Corona-Quarantäne, #flattenthecurve, Homeoffice oder Isolation – die Begriffe fürs Zuhause bleiben sind dieser Tage vielfältig. Was dahinter steckt: Menschen, die sich räumlich plötzlich sehr nah sind. So wie mein Freund und ich. Wir hatten vorher eine Fernbeziehung und sind gerade erst zusammengezogen. Corona ist für uns der Härtetest.

Wir sind seit sieben Jahren zusammen – ich würde behaupten, dass wir uns ganz gut kennen. Reisen, Krisen, Schweigen, Streiten, Zusammenhalten – haben wir alles schon durch, können wir alles gut. Dachte ich. Ich dachte auch: "Wow, wir beide können stundenlang gemeinsam abhängen, ohne dass wir einander die Nerven malträtieren." Jetzt, nach gut zwei Wochen gemeinsamer Quarantäne, weiß ich: Das geht eigentlich nur so lange, wie wir beide theoretisch den Ort verlassen können.

Dank Corona von Fernbeziehung zu gemeinsamer Isolation

Man kann uns ganz gut in die Schublade "typische Millennials" stecken: Ein Koffer in Frankreich, ein Zimmer in Berlin, einen Job in Barcelona und Freundeskreise an jedem erdenklichen Ort, an dem wir schon mal waren oder gelebt haben. Wir sind sieben Jahre zusammen, haben fünf davon aber in unserer Fernbeziehung verbracht. Manchmal lagen zwischen uns 1000 Kilometer, am Ende war es nur noch eine 2-Stunden-Zugfahrt zwischen Berlin und Hannover.

Dank Jobs, Praktika und Studium hatte sich das halt so ergeben und wir fanden es nie schlimm. Als ich also mein Volontariat in der Hauptstadt antrat, nahm mein Freund einen Job bei Arte in Straßburg an. Als ich anfing als Redakteurin zu arbeiten, tourte er mit seiner Band durchs Land und entschied sich, noch mal zu studieren. Wir sahen uns regelmäßig, telefonierten viel und konnten uns trotz Distanz immer aufeinander verlassen.

Anfang diesen Jahres waren Praktika, Jobs und Studium vorbei: Mein Freund zog zu mir in meine Zwei-Zimmer-Wohnung. Seit knapp zwei Monaten leben wir jetzt also zusammen. "Easy!", dachten wir. "Er findet bestimmt schnell 'nen Job!", dachten wir. "Sind ja beide auch immer viel unterwegs – Konzert hier, Projekt da, dies das", dachten wir. Und der Coronavirus so "Hold my beer!"! Jobs werden aktuell eher abgesagt, als ausgeschrieben. Der Radius des eigenen Soziallebens hat sich drastisch und gezwungenermaßen reduziert. Konzerte fallen aus, Bars sind geschlossen, mit Freunden treffen geht nur noch online. Und jetzt? Schreiend im Kreis laufen geht nicht – kein Platz!

Isolation? Kriege ich schon alleine nicht gut hin

Wir hatten keinen soften Einstieg in dieses Kapitel unserer Beziehung: Dank Corona ging es von null auf hundert. Seit etwa drei Wochen sind wir plötzlich so zusammen, wie es nur geht. Und zwar an allen Fronten: emotional, körperlich und ideologisch. Und ich denke: "Manchmal würde ich mich lieber gerne von Weitem mit dir auseinandersetzen."

Die Coronakrise ist ja schon so, für sich genommen, ein ziemliches Brett. Ist ja bisschen wie in einem Film: Ein Virus, das die Menschheit bedroht, Politiker und Fachleute sind überfordert, in Amerika regiert eine schlecht frisierte Comic-Figur. Plötzlich denkt man: Was, wenn ich hier die Hauptfigur in diesem unterirdischen Katastrophenfilm bin? Isolation, Krankheit, Tod – alles Schlagworte, die im Kopf herumschwirren. Mal abstrakter, mal plastischer. Existenzängste wegen abgesagter Aufträge, Kurzarbeit und angekündigter Finanzkrise melden sich auch und währenddessen kann man vernehmen, wie langsam alle offenbar ihren Verstand verlieren und neuerdings auf Klopapier abgehen wie ein Berghain-Besucher auf Ketamin.

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Gleichzeitig ist da jetzt jeden Morgen diese Person in meinem Bett, in der Küche, am Schreibtisch, im Bad, im Flur. Wer hätte gedacht, dass mich offene Zahnpasta-Tuben nerven?! Ich wäre die Letzte gewesen – jetzt bringt es mich over the edge. Genauso sehr, wie die Tatsache, dass er es nicht hinkriegt, seinen routinierten Handywecker, der jeden morgen um 7:30 Uhr klingelt (obwohl wir NIRGENDS sein müssen oder können) auszustellen. Ich muss damit klarkommen, dass ich nicht nur meine Ängste auf der Platte habe, sondern auch seine.

Ganz konkret verändert sich aber auch mein Alltag in all seinen Kleinigkeiten: Ich höre nicht nur ständig die Autos auf der viel befahrenen Straße vor meinem Fenster, ich höre auch jeden seiner Schritte, höre seinen Gang zum Klo, höre, wenn er telefoniert, Gitarre spielt oder die Zeitung umblättert. Ich habe jetzt eine neue Ordnung im Kühlschrank – weil er unsere Joghurts nach Haltbarkeitsdatum sortiert, muss mich an eine neue Kaffeesorte gewöhnen – weil er herausgefunden hat, dass diese nachhaltiger und fairer gehandelt ist, muss mich damit auseinandersetzen, ob wir abends gemeinsam einen Film schauen könnten, und dass ich nicht spontan entscheiden kann, zu arbeiten oder ein Buch zu lesen.

Liebe in Zeiten von Corona: Eine explosive Sache

Das sind alles Kleinigkeiten, aber an die gewöhnt man sich eigentlich Schritt für Schritt. Wir hingegen haben uns in ein ungesichertes Auto gesetzt und fahren die ganze Zeit mit Vollgas auf die Wand zu. Eine Krise legt ja vieles offen: Gesamtgesellschaftlich haben wir jetzt etwa alle gemerkt, dass die viel zitierten systemrelevanten Berufe überall zu schlecht bezahlt sind (als ob das vorher niemandem aufgefallen ist). Persönlich werden alle Nervenstränge offengelegt: Ja, ich habe meinen Freund angeschnauzt, weil er mich darauf hinwies, dass meine Dreckwäsche immer noch auf dem Boden liegt. Ja, ich bin eine unausstehliche Furie, die mitunter an die Decke geht, wenn ihre Lieblingstasse nicht zu finden ist (weil sie sie selbst verlegt hat). Ja, ich bin eigentlich gar nicht so gechillt, wenn ich nicht regelmäßig raus kann und mir bei sinnlosen Gesprächen und viel zu viel Bier die Nächte um die Ohren schlagen kann.

Verkatert und zerfeiert ist ein Kommentar zur Dreckwäsche halt erträglicher. Auf dem Weg zum nächsten Meeting für ein tolles Projekt ist mir die Tasse, aus der ich schnell meinen Kaffee trinke, egaler. Und wenn Freunde zum Frühstück vorbeikommen, bin ich sogar dankbar, dass im Kühlschrank alles etwas ordentlich positioniert ist.

Ich weiß: Es gibt Familien, die mit kleinen, überdrehten und unausgelasteten Kindern klarkommen müssen, es gibt alte Leute, die sich gerade sehr einsam fühlen und es gibt Menschen, die sich zu Hause nie wohlfühlen und für die Quarantäne gerade das Schlimmste ist, was ihnen passieren kann. Ich weiß, dass ich und meine Situation eigentlich ziemliches Gejammer auf hohem Niveau ist. Aber ich weiß auch, dass es viele Freundinnen und Freunde in meinem Bekanntenkreis gibt, deren Beziehungen gerade ähnlich auf die Probe gestellt werden, wie meine. Es ist halt wie es ist: Jede Charaktereigenschaft, die man an dem Partner sowieso schon doof fand, kann jetzt zu einem absoluten Politikum werden.

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Experten so: In 9 Monaten steigt die Geburtenrate

Ich so: Ich nehm noch einen Rosé

Angeblich soll uns das Virus ja aber alle auch näher aneinanderrücken lassen. Wir sprechen mehr miteinander, wir posten ständig alle Instagram-Sprüche in denen es um Solidarität und miteinander geht, wir klatschen, wenn Supermarktverkäufer und Pfleger ihre Schicht beenden (mal schauen, wer der systemrelevanten Mitmenschen vom Klatschen seine Miete zahlen kann). Und Experten prognostizieren eine rasant steigende Geburtenrate, weil wir ja alle zu Hause hängen, und offenbar lieber der Bettgymnastik frönen als schon wieder Netflix zu schauen.

Ich bin da ja skeptisch. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ebensoviele Scheidungen wie Geburten geben wird. Da wo Menschen aufeinander rücken und sich auf der Pelle sitzen, da gibt es eben auch sehr viel mehr Auseinandersetzungen. Aber anders als in der Großfamilie, wo die Zustände früher ähnlich waren, können wir in ein paar Wochen glücklicherweise wieder weg voneinander. Und das ist auch gut so. Ich möchte fast sagen: Das ist die Basis einer jeden guten Beziehung.

Mein Freund und ich merken mit jedem Tag, dass wir lernen, uns zu arrangieren. Wir merken, dass wir auch in einer nie zuvor da gewesenen Krise miteinander klarkommen und uns gegenseitig mental sogar stützen können. Ich habe gemerkt, dass morgendliche, einsame Spaziergänge (natürlich mit entsprechendem Abstand zu allen um mich herum), Meditation und Yoga mir helfen. Und dass es die richtige Entscheidung war, statt Klopapier guten Wein zu horten. Meinen Hintern kann ich mir im Notfall nämlich auch mit Wasser reinigen. Meine Seele hingegen nur mit Rosé.

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Quelle: Noizz.de