Als halb Deutschland wegen Corona panisch die Heimreise aus dem Ausland antrat, entschied Shanti Chirayath: Ich bleibe im Irak. Warum sie diese Entscheidung traf und wie ihr Leben in Dohuk aussieht, hat sie NOIZZ verraten.

In Top und Strickjacke sitzt Shanti vorm Computer und lacht in die Kamera. "Eigentlich sind es hier gerade 40 Grad – aber die Klimaanlage kühlt alles auf eisige Temperaturen runter." Mit "hier" meint Shanti die Stadt Dohuk im Nordirak. Denn dort ist sie trotz Corona noch immer – und will bleiben. Die 33-Jährige arbeitet seit zwei Jahren als humanitäre Helferin der Hilfsorganisation CARE in Dohuk – einer Stadt die 2014, während des Völkermordes an den Jesiden durch den sogenannten "Islamischen Staat" traurige Berühmtheit erlangte. Eine krisengeschüttelte Region – die nun auch noch mit Corona zu kämpfen hat.

Bis heute bekommt Shanti Flugmöglichkeiten von der Deutschen Botschaft aufs Handy geschickt. Flüge aus dem Irak zurück in ihre Heimat – Bonn. Doch während Reisende und Auslands-Jobber auf der ganzen Welt vor Corona flüchteten und teils mit Staatsgeldern zurückgeholt wurde, sagte Shanti: Ich bleibe hier. Warum?

Heimflug wäre "ungerecht"

"Zu Hause würde ich mich nutzlos fühlen", sagt sie. "Es hätte sich für mich auch sehr ungerecht angefühlt, zu fliegen. Die irakischen Kolleginnen und Kollegen und die anderen Bewohner der Stadt können ja auch nicht weg". Zu sagen, "Schaut, wie ihr alleine klarkommt", sei für sie nicht infrage gekommen.

Vor Corona koordinierte Shanti mehrere Projekte in der Sindschar-Region, etwa für schwangere Frauen und Geflüchtete und besuchte diese häufig. Nun konzentrieren sich ihre Aufgaben auf Notversorgung und Hygiene. So gibt es etwa unzählige Tagelöhner, die vor Corona auf Baustellen, Märkten oder der Straße zu arbeiteten – und nun ohne Verdienst dastehen. Für sie entwickelt Shantis Team Programme, die ihnen Geld für einfache Arbeiten einbringen.

Ein Projekt, das Shanti mitorganisierte: Ein Nähkurs für Frauen

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In den Camps für geflohene Familien, meist Jesid*innen aus dem Sindschar-Gebirge, liefert das Team weiter Wasser und gesundheitliche Versorgung. Doch nun müssen sie die Hilfsgüter möglichst ohne Kontakt zu den Menschen überbringen und diese trotzdem irgendwie zu Hygienemaßnahmen aufklären. Keine ganz einfache Aufgabe – denn selbst in Deutschland werden einfachste Hygieneregeln häufig vergessen. Wenn dann auch noch der Faktor Armut hinzukommt, stehen viele Menschen schnell schutzlos da – im wahrsten Sinne des Wortes.

Mundschutz zu teuer

"Bis vor wenigen Wochen hatten wir Maskenpflicht und auch in den Supermärkten musste man Einweghandschuhe benutzen", erzählt Shanti. Doch die kann sich nicht jeder leisten: Während die Masken früher zwei bis drei Dollar kosteten, liegt ihr Preis nun bei zwölf bis 15 Dollar – für jemanden, der durch Corona sein Einkommen verloren hat eine Menge Geld. Vor allem, wenn die ganze Familie eine solche Maske tragen soll. Die einfachste, aber leider auch unhygienischste Lösung: Die ganze Familie teilt sich einen einzigen Mund-Nasen-Schutz. Die Maskenpflicht ist in Dohuk mittlerweile ausgesetzt – und das erleichtert nicht nur die von Armut betroffenen Familien: "Ich selbst freue mich auch, dass es keine Maskenpflicht mehr gibt", sagt Shanti - "bei den Temperaturen war das kaum auszuhalten – bald werden es hier um die 50 Grad sein".

Shanti allein im Büro während des Corona-Lockdowns

Corona-Party mit Schüssen

In einem Blogbeitrag beschreibt Shanti jedoch auch die gefährliche Seite von gelockerten Corona-Maßnahmen: "Letzte Woche gab es eine 'Covid Victory Celebration'", schreibt sie dort. Und weiter: "Hunderte Menschen feierten auf den Straßen, mit Feuerwerk, Kerzen, Luftballons und den hier typischen, gewöhnungsbedürftigen Gewehrsalven. Die Gefahr ist gebannt, davon sollte die Feier erzählen. Am nächsten Tag wurden neue Ansteckungsfälle gemeldet."

Einen Tag nachdem Shanti und ihre Kolleg*innen wieder ins Büro durften, kam nun die Ansage: Kompletter Lockdown. Nur die Apotheken und ein paar Bäcker haben jetzt noch geöffnet. Fern von Familie und Freunden trifft das Verbot von sozialem Kontakt und freier Bewegung in der Öffentlichkeit natürlich besonders hart. Zwar lebt Shanti in einer WG mit drei anderen CARE-Mitarbeiter*innen – aus Äthiopien, Kenia und Großbritannien – und trotzdem schlägt oft das Heimweh und die Sehnsucht nach der Familie zu.

Wiedersehen mit Familie ungewiss

"Ich weiß nicht, wann ich meine Eltern das nächste mal wiedersehe", sagt Shanti. Anfangs hatte sie vor, nur ein halbes Jahr im Irak zu bleiben, jetzt sind es – auf eigenen Wunsch – schon zwei Jahre. Vor Corona waren Besuche möglich. "Aber selbst wenn ich könnte, würde ich nicht das Risiko aufnehmen wollen, mich auf der langen Reise zu meinen Eltern anzustecken und sie zu infizieren".

Deshalb versuchte Shanti von Beginn ihrer Arbeit an, sich keine Pläne für das nächste Wiedersehen mit Freunden und Familie zu machen: "Wenn ich mir keine Hoffnung mache, kann ich auch nicht enttäuscht werden."

Genau jetzt hätte Shanti das nächste Mal Urlaub und so die Möglichkeit gehabt, ihre Familie zu Besuchen – entweder den Teil in Deutschland oder den in Indien. Doch das fällt durch Corona ins Wasser. Besonders stark wird das Heimweh an Geburtstagen – so wie dem ihres Vaters, der kurz bevorsteht. Doch um trotzdem mitzufeiern, hat sich Shanti etwas überlegt: "Ich habe schon eine richtige Geburtstagsroutine drin", sagt sie und lacht. "Video-Anruf, Kerze anzünden, singen – inzwischen bin ich echt geübt darin, Geburtstage aus dem Irak mitzufeiern."

Dass Shanti im Irak arbeitet, ist für ihre Familie nicht nur an den Geburtstagen schwierig – und das liegt nicht zuletzt daran, dass dies ein Land ist, über das wir hauptsächlich Schreckensbilder aus den Nachrichten sehen, jedoch kaum Eindrücke aus dem Alltagsleben kennen. "Die erste Frage von vielen Familienmitgliedern und Freunden war: Musst du komplett verschleiert und mit Kopftuch rumlaufen?", erzählt Shanti. Dem ist aber nicht so. "Ich muss nirgendwo ein Kopftuch tragen und trage ganz normal Jeans und T-Shirt oder ein längeres Kleid", sagt sie. In den nicht-kurdischen Regionen im Irak, in denen CARE Projekte betreibt, würde sie aber kein Shirt tragen, sondern müsse Arme und Beine komplett bedecken.

Die Stadt Duhok: Hier lebt Shanti

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Strenge Geschlechtertrennung

Ansonsten sei die Aufteilung zwischen Männern und Frauen im ländlichen und traditionellen Dohuk relativ streng: In Restaurants gebe es einen Teil für Männer und einen für Familien – wo auch die Frauen sitzen dürfen. Auch die Fitness-Center sind nur für jeweils ein Geschlecht ausgelegt und nicht gemischt. Cafés, in denen Männer und Frauen zusammen sitzen, gebe es auch – "das ist aber eher eine neumodische Erscheinung", sagt Shanti. "Die liberaleren Strömungen und die traditionelle Geschlechtertrennung stehen gerade in der Schwebe neben einander, das ist sehr spannend zu beobachten".

Trotz der außergewöhnlichen Eindrücke und der Arbeit, die Shanti sehr gefällt, vermisst sie doch einiges an Deutschland. Zum Beispiel öffentlichen Nahverkehr – das Laufen bei 50 Grad sei "gewöhnungsbedürftig" – und den Klassiker: Das deutsche Brot. Dass Freunde und Familie am allermeisten fehlten, das stehe natürlich außer Frage.

Ob Shanti manchmal bereut, dass sie sich trotz Corona gegen eine Heimreise entschieden hat? "Nie", sagt sie. Selbst wenn das Virus irgendwann gebannt und eine unkomplizierte Heim- oder Urlaubsreise wieder möglich sei, würde sie diese nicht gleich antreten: "Ich möchte wieder richtig in den Projekten anpacken. Die Flieger nach Deutschland heben weiterhin ohne mich ab".

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Quelle: NOIZZ-Redaktion