Es ist Mental Health Awareness Month, das bedeutet Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Auch wir nehmen daher in diesem Monat psychische Krankheiten noch ein wenig mehr unter die Lupe und beleuchten die mentalen Themen, die in unserer Gesellschaft tabuisiert werden oder schlichtweg untergehen. In diesem Artikel helfen wir bei der Suche nach einem Therapieplatz.

Es scheint so logisch und einfach: Hat man ein Problem, geht man zum Arzt ... Und doch ist es in Sachen Psyche eine Aufgabe, die viele unsichtbare Hürden mit sich bringt. Die Suche nach einem Therapieplatz endet oft vor dem helfenden Ziel mit Frustration und Verzweiflung! Während ziemlich klar ist, dass man mit einer Grippe zum Hausarzt geht, mit Knochenbrüchen in die Orthopädie oder mit einem Ausschlag die Dermatologie aufsucht, ist der Gang zu einer Therapie weitaus schamhafter behangen und gestaltet sich auch unabhängig von der gesellschaftlichen Stigmatisierung ziemlich steinig. Doch es gibt einige Tipps und Tricks, wie man schneller an einen Therapieplatz kommt und überhaupt die Stellen findet, wo man die Hilfe bekommen kann, die man auch benötigt.

Wer kann helfen?

Schon bei den Begrifflichkeiten wird man ziemlich schnell ins Schleudern gebracht. Denn typisch Deutsch gibt es geschützte und ungeschützte Begriffe, verschiedene Abschlüsse, Zertifikate und Ränge und alles klingt irgendwie ähnlich: Psychiater*in, Psycholog*in, Psychoanalyse, Psychotherapie, Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie.

Hinter dem Wort "Psychotherapie" verbergen sich zwei Dinge: Zum einen meint es die Behandlung der Seele beziehungsweise seelischer Probleme. Zum anderen ist damit eine Behandlung mit "seelischen" Mitteln gemeint, im Gegensatz zu beispielsweise medikamentöser Behandlung.

Der Titel "Psychotherapeut" ist gesetzlich geschützt und darf neu von Menschen benutzt werden, die eine mehrjährige Weiterbildung gemacht haben. Man kann also Psychologie studiert haben, ist aber nach dem Abschluss noch kein*e Psychotherapeut*in – dafür ist die gezielte Weiterbildung nötig. Psychologen sind also nicht automatisch Therapeuten, schließlich kann man mit einem Abschluss in Psychologie auch in anderen Feldern beratend arbeiten.

Ein Psychiater hingegen hat einen Facharzt für Psychiatrie gemacht. Die meisten Psychiater sind in der Diagnostik tätig und nicht in der Therapie. Sie dürfen außerdem Medikamente verschreiben und schauen sich psychische Erkrankungen von einer körperlichen Warte aus an. Schließlich werden bei den psychischen Erkrankungen und Prozessen Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet, die das Seelenleben beeinflussen und auch medikamentös kontrolliert oder ergänzt werden können.

Welche Therapieform ist die richtige?

Nachdem das geklärt wäre, stellt sich als nächstes die Frage, was ist die "richtige" Therapie? Denn auch hier gibt es unterschiedliche Ansätze und nicht jeder ist offen für die verschiedenen Verfahren. Bei der Suche ist es sehr hilfreich zu wissen, wonach man sucht! Die Krankenkassen finanzieren drei verschiedenen Therapieverfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Psychotherapie und Psychoanalyse. Alle drei verfolgen einen anderen Kern.

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Verhaltenstherapie: Das musst du wissen

Bei der Verhaltenstherapie geht man davon aus, dass man problematisches, toxisches Verhalten (dazu zählen auch Gedanken und toxische Umkehrschlüsse) erlernt hat, und man diese auch wieder Verlernen kann. Sie ist sehr zielorientiert, kann aber auch oft überfordern, denn in der Verhaltenstherapie geht man meist in die Konfrontation, um Vermeidungstaktiken zu überwinden und das Bewusstsein wieder zu stärken. Es gibt viele Übungen, Problem- und Bedingungsanalysen, um die psychischen Probleme zu klären und Verhaltensweisen zu ändern.

Tiefenpsychologie: Das musst du wissen

In der Tiefenpsychologie ist man hingegen nicht so sehr auf den Moment und die Handlung fokussiert, sondern schaut immer wieder in die Vergangenheit. Der Schwerpunkt der Behandlung liegt auf Konflikten und Entwicklungsstörungen, die in der aktuellen Lebenssituation des Patienten auftreten. Oft bespricht man prägende Momente in der Kindheit. Das kann offenbarend sein, Problem ist aber auch, dass Differenzen zwischen den Deutungen der Therapie und der eigenen Interpretation liegen können und auch, dass die Offenlegung der Ursprünge nicht für jeden auch bei der Lösung der Störung hilft.

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Sitzungen auf der Couch

Psychoanalyse geht noch einen ganzen Schritt weiter und basiert auf einer Persönlichkeitstheorie, die die Entwicklung der menschlichen Psyche benennt. Die Psychoanalyse geht von engen Wechselwirkungen zwischen Konflikt und Trauma aus, die die Entwicklung beeinflussen oder aufhalten, wobei die Grenzen zwischen äußeren Traumatisierungen und inneren Konflikten, die zu Traumata werden, nicht immer eindeutig gezogen werden können. Auch hier geht man oft auf die Kindheit zurück beziehungsweise sucht den Moment, an dem die Störung eingesetzt hat. Von da aus geht man assoziativ vor. Die Psychoanalyse nutzt eine recht abstrakte Sprache, manchmal redet der/die Therapeut*in gar nicht – und auch das kann schnell überfordern oder frustrieren, gerade wenn man sich klare Wegweisung und Beratung sucht. Aus der Psychoanalyse kommt auch das klassische Bild, des 'auf der Couch liegen'. Bei den anderen Therapiemethoden sitzt man sich gegenüber.

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Wie finde ich einen Therapieplatz?

Nachdem man jetzt weiß, wer einem Helfen kann und was für ein Therapieangebot zu einem passt, geht es an die harte Aufgabe, einen Platz zu ergattern und das mit möglichst wenig Wartezeit. Es lohnt sich, den Weg über die Hausärzte zu gehen. Die haben oft eine Auswahl an Therapeut*innen an der Hand, an die sie einen Überweisen und das kann unter Umständen schon sehr hilfreich sein. Damit die Therapie von der Krankenkasse übernommen wird, muss ohnehin ein kleiner Körper-Check durchgeführt werden. Dabei wird in der Regel einfach Blut abgenommen. Probleme mit der Schilddrüse führen zum Beispiel oft zu Symptomen einer Depression. In solchen Fällen ist eine Therapie natürlich nicht zielführend, hilfreich und für alle Seiten frustrierend und unnötig zeitaufwendig.

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Therapieplatz ohne lange Wartezeiten

Die Kassenärztlichen Vereinigungen stellen außerdem Listen bereit, die Ärzte bereits nach Bezirk und Therapiemethode vorsortiert haben. Viele bieten mittlerweile auch einen Email-Kontakt an, sodass Angst vor Telefonaten vorgebeugt ist. Allerdings ist die Kommunikation meistens ohnehin auf den Anrufbeantworter beschränkt und man bekommt erst mit einem Rückruf Bescheid über Erstsitzungen. Für akutere Fälle gibt es auch einen Terminservice, von denen die wenigsten wissen. Hier kontaktiert man die Krankenkasse und bekommt Bescheid, wenn ein Therapieplatz frei ist. Unter Umständen kann es dann in einem Bezirk sein, der etwas weiter weg ist.

In maximal vier Wochen wird einem ein Termin für probatorische Sitzungen (so nennt man die ersten Kennenlernstunden, bevor man sich für oder gegen die Therapie oder den/die Behandelnde*n entschließt) bereitgestellt. Wenn man einen Befundbericht vorzeigen kann, zum Beispiel aus der Notaufnahme kann man schon innerhalb von zwei Wochen mit einem Termin angeboten bekommen. Wenn kein Psychotherapeut aufgefunden werden kann, wird eine ambulante Behandlung in einem Krankenhaus gesichert. Wenn man also weiß wie, kann man die langen Wartezeiten umgehen.

Psychische Hilfe während der Wartezeiten

Doch auch Überbrückung der Zeit ist möglich. Denn oft kann man zunächst die Hilfe von Psychologen oder Unterstützung in Sozialarbeitern finden. Wir erinnern uns: Die Psychologen dürfen beraten, aber nicht therapieren. Es gibt Unipsychologen und Schulpsychologen, bei denen man Hilfe findet und die deutschen Studentenwerke bieten auch in den meisten Fällen psychische Unterstützung an. Dort kann man auch mehrere Sitzungen abhalten, es gibt Gruppenangebote und Vermittlungshilfe für Langzeittherapien.

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Auch außerhalb der Universitäten gibt es karitative Einrichtungen, die Hilfe anbieten und wo man in betreuten Selbsthilfegruppen oft mehr Unterstützung findet, als man erwartet. Die können nicht nur vor, sondern auch nach der Therapie eine wahnsinnig große Unterstützung darstellen und sichern, dass man weiterhin auf sich achtet und die erlernten Routinen nicht vernachlässigt.

Die größte Hürde auf dem Weg zu einem Therapieplatz ist es allerdings, sich für eine Therapie zu entscheiden. Leider herrscht immer noch eine enorme Unwissenheit über weitverbreitete Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen. Auch weniger geläufige psychische Krankheitsbilder bleiben teilweise über lange Zeit undiagnostiziert, denn das Stigma bildet eine unsichtbare Barriere, die daran hindert, sich selbst Hilfe zuzugestehen und wahrzunehmen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de