Hand aufs Herz: Weißt du genau, wie die Klitoris aufgebaut ist und anatomisch aussieht? Da fängt es schon an – über den Kitzler wissen wir ziemlich wenig. Und das liegt eventuell auch daran, dass das Lustorgan nichts anderes kann, als Orgasmen zu bescheren. Denken wir zumindest bis jetzt.

"Girls just wanna have fun" – ob Popsängerin Cindy Lauper damit den weiblichen Orgasmus meinte, weiß ich nicht. Wenn es aber beim Spaß um den weiblichen Höhepunkt geht, bedeutet das laut einer Umfrage der Plattform "OMGyes", dass rund 75 Prozent aller Frauen nur klitoral kommen können. Der kleine Schwellkörper ist für die meisten biologischen Frauen also immens wichtig, wenn es darum geht, Lust zu empfinden. Trotzdem ist er kaum ein Thema in medizinischer Fachliteratur, sogar bei manchen Gynäkolog*innen ist die Klitoris eher selten ein Thema.

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Fragt sich nur, wieso. Vielleicht ist es ganz einfach. Wenn man sich mit der menschlichen Anatomie auseinandersetzt, ist man schnell erstaunt, wie verblüffend komplex unser Körper ist – und wie viele Aufgaben manche Organe, Zellen und Körperteile gleichzeitig übernehmen. Je komplexer, desto eher wird der entsprechende Teil Gegenstand der Forschung. Tja, die Klitoris hat nur einen auf den ersten Blick ziemlich simplen Sinn und Zweck, um ihr Dasein auf diesem Planeten zu rechtfertigen: Sie ermöglicht Frauen einen Orgasmus.

Und weil eine Klitoris nichts anderes tut, als Orgasmen zu schenken, scheint sie erst mal nicht so spannend

Und so sieht die ganze Klitoris aus – krass, oder?

Hinzu kommt, dass weibliche Lust lange tabuisiert wurde und somit auch nur selten Gegenstand medizinischer Forschung wurde – ganz anders als der Penis und männliche Lust beziehungsweise der männliche Sexualtrieb. Gott sei Dank ändert sich da langsam etwas, aber mehrere Jahrzehnte Forschung muss du erst mal nachholen! Vielleicht versteckt sich im Kitzler, so der angestaubte deutsche Begriff für diese Stelle am weiblichen Körper, ja auch noch viel mehr, als wir ahnen – und er ist eben doch zu mehr da, als "nur" den Orgasmus zu schenken.

Und selbst wenn es bei dieser einen Funktion bleibt: Sie ist extrem wichtig, denn Orgasmen tragen zu unserem körperlichen und mentalen Wohlbefinden bei. Dennoch gibt es kaum Fachliteratur zu ihr. Wie der "Guardian" schreibt, wurde die erste umfassende anatomische Studie der Klitoris erst im Jahr 1998 von der Urologin Professor Helen O’Connell publiziert – das ist gerade einmal 22 Jahre her. Erst sieben Jahre später, im Jahr 2005, untersuchte sie in einer nachfolgenden Studie die Klitoris unter einem MRT, um den genauen Aufbau des Schwellkörpers zu studieren.

Dabei stellte die Forscherin fest, dass es sich bei der Klitoris nicht nur um einen kleinen Knoten erogenen Gewebes handelte, sondern dass die nervenreiche Eichel an der oberen Vulva lediglich den äußeren Vorsprung eines ganzen Organs darstellte, das sich unter dem Schambein erstreckt und sich um die Vaginalöffnung wickelt. Die Klitoris sah im MRT aus wie eine Orchidee.

Seitdem hat sich wenig getan in Sachen Klitoris-Forschung

Und welcher Vagina-Typ bist du? Die Illustration von Charlotte Wilcox zeigt das tabuisierte Geschlechtsteil in all seinen Variationen.

Wie der "Guardian" weiter berichtet, hat ein Team von Klitoris-Expertin O'Connell für das australisch-neuseeländische Fachblatt "Journal of Obstetrics and Gynecology" eine Literaturrecherche durchführen lassen. Das Ergebnis: Seit 1947 wurden weltweit nur elf Artikel zum anatomischen Aufbau der Klitoris veröffentlicht. Hunderte weitere erwähnten die Anatomie der Klitoris nur im Zusammenhang mit Verfahren zur Wiederherstellung des Gefühls nach einer Klitoridektomie, also der chirurgischen Entfernung des Kitzlers oder einer weiblichen Genitalverstümmelung.

Für O’Connell und ihr Team ein weiterer Hinweis dafür, dass der weibliche Orgasmus als Forschungsobjekt bei Weitem nicht so ernst genommen werden würde, wie etwa alle Lustfaktoren bei Männern. Dabei spielt auch mit hinein, dass der korrekte anatomische Aufbau einer Klitoris nur selten in Anatomiebüchern dargestellt wird. Statt des gesamten Organs sehen viele den Kitzler immer noch nur als kleine, empfindliche Klitoriseichel an der Vulva, manche sogar nur als weibliches Penis-Pendant.

Mythos G-Punkt?

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Im Jahr 2016 fand eine Studie unter Mitarbeit von O'Connell heraus, dass es keinerlei Hinweise darauf gebe, dass der G-Punkt eben jene erogene Zone im Inneren der Vagina, die der Gynäkologe Ernst Gräfenberg 1950 ausfindig gemacht haben will, gar nicht existiere. Vielmehr handele es sich der Studie nach beim G-Punkt vermutlich um die erregte Klitoris, die man durch die Vaginalwand spüren könne – und dementsprechend empfindlich sei.

Das würde auch bedeuten: Auch vaginal-erlebet Orgasmen könnten im Grunde klitoral sein. Gleichwohl ist das nur eine Vermutung und die Verfasser*innen der Studie machen auch darauf aufmerksam, dass es generell noch einer genaueren anatomischen Untersuchung des gesamten Uterus, also der Gebärmutter, geben müsse. Es gibt also noch viel mehr zu entdecken!

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  • Quelle:
  • NOIZZ.de