke Kopfhautfetzen mit Haaren durch den Raum fliegen – das ist Roberts Geschichte als Mitglied einer schlagenden Verbindung.

Das Korporationshaus Rupertushaus. Die Hills von Heidelberg sind voll von diesen schönen, alten Häusern in Besitz der Verbindungen.

Leben in einer pflichtschlagenden Studentenverbindung. Robert Wagenhuber erzählt

Als ich mit 23 Jahren endlich ausziehen wollte, bin ich über die normale Wohnungssuche online auf ein Verbindungshaus in meiner Uni-Stadt gestoßen. Über Verbindungen hatte ich damals keine echte Meinung oder Vorurteile, und ich habe mir da auch keine Gedanken drüber gemacht.

Das Haus war auf jeden Fall richtig krass. Ich hatte ein großes Zimmer, das superschön und komplett ausgestattet war. Außerdem gab es eine gigantische Küche mit Kochinsel, ein Wohnzimmer mit Beamer, einen Keller mit Kneipe. Das Badezimmer auf unserem Stock war auch riesig und die Dusche ein eigener Raum mit Regendusche, supergroß und richtig geil. Ach ja, und eine Terrasse mit Garten gab's natürlich auch. Alles über vier Etagen.

Die Ausstattung des Hauses war ein bisschen altbacken, wie in einem alten Jagdhaus, mit ausgestopften Füchsen, Hüten und Krügen als Deko. Der Typ, mit dem ich das Casting hatte, war ziemlich cool. Wir haben zusammen ein Bierchen getrunken und dann meinte er: Jau, du kannst hier einziehen. Und dann hab ich das gemacht – für 200 oder 250 Euro monatlich, alle Nebenkosten inklusive.

Füchse, Burschen, Alte Herren: Die Hierarchie der Verbindungen

Verbindungen sind so aufgebaut: Es gibt Füchse, das sind die Neulinge – also jemand wie ich –, es gibt Burschen, das sind die normalen Mitglieder beziehungsweise "Ausgebildete", und dann gibt es die Alten Herren, die Ehemaligen. Das Prinzip ist ein Kreislauf. Die Ehemaligen subventionieren die Füchse und Burschen, also die aktiven Studenten, mit Mietzuschüssen, Freibier, Kontakten in die Berufswelt. Wer irgendwann selbst ein Alter Herr ist, der kümmert sich wieder um die Neuen. In unserer Verbindung gab es gut fünf Füchse, circa 15 Burschen und locker über 50 Alte Herren. Bei Konventen und Kneipen – also Treffen mit allen – waren wir easy hundert Leute.

Frauen waren und sind nicht zugelassen, wegen eventuellem Stress von Liebeleien und Beziehungen. Es wurde zwar immer wieder überlegt und angesprochen, aber wegen dieser potenziellen "Probleme" grundsätzlich verneint. Die Mitglieder unserer Verbindung waren also männlich, außerdem alle weiß, und es gab meiner Erinnerung nach auch niemanden, der offen als gay gelebt hat. Rechts waren wir aber nicht, sondern ziemlich human. Aber da gab es auch ganz andere Verbindungen. Ansonsten würde ich sagen: ganz normale Studenten – mit Hang zu Freibier und Degenkämpfen.

Beer Pong kennt jeder, aber was ist mit "Bierjunge", der "Stafette" oder "Aus- und Einpauken"?

Saufspiele in der Studentenverbindung: Bierjunge, Stafette und das Aus- und Einpauken

Gesoffen wurde viel. Wir hatten im Keller eine Theke mit Bierfässern, und für 1,40 Euro gab es 0,4 Liter Bier, oft aber auch von Alten Herren finanziertes Freibier. Wenn zum Beispiel mal wieder ein Kölsch-Abend anstand, dann wurde eine Telefonliste mit den Alten Herren abtelefoniert und jeder Einzelne gefragt, ob er nicht ein Fässchen Kölsch für unseren Abend sponsern möchte.

Getrunken wurde aber nie einfach so, sondern immer mit Regeln und Spielen, zum Beispiel dem "Aus- und Einpauken". Das funktioniert so: Wenn du zur Toilette pinkeln musst, darf du das nicht ohne Weiteres tun. Du musst dich Auspauken, in dem du ein 0,4L Bier ext. Wenn du zurück kommst, paukst du dich wieder ein – du ext noch ein Bier.

Ein anderes Spiel ist der "Bierjunge". Den Bierjungen kannst du jeder jederzeit mit irgendeiner Person deiner Wahl spielen. Dafür musst du dein Bier nehmen und einem anderen "Bierjunge!" zurufen. Der muss daraufhin "hängt!" sagen, und dann ext jeder von euch sein Bier. Theoretisch könnte man da natürlich auch "nein" sagen, aber das macht man nicht. Man sagt dann schon "hängt". Du zwingst dich also gegenseitig, Biere zu exen.

Dann gibt es noch die "Stafette". Dafür sitzt du zu mindestens viert in einer Reihe, mit ebenso vielen Leuten gegenüber. Jede Reihe ist ein Team. Auf Kommando ext jede Reihe für sich nacheinander Biere, wie beim Staffellauf – wenn der vor dir fertig ist, darfst du. Die Kette, die zuerst ausgetrunken hat, gewinnt. Das gibt's auch als Telefonstafette. Dann kannst du eine andere Verbindung spontan anrufen und fragen, ob die Lust auf eine Stafette haben. Wenn ja, spielt man eine Runde über Telefon gegeneinander und legt dann wieder auf. So ein Anruf ist nicht verpflichtend, aber es kam auf jeden Fall schon mal vor, dass da tagsüber jemand angerufen hat oder wir andere angerufen haben und 'ne kleine Telefonstafette gespielt wurde.

Das klingt jetzt natürlich ein bisschen krass, aber wir lagen da auch nicht täglich unterm Tisch. Gesoffen wurde eigentlich nur am Wochenende. Unter der Woche gab's natürlich auch mal 'n Bierchen, aber dann total gemäßigt bei 'nem Spieleabend oder so. Und Alkohol am Wochenende ist ja auch nicht gerade unüblich in unserer Gesellschaft, gerade unter Student*innen.

Viellicht ein Symbolbild eines Konvents, wenn man sich die Frauen wegdenkt

Thekendienst und Zapfanlage saubermachen – WG-Pflichten der Verbindung

Abgesehen von meiner Miete und normalen WG-Diensten wie Thekendienst, Zapfanlage reinigen und so, hatte ich als Verbindungsmitglied zwei echte Verpflichtungen: Fechten und zu wichtigen Konventen erscheinen, bei denen über die Verbindung geredet, Dienste verteilt und Strafen verhängt wurden, zum Beispiel Geldstrafen oder Alkoholverbote, die auch außerhalb der Verbindung galten.

Diese Konvente waren richtig volle Veranstaltungen, bei denen alle zusammen getrunken und gesungen haben. Das hat auch richtig Bock gemacht, mit hundert Leuten "Wir lagen vor Madagaskar" zu grölen und einen zu heben. Rechte Lieder habe ich nicht in Erinnerung, aber ich kann nicht ausschließen, dass es auch um Themen wie Heimat und traditionellere Werte ging. Aber aus meiner Erinnerung keine Deutschland-Lieder oder so.

Die Mensur, der Fechtkampf der Verbindungen

Fechten mit messerscharfen Säbeln

Auf das Fechten hatte ich anfangs sogar Bock, ich dachte so "Olympisches Fechten ist bestimmt geil". Denkfehler eins: Das war kein Olympisches Fechten, sondern starres, unbewegliches Kloppen mit richtig scharfen Säbeln. Denkfehler zwei: Ich sollte jeden Morgen um 7 Uhr trainieren. Denkfehler drei: Training reicht nicht, ich musste wirklich kämpfen.

Um richtiges Mitglied zu werden und Bursche zu sein, muss man nämlich erstens ein Quiz bestehen und zweitens auf insgesamt drei Mensuren für die Verbindung gekämpft haben. Eine Mensur ist ein traditioneller Fechtkampf gegen eine andere Verbindung. Vergesst alles, was ihr im Fernsehen bisher vom Fechten gesehen habt, und stellt es euch so vor:

Zwei Männer stehen sich eine Degenlänge entfernt gegenüber. Jeder trägt einen Arm- und Schulterschutz – ein bisschen wie beim Kampfhundtraining. Für die Augen und Ohren gibt es die Mensuren-Brille, wie eine Taucherbrille aus Metall. Dann haust du dir abwechselnd mit einem scharfen Säbel auf den Kopf und parierst mit deinem Armschutz. Wenn du alles richtig machst, kann nichts passieren, bei einem Fehler hast du einen scharfen Säbel im Gesicht – keinen olympischen Degen zum Piksen. Die waren rasiermesserscharf und wurden jedes Mal vorher geschliffen. Und klar gab es auch Leute mit Schmissen.

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Aber solche Mensuren habe ich einfach nicht mitgemacht, und täglich um 7 Uhr trainieren hab ich mir auch nicht gegeben – und das gab dann auch Probleme für mich. Aber mir war das zu blöd, mich mit einem scharfen Messer zu kloppen.

Pro Patria – fürs Vaterland!

Es gab mal ein Event, das vorher seit 15 Jahren nicht passiert ist, eine "Pro Patria", übersetzt "Fürs Vaterland". Unsere Verbindung hat sich mit einer anderen zerstritten, und jeder muss für seine Verbindung einstehen. Bei den Mensuren ist die Stimmung entspannt, aber jetzt ging es darum, die Ehre zu verteidigen. Das war deutlich ernster. Und blutig.

Die andere Verbindung ist dann zu uns gekommen, alle sind in den Keller, die Rollos wurden runtergezogen und dann ging's los. Die Stimmung war auf jeden Fall angespannt. Alles wegen einer Lappalie, irgendeinem dummen Missverständnis.

Solche Fechtkämpfe laufen so ab: Es gibt immer 40 "Gänge", heißt 40 Schläge. Wenn dann keiner gewonnen oder aufgegeben hat, dann ist unentschieden. Du verlierst nämlich nicht, nur weil du verletzt bist. Du musst freiwillig aufgeben.

Einem wurde an dem Tag ein Stück Kopfhaut mit Haaren dran vom Schädel geschlagen, das ist auf einmal durch die Luft geflogen. Die Decke war voller Blutspritzer. Einer hatte seine Arterie über dem Auge verletzt und richtig doll geblutet. Der hat aber bis zum Ende gekämpft und dabei superviel Blut verloren, das ging gar nicht. Da kamen immer wieder Spritzer raus.

Für mich war das sehr befremdlich, aber auch interessant. Am Ende haben wir zwei von vier Kämpfen gewonnen, zwei waren unentschieden. Also ging die Pro Patria an uns, und danach war die Stimmung super.

Ein Jahr Studentenverbindung hat mir gereicht

Ich bin rausgegangen, weil mir das zu viele Verpflichtungen waren. Am Samstag Saufen in der Kneipe und jeden Morgen Fechttraining um 7 Uhr, und auf die Mensuren hatte ich auch so gar keinen Bock.

Heute habe ich keinen Kontakt mehr zu den Leuten. Der Zusammenhalt und das Netzwerk waren trotzdem krass; alles qualifizierte Akademiker. Hätte ich nach dem Studium einen Job gesucht, hätte ich über die Verbindung auf jeden Fall eine gute Connection gehabt. Aber in so eine kleine Mikrogesellschaft würde ich heute nicht mehr gehen. Die Freiheit, ohne Verpflichtungen über meine eigene Zeit und Wochenenden bestimmen zu können, ist mir viel wichtiger.

*(Die NOIZZ-Redaktion hat den Namen des Protagonisten geändert, um ihn in keine Verlegenheiten zu bringen.)

[Transkribiert von Till Böttcher]

  • Quelle:
  • NOIZZ