Dieser Appell geht raus an alle Großstädter.

Liebe ist wie Krieg, hat irgendjemand mal gesagt. Leicht zu beginnen, schwer zu beenden, unmöglich zu vergessen.

Schöne Worte. Doch heute traut sich ja keiner mehr. Besonders drastisch zeigt sich das unter Großstädtern und Menschen, die gern Großstädter wären: Gefühle zu zeigen bedeutet, alle Verteidigungslinien aufzugeben. Und das ist uns viel zu gefährlich. Ein Sozialisierungsproblem. Wir haben es so gelernt.

Genauer: Man war einfach cool. Oder man war es nicht, was wenigstens in der Rückschau auf eine ganz eigene Art cool ist. Auf keinen Fall durfte man versuchen, cool zu sein. Leider war ich gar nicht cool und dass man es nicht versuchen durfte, ahnte ich zwar; das ließ sich aber schwer umsetzen, schließlich wollte ich cool sein. Und damit war dann wirklich alles verloren. Egal.

Heute, etwa doppelt so alt, hat sich das Problem konsequent weiterentwickelt: Einen Partner hat man oder man hat keinen. Aber auf gar keinen Fall darf man einen Partner suchen. Was gibt es denn Peinlicheres, als etwas zu wollen, das man gerade nicht kriegt? Männer gelten als schwächlich, Frauen als verzweifelt. Und so was will ja niemand daten.

Sex darf man suchen, der ist schließlich leichter zu finden. Außerdem lässt sich Sex, ähnlich wie die Coolness als Teenager, im Zweifelsfall auch einfach behaupten. Jedenfalls, so lange niemand das Gegenteil beweisen kann.

Eine Beziehung kann man zwar auch einfach erfinden, landet damit aber vermutlich bald als gute Geschichte im Internet. So bemitleidenswert, beinahe krank. Arm dran. Ein Verlierer, eine Verliererin.

Liebe ist Krieg.

Es geht ums Gewinnen, denn der Sieger schreibt die Geschichte. So wächst die Angst vor der Niederlage. Sie nagt. Und sie hält uns zurück. Und irgendwann ist nicht mehr der Andere der Feind.

Ich kann die Menschen um mich herum mittlerweile in geräumige Schubladen stecken: Ein paar mögen ihr Leben einfach, so wie es ist. Mit oder ohne Partner. Vielleicht ändert sich der Beziehungsstatus, aber ihr Leben werden sie weiter mögen, auch wenn die Umstellung erstmal hart sein mag. Gilt für beide Richtungen.

Bei ein paar Paaren in meinem Bekanntenkreis hoffe ich, dass sie sich niemals trennen. Sonst: Apokalypse.

Und dann sind da noch die, die ständig erzählen, wie glücklich sie als Singles sind. Sooooooo glücklich. Irgendwann könnten sie sich mal wieder einen Partner vorstellen, Kinder, Haus und Hund, wäre ja eigentlich ganz schön und irgendwie wird es ja auch mal Zeit. Aber jetzt gerade? Ach.

Ist klar.

Ich glaube ihnen kein Wort. Das sind genau die Frauen und Männer, die ihre Affären so lange auf emotionaler Distanz halten, bis die keinen Bock mehr haben und sich abwenden. Das sind die Leute, die dann heimlich verletzt zurückbleiben und sich noch Jahre später einreden, dass der Andere eben nicht gut genug war. Oder sie eben an einer Bindungsstörung leiden.

Doch während sich das derzeit ein Großteil der Singles erfolgreich einredet, betrifft die tatsächliche Störung nur einen winzigen Prozentsatz der Bevölkerung. Die Lösung ist einfacher.

Wenn schon verletzt werden, dann wenigstens gut dabei aussehen.

Niemand will ein weiches Ziel sein. Krieg ist Täuschung, schreibt Sunzi in seiner ,Art of War‘. Wer nahe ist, demonstriert dem Feind, noch fern zu sein. So siegt man.

Also debattieren wir, wer sich am nächsten Morgen melden muss oder doch lieber nicht; niemand will dem Anderen hinterherlaufen.

Liebe ist Leidenschaft. Liebe ist heiß. Wer dabei cool bleiben will, fängt sich am Ende bestenfalls ein paar Legionellen ein.

Cool bleiben und sich verlieben geht einfach nicht zusammen. Niemand verliebt sich in das kalte Lächeln eines Kriegsdiplomaten, der viel wissen will, viel vorspiegelt, aber nichts wirklich preisgibt.

Verlieben ist das Gegenteil von cool bleiben. Verlieben ist aufgeregt sein, sich auf jemanden freuen, unsicher vor den Eingang der Bar schauen, ob die Angebetete schon da ist. Alle 20 Sekunden aufs Handy schauen und dann wieder Haltung annehmen, gelassen auf die Flaschen hinterm Tresen gucken. Nein, du bist nicht zu spät, meine Uhr geht vor.

Es gilt, Chatnachrichten zu interpretieren als wären es verschlüsselte Botschaften in einem eher nicht so kalten Krieg. Schlecht schlafen, wenig essen, die Geschichte zu Ende denken und nach jedem Date einen vollkommen neuen Lebensplan entwerfen, eine neue Geschichte und ja, genau so muss sie laufen und das wird alles SO schön sein.

Also eigentlich ganz schön.

Verliebt sein bedeutet, dass man die Möglichkeit der Niederlage akzeptieren muss. Niemand verliert gern. Ich verliere auch nicht gern. Aber nach dem Sex zu verlieren, ist eben doch nur eine Schlacht.

Die große Liebe ist der große Krieg. Wer Verbündete sucht, der muss auch mal seine Stellungen offenlegen. Verraten, wo er steht. Und die Allianz auch dann halten, wenn auf der anderen Seite der Adria größere Kanonen stehen.

Quelle: Noizz.de