Wir sind andere Eltern als unsere Eltern – und das ist okay!

Isabell Prophet

Autorin in Berlin
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Ja zu Südfrankreich! Ja zum Bauchtraining! Ja zum Smartphone im Park! Wer nichts richtig machen kann, kann machen was er will. Endlich.

Die Hölle hat eine neue Eingangspforte. Drüber steht: Reisen in der Elternzeit. Und Südfrankreich scheint ein guter Ort für Babys zu sein. Dorthin sind nämlich 90 Prozent der Eltern in meinem Freundeskreis verschwunden, paarweise mit Nachwuchs natürlich.

Auf Facebook kann ich mir ihre Fotos anschauen, Strand, Sonnenuntergang, Bulli und Grill. Na, schon neidisch? Ich auch, aber ich muss ja arbeiten. Ist auch egal, denn Eltern kommen bei uns alle in die Hölle. Kinderlose sowieso. Also eigentlich alle, die 1980 und später geboren wurden. Vielleicht sollten wir diese Jahreszahl über das Tor zur Unterwelt schreiben und uns in die Schlange stellen.

„Wer hat, der kann“, sagte neulich ein Bekannter von mir über eines dieser Reise-Eltern-Paare in giftig-hämischem Ton.

Ein paar meiner Freundinnen zeigen im Instagram-Feed sogar einen straffen Bauch am Strand, als hätten sie es gewagt, Sport zu machen. Trotz Baby! Vermutlich ziehe ich sozialschmarotzerische Egozentrikerinnen irgendwie an.

„Elterngeld ist kein staatlich gesponsertes Urlaubsgeld“, diese These las ich gestern wieder in meinem Facebook-Feed. Dahinter steckt ein Text der Süddeutschen aus dem vergangenen Frühling.

Der Kern der Kritik steckt in diesem Absatz: „Wer das Elterngeld nur als staatlich gesponsertes Urlaubsgeld nutzt, ist unverschämt. Er nutzt das Sozialsystem aus und kommt seiner Verantwortung nicht nach, das Geld seinem Zweck entsprechend einzusetzen. Darüber hinaus verhält er sich unfair gegenüber dem Elternteil, der sich nach der Reise wieder alleine um das Kind kümmert.“

Meine Zeit, mein Geld, mein Lebensmodell. Mein Neid

Doch die Kritik an Reise-Eltern ist unberechtigt. Sie gehört in zwei Debatten hinein, die immer wieder losbrechen. Und beide sind ungerecht.

  1. Wer Sozialleistungen bekommt, der soll gefälligst keinen Spaß damit haben.
  2. Wer Dinge anders macht als ich, der macht was falsch.

Und jetzt sagt nicht, ihr würdet nie so denken. Wir denken alle mal so. Dahinter steckt 1. der Neid und 2. das Bedürfnis, das eigene Lebensmodell zu rechtfertigen.

Es gibt keinen Grund, Eltern an ihr zuhause zu fesseln. Es gibt keinen Grund, irgend jemandem vorzuschreiben, wie er Geld und Zeit nutzen soll. Geld und Zeit gehören zu den entscheidenden Ressourcen unseres Lebens. Wer hat, der kann, das stimmt sogar. Aber was ist falsch daran?

Das Elterngeld soll es Berufstätigen ermöglichen, Kinder zu bekommen, ohne wirtschaftlich zusammenzubrechen. Das muss sein, weil unsere Generation weniger spart, auch weil wir reisen. Und es muss sein, weil wir weniger sparen können. Weil die wirtschaftlichen Eliten älterer Generationen uns in den Metropolen mit hohen Mieten erdrücken.

Ihr hattet Häuser, wir haben modernisierungsbedingte Kaltmietenerhöhungen. Wir brauchen das Elterngeld. Es ist kein leistungsloses Einkommen. Eltern leisten.

Nicht jeder nutzt das Geld gleich. Einige bleiben daheim und leben weiter, so gut es geht wie bisher. Einige genießen die Zeit zu dritt, andere wechseln sich ab. Manche vermieten ihre Wohnungen unter und touren zwei bis sechs Monate durch Europa.

Und nicht jeder braucht das Elterngeld. 1206 Euro bekommen Männer im Schnitt, Frauen nur 709 Euro (Könnt ihr auf Seite 22 in diesem Dokument nachlesen) Folglich haben sie vorher gut verdient und brauchen die Reisekasse gar nicht. Gerade Männer haben wirklich genug, um einfach vorher zu sparen und ... Na? Liegt ihr schon vor Lachen unterm Tisch oder kotzt ihr gerade in den Windeleimer?

Zur Klarstellung: Man muss schon verdammt viel verdienen, um auf das Elterngeld nicht angewiesen zu sein. Und das tun sehr wenige. Natürlich wäre eine andere Formel super, die Geringverdienern ein höheres Elterngeld gönnt. Mehr Geld wäre sowieso immer besser, also Inflation mal weggedacht. Lassen wir das. Reden wir über Gleichberechtigung.

Die Männer meiner Generation sind super

Noch immer nehmen sich viel zu viele Väter nur zwei Monate Elternzeit. Nur jeder dritte tut es überhaupt, meldet das Familienministerium. Das ist scheiße. Doch es liegt nicht daran, dass sie Arschlöcher sind. Die Männer meiner Generation sind super. Doch sie arbeiten für die früheren Generationen, sagen wir: die Prä-MTV-Generationen.

„So was machen wir hier nicht“, ist der Satz, den zu viele unserer Männer zu hören bekommen, wenn sie Elternzeit nehmen wollen. Ihre Chefs haben es ja schließlich auch nicht gemacht. So was machen Frauen.

„Wie bezahle ich von meinen 1206 Euro Elterngeld die Miete in München oder Hamburg?“, ist der Satz, der sie (und uns Frauen) nachts um den Schlaf bringt. Denn seine Wohnung untervermieten, mag lustig sein, wenn man nebenbei im Bulli durch Südfrankreich reist. Es ist total unlustig, wenn der Untermieter (oder ein Angriff aufs Sparschwein) sein muss, weil das Elterngeld zum Leben nicht reicht.

Und dass wir uns bei all den wirtschaftlichen Sorgen, unter denen wir leben, mal eine Auszeit gönnen in dieser tollen bunten aufregenden Zeit nach der Geburt? Das ist sowieso nur unsere Entscheidung. Es ist eine verdammt gute Option unter vielen in unserem Leben. Wir treffen sie allein.

Das Problem ist älter als MTV

In der Elternzeit zu reisen, das ist nun wirklich nicht das Problem. Männer sind auch nicht das Problem. Ihr seid das Problem. Ihr Prä-MTV-Eltern, die ihr alles besser könnt, besser wisst, anders gemacht habt und uns das Etikett der schlechten Eltern aufdrückt, nur weil wir unsere Entscheidungen anders treffen. Schlechte Staatsbürger sind wir ja sowieso, nutzen eine Sozialleistung aus, die uns geschenkt wird.

Ob es einen statistischen Zusammenhang zwischen schlechten Eltern und Reisen gibt, weiß ich nicht. Gefühlte Wahrheit: Nee.

Aber schlechte Staatsbürger sind wir nicht, nur weil wir reisen. Wir sind wenige, weil ihr nur wenige von uns gemacht habt. Und wir werden euch trotzdem die Rente finanzieren, gemeinsam mit unseren Kindern. Bitte-gerne.

Eure Erwartungen sind unsere Hölle

Von Eltern in Deutschland wird noch immer erwartet, dass sie brav zu Hause bleiben und mit dem Baby spielen, bis der Partner von der Arbeit kommt. Wer vor die Tür will, der soll gefälligst nicht aufs Telefon schauen und mit seinen Freunden kommunizieren, während er das endlich schlafende Kind durch den Park schiebt. Und er ist meistens sie.

Als ich in meinen 20ern war, so richtig lange her ist es noch nicht, wollte ich ums Verrecken keine Kinder. Warum denn bitte auch? Den ganzen Tag meckert die Gesellschaft an Müttern rum. Das Kind weint: Rabenmutter. Kann die mal gehen? Das Kind weint nicht, weil es in der Öffentlichkeit gestillt wird: widerlich, so was. Kann die mal gehen? Abends ein Bier: gehört standrechtlich erschossen. Mama arbeitet: unfassbar! Mama arbeitet nicht: unfassbar!!!

Und wehe, die Mutter wagt es, nach der Geburt ihren Bauch zu trainieren, damit die körperlichen Folgen der Schwangerschaft schneller heilen. Auch falsch. Alles falsch. Egoistisch. Wer sich richtig um sein Kind kümmert, der kann doch gar keine Zeit für sich selbst haben. Eure Erwartungen sind unsere Hölle.

Als ich in den 20ern war, wollte ich keine Kinder, weil ich Angst hatte, danach als Mensch nicht mehr da zu sein.

Danke für den Arschtritt. Den nehmen wir

Meine Sorgen haben sich als absolut begründet herausgestellt. Ständig kritisiert jemand junge Mütter dafür, wenn sie nach ihren eigenen Bedürfnissen leben. Ich spreche von guten, klugen, gebildeten Müttern. Und Vätern. Eltern, die gute Kinder erziehen werden. Vielleicht ist diese Kritik der Arschtritt, den meine Generation braucht.

Der Arschtritt, der uns dazu bewegt, uns zu verteidigen.

Männer meiner Generation brauchen einen Tritt, weil sie für ihre Rolle als Väter in dem Firmen kämpfen müssen. Für die Selbstverständlichkeit, Kümmerer zu sein. Emotional, nicht nur finanziell. Laut Familienministerium wünscht sich mehr als die Hälfte aller Väter, sich mehr einbringen zu können. Fein. Fight for it.

Und Frauen müssen sich gegen die Verurteilung wehren. Ihr Älteren vergesst, dass wir Frauen, die jetzt gerade oder demnächst mal Kinder bekommen, ganz anders drauf sind, als ihr. Wir sind eure Nachkommen, auch geistig.

Ihr habt für die Freiheit aller Frauen gekämpft. Wir kämpfen für die Freiheit als Individuum.

Und das bedeutet, dass wir uns gegen alte Regeln verwehren, aber auch gegen alte Ideale.

Wie wollen wir leben? Und wer ist „wir“?

Die große Differenz zwischen alten Rollenbildern und modernen Lebensbedürfnissen ist genau der Grund, aus dem Frauen Mitte 20 so gar keinen Bock auf Kinder haben. Weil aus uns Frauen dann „wir Mütter“ werden, eine angeblich homogene Masse, die keine Abweichungen tolerieren darf. Weil wir als Mütter eh nichts mehr richtig machen können, moderne Fassung:

Weil wir als Eltern nichts mehr richtig machen können.

Dann ist es ja auch irgendwie egal.

Endlich.

Als mir klar wurde, was andere Menschen mich können, kam der Kinderwunsch zurück.

Denn Kritik, wie die am Reisen in der Elternzeit, schießt am eigentlichen Problem sauber vorbei. Elterngeld ist staatlich geförderte Freiheit. Wir müssen sie zu nutzen wissen. „Wir“ meint: Wir zwei. Nicht alle Eltern, die je gelebt haben. Partnerschaft ist etwas für zwei, alle anderen halten sich bitte raus.

Wer eine Familie gründet, der muss verhandeln. Vorher, idealerweise. Wir müssen viele Fragen klären.

Eine dieser Fragen: Wer wollen wir sein?

Eine andere: Was brauchen wir, um zweimal „ich“ zu bleiben?

Daraus folgt: Welche Unterstützung braucht der Elternteil, der allein zuhause ist, vom Partner? Finanziell, natürlich, denn auch eine (temporäre) Hausfrau hätte verdammtnochmal gern das neue Smartphone, ohne deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie neben stillen, kochen, einkaufen und Kinderarzt nicht arbeiten kann. Ob’s dann finanziell drin ist, steht auf einem anderen Blatt.

Aber auch zeitliche Unterstützung brauchen die erziehenden Partner. Denn wer uns #fitfam-girls und boys nicht die Zeit zum Sport einräumt, den wird Gottes Gnade nicht retten. Egoistisch? Ich entschuldige mich nicht dafür, etwas für meine Gesundheit zu tun.

Gleiches gilt übrigens für die Person, Institution oder Gesellschaft, die eine #Backpackerin, ihren #Trailblazer-Freund und das #Reisebaby zuhause einsperren will. Flach auf den Boden legen und auf Hilfe warten. Viel Glück.

Es geht um unser Leben

Wir müssen verhandeln. Miteinander – nicht mit den Generationen vor uns.

Es geht nicht um Romantik, es geht nicht um familiäre Ideale. Es geht um unser Leben als Familie. Es geht um die Frage, wer wir sein wollen, als Mütter und Väter.

Also liebe Prä-MTV-Generationen, haltet euch gern an euren alten Idealen fest, wir sind raus. Ihr kriegt eine Video-Nachricht von der südfranzösischen Mittelmeerküste und ein paar Selfies auf Instagram. Wer hat, der kann? Allerdings.

„Du sollst Vater und Mutter ehren“, steht in der Bibel. Dann fangt mal an.

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