US-Pornostar zu sein, ist nicht easy: Zwar ist es einer der größten Märkte für Sexfilme weltweit, gleichzeitig ist die Gesellschaft konservativ as fuck. Ironischerweise sind es aber nicht bibeltreue Christen oder Hardcore-Trump-Anhänger, die der Pornobranche am gefährlichsten sind, sondern der Kurznachrichtendienst Twitter.

Erinnerst ihr euch noch an die Zeiten, wo es in Videotheken diese dunklen, durch einen Vorhang abgetrennten Ecken für sogenannte "Erwachsenenfilme" gab? Jeder wusste, dass es dort Pornos gibt, aber die waren in Prä-Internetzeiten so was von schmuddelig, dass damit eigentlich niemand in Verbindung gebracht werden wollte. Deswegen gab es Pornos auch nur in Videotheken oder Sexshops. Das hat sich dank des Internets gewaltig geändert: Pornos konsumiert nun jeder ganz für sich vorm heimischen Laptop, für den mehr oder weniger erotisch-visuellen Anreiz.

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Im Zuge dessen sind Pornos auch irgendwie "angesagter" geworden. Pornhub, xhamster und Co. haben sich zu Lifestylemarken entwickelt, mit denen sich Rapper wie Kanye West offen zeigen und kooperieren, deren Logo man auf T-Shirts und Hoodies trägt – oder die sich die ein oder andere politische Partei zum Vorbild nimmt. Der Grund dafür: Das Pornobusiness hat es verstanden, sich seine größte Stärke zu Eigen zu machen – das Internet. Vor allem das dortige Spiel mit der Aufmerksamkeit. Das hat auch bei den Stars der Szene abgefärbt.

Twitter und seine Konten: Da haben Porno-Stars doch tatsächlich etwas gemeinsam mit Trump

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Für viele Pornodarsteller*innen sind nicht Insta, Facebook oder TikTok die wichtigste Plattform, sondern Twitter. Der Kurznachrichtendienst ist die ideale Plattform, um sich zu vernetzen und gleichzeitig Aufmerksamkeit für neue Filme und Projekte zu schaffen, im direkten Kontakt mit der Zielgruppe. Falls du jetzt glaubst, dort wimmelt es wahrscheinlich nur so vor Hatespeech und Petitionen Anti-Porno-Aktivist*innen oder konservativen Spinnern – true. Aber die sind eigentlich kein Problem für die Pornobranche. Ihre größte Angst eint sie ironischerweise mit US-Präsident Donald Trump: Die meisten in der Pornobranche befürchten, dass man irgendwann ihr Konto sperren könnte – und sie so eine wichtige Plattform verlieren. Es könnte sogar das Aus für viele bedeuten.

Wie "Mashable" berichtet, hat die Porno-Industrie auch allen Grund zur Sorge. Vor gut einem Jahr kursierten erste Berichte darüber, dass der US-Konzern plane, so genannte "Not Safe For Work"-Inhalte, also solche Videos, die man etwa aufgrund ihrer gewaltvollen oder sexuellen Darstellungen vielleicht lieber zuhause als in der Öffentlichkeit oder im Büro sehen möchte, in 2020 zu sperren. Schnell solidarisierte sich die Porno-Szene im Netz mit dem Hashtag "#2020TwitterPornBan". Das Szenario wirkte für viele in der Branche insofern schlüssig, da es ähnliche Pläne bereits in den Jahren 2015 und 2017 gab, die bis dahin jedoch nicht umgesetzt wurden.

Wir befinden uns jetzt im August 2020 – bisher ist derartiges noch nicht Realität geworden und auch auf Nachfrage von "Mashable" habe Twitter lediglich angekündigt man wolle in Zukunft mit solchen empfindlichen Medien besser umgehen – heißt sie klarer Kennzeichnen und einzuordnen, Jugendschutzmaßnahmen einrichten. Inhalte, die Twitters Nutzungsrichtlinien widersprechen, werden ohnehin gelöscht. Trotzdem glauben viele in der Pornofilmindustrie daran, dass Twitter sie nicht mehr lange tweeten lassen wird.

Wie existenzbedrohlich ist die Lage für Pornodarsteller*innen auf Twitter?

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Die Besorgnis zeigt, was für ein wichtiges Tool Twitter für die Erotikbranche geworden ist – und wie verheerend der Verlust dieser Plattform wäre. Schließlich bietet die Anonymität und Vernetzung des Internets die Konsument*innen der Pornostreifen genug Distanz und gleichzeitige volle Information. Es ist ein verlockender Schleier, der für beide funktioniert, sogar Vorteile hat – und gesellschaftliche Tabus durchbricht.

Seitdem es for free Pornos im Netz gibt, hat sich nämlich unsere Art und Weise wie wir über Sex denken, und auch unser ästhetischer Blickwinkel auf die Pornoindustrie, gehörig verändert. Twitter gibt der Erotikfilmbranche genau das, was sie braucht: Weniger Schmuddel, mehr Professionalität und Minimalismus. Das kommt bei uns an. Keine billigen Pics in knappen Outfits mehr auf Facebook – stattdessen witzige, selbstironische Posts und Aktionen, die jeden abholen.

Wie Recherchen von "Vice" ergaben, bekommen manche Pornoregisseur*innen und Darsteller*innen ihren Traffic zu hundert Prozent durch Klicks von Social-Media-Seiten, allen voran Twitter. Wenn einer etwas retweetet, der in der Netzbubble halbwegs angesagt ist, verbreitet sich ein Clip rasend schnell auf Twitter. Erfolg vorprogrammiert.

Was erstmal grandios klingt, hat auch seine Schattenseiten

Früher hat man eben einen Porno abgedreht, ging auf ein paar Messen und war in dieser Zeit eben Aische Pervers, Annie Aurora und fertig ist die Sache. Heute bist du einfach die ganze Zeit deine Pornofigur – ständig auf Twitter, immer erreichbar für Fans und potenzielle Auftraggeber. Es ist schwieriger geworden, Privatleben und Beruf zu trennen. Und gerade deswegen ist die Abhängigkeit der Branche von Twitter umso schmerzvoller.

Auf der anderen Seite hilft Twitter den Stars der Branche auch, auf Missstände, wie schlechte Konditionen bei Pornhub oder miese Erfahrungen mit Produzent*innen aufmerksam zu machen. Wie überall hilft Transparenz, Veränderungen zu schaffen. Würde Twitter diese Konten rigoros sperren, weil sie auch mal das ein oder andere sexy Videos posten, indem man Analverkehr verpixelt sieht, würde die Branche wieder in Missstände von vor 20 Jahren zurückfallen.

Von einer Plattform zur nächsten

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Seit etwa fünf Jahren ist Twitter so nun die mit Abstand wichtigste Social-Media-Plattform für die Pornowelt geworden – schon allein deshalb, weil sie dort am meisten zulässt, Diskussionen und Darstellungen von Sex und Sexualität sind selten problematisch, anders als bei Facebook und Instagram. Hier gibt es keine Auberginen- und Pfirsichemojis, auf Twitter gibt es den real Shit.

Einst war das die Mikroblogseite Tumblr. Vor allem die queere Szene und Fetischliebhaber tauschten sich hier über ihre sexuellen Vorlieben aus, weitab vom Mainstream und bildete so, mehr noch als Twitter, eine richtige Zielgruppenische. Das ging bis Dezember 2018 – dann wurden dort "Inhalte für Erwachsene" – was für ein Euphemismus für Pornografie – vollständig verboten, nachträglich wurden auch bereits veröffentlichte Inhalte gelöscht.

Die meisten dieser Plattformen tolerieren einen moderaten sexuellen Dialog, insbesondere in pädagogischen, künstlerischen oder dokumentarischen Materialien. Aber viele auch nicht-pornografischen Künstler*innen, Tänzer*innen und Models und sogar Sexualerzieher*innen kreiden oftmals an, dass die meisten Plattformen sexuelle Inhalte nur dann tolerieren, wenn sie maximal harmlos und mainstreamig sind. Ein offener Dialog kann selten stattfinden.

Woher kommt die Verunsicherung?

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Anders eben bei Twitter, zumindest bis jetzt. Viele Nutzer aus dem Umfeld der Erotikbranche sind verunsichert, da sie Meldungen von Twitter erhielten, mit einem Wortlaut, der indirekt vermuten ließ, dass sie bald nicht mehr auf der Plattform aktiv sein könnten. Da heißt es etwa:

"Ihr Konto kann dauerhaft gesperrt werden, wenn der Großteil Ihrer Aktivitäten auf Twitter empfindliche Medien freigibt."

Twitter hingegen argumentiert weiterhin, dass nur solche Konten gesperrt werden, die gegen die Nutzungsrichtlinien explizit verstoßen. Fakt ist, dass Twitter ein massives Problem mit Porn-Bots hat. Diese automatisierten Nachrichten werden benutzt, um über kostenpflichtige Erotikvideos an sensible Daten von Nutzern zu gelangen. Die neuen Richtlinien von Twitter könnten auch dazu dienen, in erster Linie dieses Problem in den Griff zu kriegen – und darunter müssten dann die Pornostars aus Fleisch und Blut leiden.

  • Quelle:
  • Noizz.de