Heute, am 21. Mai, ist Vatertag. Ein guter Zeitpunkt, um junge und frischgebackene Väter zu fragen, welche Erwartungen sie an sich und welche Wünsche sie für ihre Kinder haben.

Seien wir ehrlich miteinander: Irgendwie fühlt sich der Vatertag jedes Jahr an, wie das eher scherzhaft gemeinte Pendant zum Muttertag – man freut sich zwar, dass man frei hat, aber wirklich ernst nehmen kann man den Tag nicht. Denn das Brauchtum zu Ehren der Väter ist bei uns vor allem eins: Brauchtum zu saufen. Schade eigentlich, denn ein richtig guter Papa zu sein, ist kein leichter Job – wer das meistert, hat Respekt verdient.

Aber was ist das eigentlich, ein richtig guter Papa? Wie füllt man die Vaterrolle im Jahr 2020 aus, ohne in Geschlechter-Stereotypen zu fallen? Welche Schwierigkeiten begegnen einem als frisch gebackener Dad – und welche Erwartungen stellt man an sich selbst? Wir haben jungen Vätern zugehört, weil wir wissen wollten, wie sich ihr Leben durch die neue Rolle verändert hat. Was haben sie selbst von ihren Vätern gelernt – und was wollen sie anders machen? Welchem gesellschaftlichen Druck sehen sie sich ausgesetzt? Herausgekommen sind ehrliche Texte über Freuden und Ängste, Selbstzweifel, Vorbildfunktionen – und Liebe.

Khaled, 26, Vater einer Tochter: "Es geht jetzt um uns, nicht mehr nur um mich."

Khaled

Wann bist du Vater geworden?

Khaled: Im September 2019. [Anm. d. Redaktion: Khaled hat ein Tattoo mit den arabischen Ziffern 030919 auf dem Arm: 030 für Berlin, 30.09.2019 für den Geburtstag seiner Tochter]

Was bedeutet Vatersein für dich?

Khaled: Akzeptanz, ein ganz neues Spektrum von Emotionen, die ich davor noch nie erlebt habe und von denen ich überhaupt nicht wusste, dass sie existieren. Es umfasst den gesamten Prozess, dieses neue Gefühl zu erfahren und zu merken, wie sich diese Emotionen entwickeln und wie du dich selbst dadurch entwickelst – es ist eine sehr intensive Liebesbeziehung mit allem, was sie nur bringen kann.

Wie hat sich dein Leben dadurch geändert?

Khaled: Vieles verändert sich: Du schläfst weniger, du bist häufiger gestresst – aber es liegt an jedem selbst, zu entscheiden, was man für die Vaterrolle aufgeben möchte, wie sehr man involviert sein möchte. Ich persönlich glaube, dass ich weiterhin die Dinge tun werde, die ich früher getan habe, dass ich meine eigenen Ziele, Träume und mein eigenes unabhängiges Glück außerhalb der Vaterrolle verfolgen werde. So kann ich für meine Tochter eine viel bessere Version eines Vaters sein. Ich glaube, dein Leben aufzugeben, weil du Vater wirst, wie es die Gesellschaft von dir verlangt, ist 2020 vielleicht nicht die beste Formel. Aber egal was ich tue – ich habe immer im Hinterkopf, wie sich mein Handeln auf meine Tochter und auf mich auswirkt. Das wäge ich immer ab, bevor ich irgendwas mache. Es geht jetzt um uns, nicht mehr nur um mich.

Khaled Arm ziert ein Tattoo des Geburtsdatums seiner Tochter

Was hat dein eigener Papa dir mit auf den Weg gegeben?

Khaled: Meine Beziehung zu meinem Vater war nicht die beste – aber hat er mir zum Beispiel beigebracht, mich viel zu bewegen und aktiv zu bleiben. Und: Nie zurückzuschauen, wenn du dich für etwas entschieden hast. Ich denke, das werde ich auch weitergeben.

Was willst du anders machen?

Khaled: Vieles. Aber hauptsächlich, will ich besser zuhören.

Wie hat dein Umfeld auf deine neue Rolle reagiert?

Khaled: Die Leute behandeln dich anders – auf eine andere Art anders.

Was glaubst du, muss ein Vater 2020 aus Sicht der Gesellschaft leisten?

Khaled: Um ehrlich zu sein: Ich denke, niemand sollte die Art Vater sein, die man aus Sicht der Gesellschaft sein sollte – das ist ein veraltetes Rollenbild. Verlerne am besten alles, was dir beigebracht wurde, alles, was du dein ganzes Leben lang in Texten, Filmen und Songs über das Vatersein mitgenommen hast. Lerne, eine eigene, unabhängige Version deiner selbst zu sein – nur eben als Vater. Akzeptiere, was und wie viel du geben kannst – und sei dabei nicht zu hart zu dir selbst und stelle nicht die ganze Zeit infrage, wie gut du als Vater bist. Sei einfach so oft du kannst da und wenn du da bist, sei wirklich da, das ist mehr als genug.

Robert, 29, zweifacher Vater: "Meine Partnerin bringt das Geld heim, ich versuche, möglichst viel der Care-Arbeit zu stemmen."

Wann bist du Vater geworden?

Robert: Bei der Geburt meines ersten Kindes, mit 26 Jahren. Und eigentlich in den Monaten davor – man wächst ja in die Rolle hinein.

Was bedeutet Vatersein für dich?

Robert: Leben am Limit – im Guten, wie im Schlechten. Ich war (und bin) eigentlich ein sehr rationaler Typ. Mich emotional aus der Fassung zu bringen, war eigentlich unmöglich. Die Kinder können das sehr gut. Egal, welche Gefühlswelt es vorher gab – mit Kindern ist sie intensiver! Ich freue mich über die Erfolge der Kinder mehr als über meine eigenen. Ich habe noch nie so viel Verzweiflung gespürt, wie an Tagen, an denen das Familienleben einfach nicht rund laufen will. Manchmal kommt man einfach nicht weiter und muss akzeptieren, dass es nicht so läuft, wie ich das will. Das muss ich aushalten. Daran muss ich wachsen. Ansonsten bedeutet Vater sein eigentlich nur, ständig Verantwortung zu tragen und die kleinen Menschen so gut es geht ins Leben zu führen. Wir bieten die Leitplanken links und rechts und dazwischen sollen sich die Kinder entwickeln können. Ein anständiges Leben kann man nur vorleben. Das ist der schwierigste Teil: immer als Vorbild zu agieren.

Wie hat sich dein Leben dadurch geändert?

Robert: Die beiden Knirpse und der Familienalltag haben immer die oberste Priorität. Dann kommt mein Studium. Und dann ist der Tag auch schon vorbei. Ich war früher viel ehrenamtlich engagiert, bei zig Projekten dabei und für alles zu haben. Seit fast vier Jahren bin ich froh, wenn meine Rechnungen gezahlt sind, die Bude sauber und der Kühlschrank voll ist und mein Studium einigermaßen vorangeht. Statt jedes Wochenende sieht man Freunde nur noch aller paar Wochen oder Monate. Die haben halt auch alle ihr eigenes Leben mit Familie. Und da muss man sich auch in der Partnerschaft immer wieder gegenseitig von Sofa scheuchen: Geh raus, triff Leute, hab ein Leben! Sonst versackt man in der Familie. Das finde ich gefährlich.

Was hat dein eigener Papa dir mit auf den Weg gegeben?

Robert: Eigenständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, stoisches Durchstehen von Situationen. Ich durfte und musste schon immer selbstständig durchs Leben gehen. Mit 15 war ich unter der Woche bei einer Geburtstagsfeier von Freunden. Mein Vater hätte mich nach der Spätschicht mit dem Auto und fünf Kilometern Umweg abholen können. “Du hast doch gewusst, dass du nach Hause musst. Du bist allein hingekommen. Du kommst allein nach Hause.” Das war’s. Also mit dem Mountainbike nachts 14 Kilometer durch den Wald. So schnell bin ich noch nie geradelt. Später durfte ich auch sein Auto nie nutzen und bin im Wolkenbruch Motorrad gefahren. Das war in den Momenten vielleicht hart. Aber im Endeffekt das einzig Richtige: Kümmer dich um deine Sachen und verlasse dich nicht auf die zeitlichen und materiellen Ressourcen anderer.

Mit Kind auf dem Festival? Klaro!

Was glaubst du, muss ein Vater 2020 aus Sicht der Gesellschaft leisten?

Robert: Mehr als es die meisten tun. Das ist vielleicht nicht die Sicht der Gesellschaft aber meine. Ich verstehe nicht, wie man nur zwei Monate Elternzeit nehmen kann. Klar, die Kohle ist wichtig, aber die Zeit mit den Kindern bringt dir halt keiner zurück. Alles 50:50 aufzuteilen geht selten konsequent. Jeder hat seine Stärken und sollte sich dort einbringen. Ich glaube, da machen es sich manche – viele – Väter zu leicht. Es bleibt halt doch viel an den Müttern hängen. Kinderklamotten, Haushalt, Organisieren der Betreuungsoptionen, Spielen, Basteln - keine Ahnung, wie viel andere Väter da stemmen. Aber ich glaube, viele gehen lieber 40h auf Arbeit und machen halt am Wochenende bissl den Spaßvati. Ist eher nicht so meins.

Ich würde gern nur Teilzeit arbeiten. Meine Partnerin bringt das Geld heim, ich versuche, möglichst viel der Care-Arbeit zu stemmen. Meinen Chefs habe ich immer klar gemacht: Erst die Familie, dann der Job. Die akzeptieren das auch. Ich arbeite gern und anständig, aber das Wichtigste ist, dass es der Familie gut geht. Damit das in der breiten Masse ankommt, müssten mehr Männer ihren Rücken gerade machen und sagen: Einige Dinge müssen warten, weil die Familie mich gerade braucht. Nur so kann auch die Partnerin ihrem Beruf anständig nachgehen. Und das ist elementar wichtig für mich. Ich möchte keine Frau, die mit Wäsche waschen und kochen ihren Alltag füllt. Ich will eine Frau, die mich mit ihrem eigenen Leben abseits der Familie begeistert. Zum Glück habe ich so eine.

Oli, 32, Vater einer Tochter: "Ich habe gar keine Lust darauf, ein typisches Mädchen großzuziehen."

Vater und Tochter

Wann bist du Vater geworden?

Oli: Im März 2018.

Was bedeutet Vatersein für dich?

Oli: Das Dasein als Vater bedeutet, die verantwortungsvollen Aufgabe zu übernehmen, ein unselbstständiges, beziehungsweise nur eingeschränkt selbstständiges, menschliches Lebewesen bei der Entwicklung zu einer selbstbewussten und autonomen Person zu unterstützen. Die Opfer, die man dafür gerade hinsichtlich der Einschränkung der eigenen Freiheiten bringen muss, nimmt man aus Liebe zum Kind – an das man wortwörtlich einen Teil seiner selbst abtritt –aber gern in Kauf.

Wie hat sich dein Leben dadurch geändert?

Oli: Man wird aufmerksamer für Kleinigkeiten im Alltag, über die man sich vorher nie Gedanken gemacht hätte. Das betrifft zum Beispiel ganz banale Dinge, auf die man als Erwachsener normalerweise keine Rücksicht nehmen muss, die aber Gefahren für das Kind bedeuten könnten. Auch das eigene Verhalten wird viel stärker und häufiger reflektiert, da man zwangsläufig Vorbildfunktion übernimmt. Viele Gewohnheiten gerade des Freizeit-, aber auch des Arbeits- und Alltagslebens ändern sich grundlegend, da man ständig Sorge für das Wohlergehen und Gedeihen des Kindes trägt.

Was hat dein eigener Papa dir mit auf den Weg gegeben?

Oli: Mein Vater war stets der ruhende Pol der Familie und zugleich ein sehr gebildeter und vorurteilsfreier Mann, der mir immer auf Augenhöhe begegnete, geduldig meine Fragen beantwortete und mir nie das Gefühl vermittelte, von oben herab behandelt zu werden. Eine autoritäre Erziehung entsprach nicht seiner Persönlichkeit. Er gab mir Weltoffenheit, Selbstvertrauen und Zuversicht mit.

Was willst du anders machen?

Oli: Die gerade genannten Punkte würde ich gern an meine Tochter weitergeben. Anders machen würde ich nur wenig. Eventuell würde ich versuchen, mehr Lebensfreude und Ehrgeiz auszustrahlen.

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Wichtig als Vater: Lebensfreude vermitteln.

Wie hat dein Umfeld auf deine neue Rolle reagiert?

Oli: Die meisten Freunde und Bekannte reagierten verständnisvoll auf die veränderten Lebensbedingungen, die auch selteneren Kontakt zwischen mir und ihnen bedeuteten. Auch wenn natürlich vieles von außen gar nicht wirklich nacherlebt oder nachempfunden werden kann, solange man selbst kein Kind hat, habe ich nie erlebt, dass irgendwelche Vorwürfe erhoben oder Groll gehegt worden wäre. Viele haben sich natürlich auch über die Geburt unserer Tochter gefreut – die Familie sowieso.

Was glaubst du, muss ein Vater 2020 aus Sicht der Gesellschaft leisten?

Oli: Die Zuschreibung der Verantwortung von Erziehung und Fürsorge sollten nicht von tradierten geschlechtsspezifischen Rollenbildern abhängen, sondern so weit wie möglich zu gleichen Teilen von beiden Eltern übernommen werden ... sofern nicht berufliche Einschränkungen bei Mutter oder Vater dazu zwingen, die Aufgaben ungleich zu verteilen. Das heißt auch, dass ein Vater sich nicht scheuen sollte, Arbeiten im Haushalt zu übernehmen, ohne sich deshalb in seiner Männlichkeit bedroht sehen zu müssen. Als Vater einer Tochter habe ich auch gar keine Lust darauf, ein typisches Mädchen großzuziehen und meiner Frau den Großteil der Erziehungsarbeit zu überlassen, da ich überzeugt bin, dass unserer Tochter charakterliche "Ecken und Kanten", die von der Gesellschaft wohl als typisch männlich oder "jungenhaft" gewertet werden, gut zu Gesicht stehen.

Manuel, 39, zum ersten Mal Vater: "Müttern muss ermöglicht werden, väterlich zu sein."

Manuel Lorenz

Wann bist du Vater geworden?

Am 18.7.2019, 16.01 Uhr.

Was bedeutet Vatersein für dich?

Gerade fühlt sich Vatersein für mich noch an wie ein Ritt mit 220 auf der Autobahn: ein Tripp, der unheimlich intensiv ist, sich unvergleichlich anfühlt, aber kaum Raum und Zeit zur Reflexion lässt. Eine einzigartige, urmenschliche Erfahrung, die mich Zeitmaschinen-mäßig mit der Vergangenheit und Zukunft verbindet; ein Trick, um der Endlichkeit ein Schnippchen zu schlagen – denn mein Erbgut und meine Erfahrungen werden in meiner Tochter hoffentlich meinen Tod überleben.

Wie hat sich dein Leben dadurch geändert?

Ganz banal: weniger Schlaf, weniger Abendveranstaltungen und all das, wovor dich alle anderen Väter immer gewarnt haben. Viel entscheidender aber: Mein Blick aufs Leben hat sich geändert. Ich schaue viel mehr auf andere als auf mich selbst. Gemeinschaftliches, Gesellschaft rückt in den Fokus. Und die Prioritäten verschieben sich: Es ist nicht mehr so wichtig, was du trägst, sondern was das Kind zum Mittagessen kriegt.

Was hat dein eigener Papa dir mit auf den Weg gegeben?

Vor allem Humor und die Fähigkeit, zu lieben. Und das Bewusstsein, dass mir niemand meine menschliche Würde und Freiheit nehmen kann.

Was willst du genauso wie er, was anders machen?

Ich will genau so wie er bedingungslos Lieben und so viel Freiheit wie möglich gewähren. Ich will aber ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und dem, was man Leben nennt, hinkriegen.

Wie hat dein Umfeld auf deine neue Rolle reagiert?

Durchweg positiv. Ich geh' damit aber auch nicht hausieren. Im Zweifel wissen manche noch gar nicht, dass ich seit zehn Monaten Vater bin.

Was glaubst du, muss ein Vater 2020 aus Sicht der Gesellschaft leisten?

Väter wie Mütter müssen heutzutage klassisch väterliche wie klassisch mütterliche Tugenden vereinen. Das fällt Vätern leichter als Müttern, da die alten Rollenzuschreibungen zwar zunehmend obsolet werden, die Welt aber noch die alte ist: eine von Vätern für Väter gezimmerte. Was wir dringend brauchen, ist ein Update, sodass nicht nur Väter mütterlich sein können, sondern es auch Müttern ermöglicht wird, väterlich zu sein.

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Quelle: Noizz.de