Seit einem Monat steht nun auch bei NOIZZ Homeoffice auf der Tagesordnung und mein depressives Ich kämpft plötzlich mit neuen und alten Problemen. Ein Glück kann ich mir die eigenen, dunklen Gefühle von der Seele schreiben und im Kollektiv versuchen, die Corona-Quarantäne mit nur kleinen mentale Schäden zu überstehen. Im fünften Teil knöpfen wir uns die verdammte Panik vor!

Die Tage ziehen ins Land und so langsam pendelt sich mein strikter Beschäftigungsplan, aus dem vierten Teil der Reihe, ein. Ich muss mich nicht mehr so oft zwingen oder überwinden etwas zu tun, sondern mache einfach. Mein Plan ist genau getaktet, aber gleichzeitig lasse ich mir die Freiheit, einfach Impulsen zu folgen - wenn sie denn mal welche da sind. Vermeintlich schwache Punkte erlebe ich selbstverständlich weiterhin und gerade, wenn Dinge wie Zeichnungen oder Nähprojekte nicht funktionieren, lasse ich mich aufs Bett und in alte Muster fallen, aber auch das muss eben ab und an mal sein und ist Teil des Prozesses. Klingt doch ganz gut soweit und nach einer gesünderen Einstellung zu mir selbst!

>> Welcome To My Isolation Crib #4: Das Home-Office-Tagebuch einer Depressiven

Meine depressiven Episoden sind also langsam allmählich wieder unter Kontrolle und in einem Maße, dass meine psychische Gesundheit nicht mehr zu doll gefährdet. Ein weitaus größeres Problem sind meine Nebenerscheinung, denn der/die geübte Therapiegänger*in weiß:

Eine Depression kommt selten allein!

Und so habe ich als starkes Erscheinungsbild meine lieben Panikattacken. Und genau diese schleichen sich gerade wieder zurück und leider wird es nach der Isolation für mich um einiges schwerer. Wie auch bei vielen anderen fokussiert sich meine Angststörung nämlich auf soziale Kontexte, die Hand in Hand mit einem verstümmelten Selbstwertgefühl und unrealistischen Maßstäben geht und mich vor Treffen in Gruppen, zum Ausflippen und letztlich zur Absage bringen.

Böse Zungen könnten also behaupten, dass mir die Isolation also eigentlich ganz gut in die Karten spielt. Dem ist allerdings nicht so, denn trotz dieser Angst bin ich ein Mensch mit ausgeprägtem sozialen, extrovertierten Persönlichkeitsprofil. Und nach mehreren Jahren habe ich in den letzten sechs Monaten endlich die Muster durchbrechen können, habe es regelmäßiger geschafft, Leute zu sehen und in Gruppen Gedanken wie "Ich werde nur eingeladen, damit man danach über mich lachen kann" als offenkundigen Unsinn abstempeln können. Nun habe ich in der vergangenen Woche allerdings schon so erfolgreich vier Telefonate vermieden und beim Klingeln meines Handys mit Atemübungen reagieren müssen und habe selbst meine Therapeutin einmal weggedrückt, als niemand guckte.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Rückschritt Hallo!

Sich in dieser Situation also dieser konkreten, sozialen Angst zu stellen ist ziemlich schwer und kaum ist man aus der Übung, kommt die fadenscheinige Absage wieder schneller über die Lippen, als einem Lieb ist. Obendrein erlebe ich nun auch wieder Anflüge von Angst in ganz anderen Kontexten, denn wenn man dem einmal die Tür nur einen Spalt breit geöffnet hat, dann kommt sie mit großer Federboa, Zylinder, Totenkopfkonfetti und Dalmatinerwelpen-Mantel in dein inneres Haus und verstreut kleine Trigger in jeder Ecke und hinter jedem Gegenstand, den die personifizierte Furcht nur finden kann.

Als Vollprofi mit Angstanfällen, weiß ich glücklicherweise mit akuten Fällen umzugehen, aber nicht nur das Stoppen, sondern auch die Panik selbst kostet wahnsinnig viel Kraft und Energie und das kurzzeitige Überwinden, ist lange noch keine heiß ersehnte Lösung, die dem Spuk ein langfristiges Ende setzt!

>> Experte gibt 10 Tipps, damit du garantiert keinen Lagerkoller bekommst

Mein Panikattacken-Notfallkoffer

Als Erstes ist die Atmung ziemlich wichtig. Es gibt verschiedene Atemübungen, generell ist es aber einfach wichtig kontrolliert zu atmen, da man schnell hyperventiliert, ich verschlucke mich dabei auch oft, was die Panik nur unnötig steigert. Eine einfache Möglichkeit ist zum Beispiel die 4-6-8-Technik: 4 Sekunden lang einatmen, 6 Sekunden lang den Atem halten, 8 Sekunden lang ausatmen.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Äußere Reize

Es ist ratsam sich auf äußere Faktoren zu konzentrieren, die einen zurück ins "jetzt" holen und aus dem Strudel reisen. Es kann ein Glas Wasser sein oder frische Luft. Ich greife zu etwas härteren Geschützen, da ich selten nur einen Anflug oder das Aufflammen von Panik habe, sondern gleich mit Vollgas in die Attacke starte – keine halben Sachen eben. Also nehme ich einen Eiswürfel in die Hand, das sticht zwar und tut ein bisschen weh, weil es so kalt ist, ist genau deshalb aber ein Garant für Beruhigung.

Es gibt auch ätherische Öle, Riechsalze, Steine oder kleine Knobelaufgaben, wie ineinander verschränkte Stäbe. Nicht immer hat man Dinge dabei und nicht immer kann man selbst reagieren, aber letztlich ist es auch wichtig zu lernen, dass eine Panikattacke nicht ewig anhält und meistens sogar nach nur wenigen Momenten vorübergeht. Zur generellen Beruhigung ist auch das altbekannte Schäfchen zählen eine gute Möglichkeit. Zähle die Stühle im Raum oder die Stufen einer Treppe, die Nudeln auf dem Teller oder die Blätter am Baum. Damit gibst du auch den rationalen Kräften deines Gehirns einen Boost. Die Heimat der Angst ist schließlich das Irrationale, das Diffuse und Unsichtbare. Nutze den ältesten Trick der Welt, um aus der Falle des Irrationalen zu entkommen.

>> Wir haben einen Sucht-Therapeuten gefragt, wie du in der Corona-Isolation nicht zum Alkoholiker wirst

  • Quelle:
  • Noizz.de