Warum ich #januhairy abgebrochen habe – und es liebe

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#januhairy wurde von einer jungen Engländerin ins Leben gerufen Foto: billiebodybrand / unsplash.de

Vier Phasen der Verwirrung.

Ich rasiere mir die Achseln, seit mein erstes Pubertätshaar den Weg von der Wurzel zur Hautoberfläche fand. Ich war wahrscheinlich 13 – und hatte definitiv keinen Bock auf diesen Erwachsenenkram. Ob ich bei der Optimierung meiner Teenager-Achseln an meinen ersten Boyfriend und sein potenziell entsetztes Gesicht angesichts meiner Körperbehaarung dachte? Ich habe keine Ahnung mehr. Woran ich mich erinnere: Ich fand diese kleinen Stoppeln nicht ansehnlich, sie mussten weichen.

>> #januhairy: Frauen lassen wieder Achselhaare auf Insta sprießen

In den Folgejahren sollte meine Unterarmbehaarung das Licht der Welt kurz bis gar nicht erblicken. Wenige Millimeter gönnte ich den dunklen Borsten bisweilen, dann war Schluss. Kein Plan, wie fucking oft Rasierklingen meine Achselhöhle bis heute gestreift haben ... Diese unermüdliche Rasur unter der morgendlichen Dusche fand mit der Jahreswende allerdings ein jähes Ende. Der Grund: #januhairy.

Anfang Januar rief eine junge Engländerin (Laura Jackson) in feministischem Eifer dazu auf, die Rasierklingen für den gesamten Januar niederzulegen. Als Statement für die Akzeptanz des eigenen Körpers und gegen den wahnwitzigen Rasurkult, der vor allem Frauen unter Druck setzt.

Mit ihrer Aktion ist Laura nicht die Erste. 2015 schwappte die Anti-Rasur-Welle über Hollywood. Als wieder Land in Sicht war, kamen US-Stars wie Madonna und Miley Cyrus mit ihren behaarten Achseln aus der Deckung – und zeigten dem Schönheitsideal, das uns schon seit der Antike begleitet, den Mittelfinger. Vor ihnen tat es Sängerin Nena in den 80ern, davor Punk-Legende Patti Smith Ende der 70er.

An dem Schönheitsideal hat sich trotz der Bemühungen von Frauen seit mehr als 30 Jahren nicht viel geändert, die Frage bleibt also berechtigt: Warum sollen sich Frauen – und Männer zum Großteil eben nicht – dazu verpflichtet fühlen, sich die Achseln zu rasieren? Warum bewertet unsere Gesellschaft eine behaarte Frauenachsel als unhygienisch oder eklig, während eine geballte Ladung männlichen Achselhaars nichts in uns auslöst? Wer sind diese Rasierschaum-Hersteller und Waxing-Studios, dass sie aus diesem ungleichen Beauty-Standard und mir Profit schlagen dürfen?

Je mehr ich über die #januhairy-Aktion nachdenke, desto deutlicher wird: Nach diesem Schönheitsstandard haben wir Frauen genauso wenig gefragt wie nach dem Gender-Pay-Gap. Auf der anderen Seite: Mir gefallen meine geschmeidigen Achseln eben besonders gut, wenn sie spiegelglatt rasiert sind. Ein Zwiespalt. Ich musste #januhairy ausprobieren, um mir ein eigenes Bild zu machen.

Das Ergebnis: vier Phasen der Verwirrung und ein glorreicher Rasur-Moment der Schwäche.

Haarige Achseln und „I don't care“-Einstellung Foto: billiebodybrand / unsplash.de

Phase 1: Die Umstellung

Die ersten Tage meiner Rasur-Abstinenz verbringe ich damit, mir meinen Rasierer-Greif-Reflex abzutrainieren. Anstatt jeden Morgen unter meinen Achseln an die Arbeit zu gehen, muss ich jetzt nur noch alle drei Tage an meine Beine. Das Weglassen kommt mir vor wie eine Extraaufgabe. Immer wieder muss ich mich daran erinnern, dass ich das Säbel erst unterhalb des Bauchnabels ansetzten darf. Dabei soll mich der #januhairy doch entlasten! Ich lache mich selbst aus, als mir klar wird, dass ich mich über einen 30-Sekunden-Aufwand beschwere.

Phase 2: Die Einstiegs-Enttäuschung

Nachdem ich die Minimal-Stoppel-Phase überschreite, wird’s endlich interessant. Dachte ich zumindest. Empfinde ich meine Achselhöhle vielleicht plötzlich als ultra ekelhaft? Wird in mir das unaufhaltsame Gefühl der Revolution aufsteigen? Ich bin gespannt – und nach den ersten Tagen echt enttäuscht. Mit einigen Millimetern Haar mehr unter der Achsel fühle ich mich nicht wirklich anders.

Phase 3: Ein großes Fragezeichen

Es sei gesagt, dass der Januar der womöglich schlechteste Monat für ein aktivistisches Projekt wie den #januhairy ist. Geht es bei einer solchen Aktion nicht auch darum, dass Menschen im Umfeld vom großen Vorhaben Wind bekommen? Sollte das Projekt Achselhaar seine Erfolge nicht viel lieber mitten im Sommer feiern, wo jeder Kassierer, jeder Skater an der Ampel und auch der letzte Blumenverkäufer sehen kann, dass es unter meinen Armen wuchert?

Ich leide quasi im Stillen. Unter meinem Rollkragenpulli. Ist das nicht ein bisschen witzlos? Meine mutige Aktion bekommt nur dann Gehör und Beschau, wenn ich mich mit Minusgraden vor der Fensterscheibe, im Büro halbnackig mache?! Na, danke.

Mit dieser Einstellung trifft mich die vierte Phase fast unvorbereitet: Ich bin stolz.

In den Achtzigern machte Sängerin Nena weltweite Schlagzeilen, weil sie sich öffentlich mit Achselhaare zeigte. Foto: billiebodybrand / unsplash.de

Phase 4: Der Stolz

Nach rund zwei Wochen empfinde ich das, was #januhairy-Schöpferin Laura kürzlich in einem Post über ihre Aktion anpries: „Nach ein paar Wochen der Eingewöhnung fing ich an mein natürliches Haar zu mögen.“

Es war wirklich so, dass ich eine Art Stolz für die immer weiter wachsende Matte unter meinen Armen empfand. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas erschaffen. Meine Achselhaare waren plötzlich mein kleines Projekt! Mein Baby!

Wie eine hormongesteuerte Erstmutter untersuchte ich bei jedem Toilettengang in Seelenruhe den Wuchs. Mir fiel auf, dass ich auf beiden Seiten Wirbel hatte, die sich all die Jahre nicht präsentieren durften und, dass meine Haare in der linken Achsel anscheinend schneller wachsen. Ich hörte mich so Dinge wie „Erstaunlich!” denken.

Und dann. Dann beschloss ich, dem Ganzen ein Ende zu setzen.

Der große Tag, der Rasur-Tag:

Denn neben meiner Faszination für das Fell unter meinen Achseln sehne ich mich auch nach meinem glatt rasierten Look. Ich kann nicht behaupten, dass mir meine Achselhaare stark zur Last fielen. Als so richtig angenehm empfand ich das Ganze dann aber doch nicht. Nach dreieinhalb Wochen hatte ich richtig hart Bock, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Kratzen unter den Armen, kein „Wo führt das Ganze wohl noch hin?“: Ich war der Challenge überdrüssig.

Ich überlegte, ob ich die Experience vielleicht nach knapp vier Wochen noch nicht richtig beurteilen kann. Und, ob ich dem Ganzen sogar noch einen weiteren Monat schenken sollte, während ich mit meinem Einwegrasierer einen Zentimeter vor meiner Achselhöhle innehielt. Dann rasierte ich, weil: Yolo.

>> #januhairy: Jetzt wird das sprießende Achselhaar auch noch gefärbt!

Das Fazit

Am Ende des Tages sollte man schlichtweg immer das tun, wonach einem ist. Die Stoppeln unter deiner Achsel kratzen? Dann ab damit. Die Stoppeln unter deiner Achsel sind das Beste, was dir je passiert ist? Färb sie blau und begutachte sie jeden Tag im Spiegel!

Eine Frage blieb trotzdem: Lasse ich meine fellow Achselhöhlen-Schwestern mit meinem Abbruch nicht im Stich?

Sollte ich als Frau nicht per se dafür einstehen, dass sich etwas in Sachen Gleichberichtigung tun? Schließlich empfinde ich das Ganze auch als ungerecht.

Mir ist klar, dass viel passieren muss, bis ein ungerechtes Schönheitsideal in unseren Köpfen umgekrempelt ist. Man muss sich als kleinen Teil im großen Ganzen sehen, dass gegen das System ballert. Sich damit begnügen, dass sich bis zum eigenen Dahinscheiden wohl nichts mehr ändern wird. Ich akzeptiere, dass es Frauen da draußen gibt, die sich immens eingeschränkt fühlen, weil der Mann neben ihnen im Schwimmbad stolz seine haarigen Achseln gen Decke rekeln darf und sie nicht.

Am Ende verstehe ich aber auch, dass ich es nicht auf Teufel komm raus großartig finden muss, meinen Körper an einer Stelle haarig werden zu lassen – nur um eine gute Sache zu unterstützen. Das einzige Muss ist doch eigentlich, dass ich mich wohlfühle.

Vielleicht stehe ich nach #januhairy noch zwiespältiger da als davor.

Quelle: Noizz.de