Wer braucht schon immerzu das ganze Romantikpaket? Auf dem Sofa gammeln kann manchmal das beste Pärchengoal sein.

Ich werde in diesem Herbst heiraten. Im verflixten siebten Jahr – was für andere ein Grund sein könnte, dass alles nochmal zu überdenken, ist für uns kein Grund, es nicht zu tun. Im Vorfeld des vermeintlich romantischsten aller Tage, dem 14. Februar, macht man sich dann aber natürlich doch allerhand Gedanken und stellt die eigene Beziehung auf den Prüfstand: Ist es das jetzt? Will man den langweiligen Liebesalltag für immer eintauschen gegen womöglich unzählige Liebesabenteuer, die da noch auf einen warten?

Klar, Verknalltsein ist das größte Gefühl der ganzen Welt. Auch wir waren richtig eklig kitschig am Anfang unserer nunmehr siebenjährigen Beziehung: Kichernd und verschmust im Museum, Liebesgeständnisse im Café, knutschen im Kino, wilder Sex und am Anfang unserer sehr romantischen Fernbeziehung tränenreiche Abschiedsumarmungen und Küsse am Bahngleis. Wie im Film.

Aber irgendwann ist diese Phase auch durch

Die Wissenschaft sagt, das hört nach so circa sechs bis zwölf Monaten auf. Dann hat sich unser Körper an den Ausnahmezustand an Hormonen, der einer Drogensucht gleicht, gewöhnt. Plötzlich sind da keine Schmetterlinge im Bauch – stattdessen ein wohliges Gefühl von Normalität. Und der andere gehört zu deinem Leben, zu deinem Alltag, so sehr, dass du dir gar nicht mehr vorstellen kannst, wie es ohne den anderen einmal war oder jemals sein sollte.

Man streitet sich, man versöhnt sich. Alltag ist nicht weniger liebevoll oder romantisch als das Hochgefühl des ersten Kennenlernens – es ist einfach anders. Viele Beziehungen scheitern an genau diesem Punkt. Weil es sich eben nicht mehr so aufregend anfühlt, man nicht mehr so viele erste Male gemeinsam erlebt. Aber der Zauber des Alltags macht eine Beziehung stabil und zufrieden.

Und dazu braucht es keine ausgefallenen Dating-Nights oder wilde Ausflüge, feiern gehen bis es wieder hell wird, die ganze Nacht miteinander reden oder andere Experimente. Man muss sich selbst einfach in seiner Mittelmäßigkeit manchmal akzeptieren. Dass es okay ist, an einem Freitagabend einfach gemeinsam mit einem Glas Wein vor dem Fernseher zu sitzen und "Babylon Berlin" zu schauen, statt auszugehen.

Manchmal betrachte ich meine Beziehung und denke mir: Eigentlich sind wir ziemlich unspektakulär. Wir sind kein hässliches Paar, aber auch nicht atemberaubend schön. Wir führen keine verrückten Lebensstil, sind nicht Anhänger irgendeiner spirituellen Richtung, machen keine superromantischen, festgeplanten Datenights oder suchen uns Abenteuer in Form einer Weltreise oder eines erotischen Abenteuers mit irgendwelchen Fremden. Wir sind einfach ziemlich normal. Und würde manch einer uns von Montag bis Sonntag begleiten, das Urteil wäre womöglich ein vernichtendes: langweilig.

Wir sind beide berufstätig, das heißt, wir stehen zusammen auf, Frühstücken, trinken Kaffee, wünschen uns einen schönen Tag und fahren zur Arbeit, sodass wir beide um 09:00 Uhr im Büro sind. Super-Almans. Dann sehen wir uns meistens erst am Abend, manchmal verbringen wir die Mittagspause zusammen. Am Wochenende treffen wir uns mit Freunden, schmeißen den Haushalt (ja, auch das gehört zu einer Beziehung), kochen, spazieren, gehen essen oder in ein Café, zocken gemeinsam an der Switch oder Playstation – oft genug machen wir aber auch einfach nichts.

Die, die noch mit 80 zusammen sind, sind es, weil sie miteinander langweilig sein können

Natürlich verreisen wir auch zusammen – und mein Job als freie Journalistin ist jetzt nicht unbedingt der unspannendste aller Zeiten – vielleicht kann ich deswegen das Maß meiner vermeintlich "langweiligen" Beziehung ziemlich gut verkraften. Denn auch in diesen scheinbar toastbrotigen Gesten des Alltags steckt für mich jede Menge Liebe, Zuneigung und Bewunderung – man kann sogar sexy sein dabei. Wir witzeln rum, machen uns Komplimente, unterhalten uns über Themen und Dinge, die uns gerade bewegen, entdecken zusammen neue Musik oder Filme, Serien. Meine Beziehung ist wie eine geile WG mit der ich Sex haben kann, Nähe und Bewunderung finde – ohne diesen kompliziert, chaoshaften "Friends with Benefits"-Scheiß durchmachen zu müssen.

Natürlich weiß ich nicht, was in zehn, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren ist – das weiß niemand! Und ja, auch ich vermisse manchmal den Zauber des Anfangs, auch ich misse manchmal den Endorphinrausch aus diesem Hormoncocktail, der entsteht, wenn man jemanden neu kennenlernt – mit dem unterbewussten Ziel, sich eventuell mit ihm oder ihr fortzupflanzen. Aber die Komfortzone, die man sich mit einer langjährigen Beziehung schafft, in der man sich nicht ständig Gedanken macht, wie etwas ständig aufregend sein soll, ist verdammt beruhigend in einer Welt in der wenig sicher scheint. Es ist anders, aber es ist gut.

Wenn ich das mit Beziehungen, Schwärmereien und Liebschaften von früher vergleiche, hat meine Partnerschaft jetzt einen entscheidenden Unterschied: Ich versuche, habe noch nie versucht, krampfhaft spektakulär zu sein. Auf jeden Fall liebe ich es, genau das Kleid anzuziehen, was er an mir perfekt findet, natürlich trage ich meine Haare und mein Make-up auch gerne so, wie er es gut findet. Aber ich kann ich sein und mache mich von nichts abhängig, ich versuche auch vor meinen Freunden nicht, den Eindruck einer aufregenden Beziehung aufrecht zu erhalten. Es ist, was es ist. Auch das klingt langweilig, es ist aber so wahr und schön, dass es mir fast den Atem raubt.

Ich weiß, dass eine Hochzeit nicht per se der Ausdruck einer idealen Beziehung oder perfekten Liebe ist – dafür scheitern viel zu viele Ehen in Deutschland, auf dieser Welt. Jeder der nicht heiraten will, voll okay. Für mich war das auch vorher kein Thema. Aber für die unspektakuläre, langweilige, normale, geheime Hispter-Spießerin in mir, ist die Ehe jetzt ein schöner Gedanke. Etwas, dass unseren Alltag krönt.

Es ist nur ein Ritual, aber eines, das mir gefällt. Und ich glaube, wären wir beide nicht manchmal so vollkommene Toastbrote, unsere Beziehung wäre nicht dasselbe. Deswegen an alle sich findenden Paare da draußen: Seid alle mal ein bisschen langweiliger, okay? Euer Leben zu zweit muss nicht wie ein Instagram-Account aussehen!

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Quelle: Noizz.de