Beim "Schloss Einstein"-Bingewatchen sind Flashbacks garantiert.

"Alles ist, aaaalles ist relativ normahaal, alles ist, aaalles ist uns manchmal echt egal", schallt es aus den Fernsehlautsprechern – es ist wieder 2007. Ich bin plötzlich in der vierten Klasse und schmeiße pünktlich um 14.10 Uhr den Schulranzen in mein Zimmer und den Fernseher an. Meine Familie weiß: Für die nächsten 30 Minuten gehört die Fernbedienung mir.

Doch in echt lebt meine Familie 300 Kilometer entfernt und mein Laptop hat keine Fernbedienung, dafür aber schlechtere Lautsprecher als unser Fernseher. Es ist 2019 und um 14.10 Uhr liege ich noch im Bett und gucke auf YouTube in mieser Qualität die Serie meiner Kindheit: Schloss Einstein.

"Empfohlen für neun- bis 13-Jährige" steht auf der Website der Serie – von wegen! Sie ist das Geheimrezept für Phasen, in denen mir einfach alles zu viel wird. Wenn die Deadline für meine Hausarbeit immer näher rückt, drei Prüfungen in Sicht sind und ich Heimweh bekomme, hilft nur eines: In die Bettdecke einrollen und die Einsteiner beim alltäglichen Schulwahnsinn beobachten. Dann bin ich für ein paar Stunden wieder in meiner heilen Viertklässler-Welt, in der Hausaufgaben das einzige Problem sind und die Einstein-Schüler mir groß vorkommen.

Wenn ich wieder aus meiner Einstein-Trance erwache, besteht eine 50/50-Chance, dass ich mich gestärkt und gut gelaunt wieder an den Schreibtisch setze. In allen anderen Fällen aber wird mir schlagartig klar, dass die unbeschwerte Zeit ein für alle Mal vorbei ist. Dass Erwachsenwerden verdammt nochmal kein Kinderspiel ist und oft nicht so viel Spaß macht, wie ich es mir mit meinen Freundinnen damals ausmalte. Nach dem Abi hieß es: Wohnung suchen, Alltag selbst durchplanen und eine hochkomplizierte Fremdsprache namens Bürokratendeutsch lernen. Die meiste Zeit sehe ich über diese unvermeidbaren Übel hinweg: Ich genieße mein Uni-Leben und all die Freiheiten, die es mit sich bringt, erwachsen zu sein. In diesen Einstein-Momenten aber übermannt es mich und ich verdrücke mir ein paar Tränchen bei den Gedanken an meine verflossene Jugend.

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"Schloss Einstein" hat einer ganzen Generation beigebracht, was echte Freundschaft bedeutet, wie geil die Schulzeit eigentlich ist und dass man mit 16 nicht unbedingt schwanger werden sollte. Unter anderem. Und sie hat in einer ganzen Generation den Wunsch geweckt, bei Schloss Einstein mitzuspielen, oder einfach gleich auf ein Internat zu wechseln. Beides blieb mir bedauerlicherweise versagt - was nicht heißt, dass ich es nicht versucht hätte:

Als ich 12 war, nahm meine "Schloss Einstein"-Traumvorstellung so große Ausmaße an, dass ich mir aus dem Telefonbuch kurzerhand die Nummer eines Internats raussuchte und mich mit der Schulsekretärin ausführlich über die Konditionen einer Aufnahme unterhielt. Meine Mutter fand das zwar lustig, erlaubte es mir aber trotzdem nicht. Dem zweiten Versuch, meinen Kindheitstraum zu erfüllen kam ich vor einem halben Jahr erstaunlich nah – auch wenn etwas anders als gedacht.

In meiner tiefen Trauer darüber, niemals in meinem Leben eine Schülerin von "Schloss Einstein" gespielt zu haben, meldete ich im Januar kurzerhand meine kleine Schwester zum Casting in Erfurt an (ein Gruß und eine klitzekleine Entschuldigung für meinen Übereifer gehen raus). Bei der Ankunft am Filmset, wo die Castings stattfanden, erlebte ich nicht nur den Traummoment, "Schloss Einstein" von innen zu sehen. Nein. Die Casting-Mitarbeiterin fragte mich auf einmal, ob ich auch für das Vorsprechen da sei (zur Erinnerung, die Schauspieler müssen minderjährig sein).

Ihr könnt es mir glauben: Ich war so. kurz. davor. einfach meine ganze Identität über Bord zu werfen und künftig als minderjährige Schloss Einstein-Schülerin zu leben. Dummerweise sagte ich einfach nein. Meine Schwester bekam leider auch keine Rolle und so ging auch mein zweiter Kindheitstraum flöten.

Meine zwei gescheiterten Versuche haben mich aber eines gelehrt: Ich muss mich damit abfinden, einfach erwachsen geworden zu sein. Und eigentlich gefällt es mir auch ganz gut. Sehr gut sogar. Aber eines kann mir niemand nehmen: Meine kleinen "Schloss Einstein"-Momente mit Bettdecke und manchmal auch ein paar Tränen.

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Quelle: Noizz.de