Und Streit ums Impfen, um Chemtrails und die Bilderberg-Konferenz.

G20 hat viele von uns Freunde gekostet, oder zumindest die digitale Verbindung zu ihnen. In meiner Timeline werden diese Stimmen gerade laut: Menschen kündigen anderen die Facebook-Freundschaft, weil sie deren Ansichten nicht mehr lesen wollten.

Das finde ich schade, aber auch interessant. In der Regel läuft das so ab:

Ein Freund, nennen wir ihn Anton, postet seine Meinung zu G20 auf Facebook. Eine Freundin, nennen wir sie Bibi, findet die Meinung von Anton falsch. Das schreibt sie ihm in deutlichen Worten auf die Pinnwand.

Anton und Bibi haben sich vielleicht mal auf einer Party kennengelernt, waren zusammen in der Schule oder lesen in den gleichen Facebook-Gruppen. Sie kennen sich, lesen mit, aber sie sind keine engen Freunde. Die klassische digitale Facebook-Freundschaft unserer Zeit eben.

Anton hat keinen Bock auf Bibis Meinung. Die beiden fangen an, sich zu streiten, bis einer keine Argumente mehr hat und auf den „Unfriend“-Button klickt.

Problem gelöst.

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Die meisten unserer Facebook-Freunde sind nicht die Leute, die wir abends zum Grillen einladen. Sie sind alte Mitschüler und Kommilitonen, Kolleginnen, Freunde von Freundinnen von Freunden, Bekanntschaften aus dem ICE von München nach Berlin.

Doch was ich von den Menschen lese, die „unfriend“ geklickt haben, gibt mir zu denken. Da ist die Rede von „entfernten Verwandten“, von Leuten, „die ich für intelligent und kultiviert gehalten habe“. Oder einem, „den ich schon lange kenne und dessen Meinung ich immer geschätzt habe“.

Es geht hier also gar nicht um jene, zu denen wir ohne Facebook sowieso keinen Kontakt mehr hätten. Manchmal geht es um verhinderte Freunde.

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Und das ist bedenklich. Denn viele unserer Bekanntschaften sind doch auch Freundschaften, die einfach nie zu Stande kamen. Vielleicht, weil wir zu weit auseinander wohnen, weil die Lebenssituationen zu unterschiedlich sind oder weil alle Slots für enge Freundschaften schon voll waren. Ich zumindest sehe viele meiner Facebook-Verbindungen so. Unter anderen Umständen wären wir vielleicht gute Freunde; vielleicht werden wir es eines Tages sein.

Und solche Menschen lasst ihr gehen, nur weil sie über ein hochbristantes politisches Ereignis eine andere Meinung haben?

Zur Erinnerung: Freundschaft bedeutet, dass man Meinungen aushält.

Eine meiner engsten Freundinnen würde mir gern ihr Öko-Shampoo über den Schädel kippen, weil unsere Ansichten so gegensätzlich sind. Einer anderen möchte ich ihre Meinung über Fußball ihr-wisst-schon-wohin schieben.

Das ist okay. Es gibt genug Themen für alle.

Verschiedene Gründe nennen Freunde und Freundesfreunde in diesen Tagen, aus denen sie sich von Menschen in ihren Timelines getrennt haben:

Einige erzählen, dass sie beleidigt wurden – oder sogar bedroht. Andere wollen nicht von potenziellen Arbeitgebern mit Leuten in Verbindung gebracht werden, die digital-lautstark ihre Meinung über Polizei, Gewalt oder Polizeigewalt kundgetan haben. Heute ist es G20, morgen streiten wir uns wieder übers Impfen, Chemtrails und die Bilderberg-Konferenz. Frei zitiert nach der Bibel: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

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Wir gefallen uns ein wenig darin, die „Twitter-Blase“ zu beklagen und den Algorithmus, den Facebook uns auferlegt. Wir sollen sehen, was wir mögen – so funktionieren diese Unternehmen.

Spätestens seit den Ausschreitungen beim G20-Gipfel ist klar: Wir sind nicht besser, als die Algorithmen es sind. Viele von uns haben gar keine Lust auf die Gegenmeinung. Einige entfreunden, andere werden im Angesicht des Konflikts beleidigend, aggressiv – und werden entfreundet. Arroganz gepaart mit digital-sozialer Inkompetenz.

Wenn uns bewusst von Menschen distanzieren, weil sie über ein Thema anders denken als wir selbst, dann verlieren wir wirklich etwas. Was ist der nächste Schritt? Werfe ich den Freund meiner Mitbewohnerin aus dem Haus, weil er gegen Impfungen ist und meine beste Freundin, weil sie meine Wandfarbe scheiße findet? Das bringt uns nicht weiter.

Ein Bekannter von mir schrieb mir dazu: „Wenn ich alle entfreunden würde, die anders denken als ich, dann wäre ich verdammt alleine hier.“ Die Hirnforscherin würde sagen: Dann kauf dir schon mal ein paar gute Bücher. Denn jeder denkt anders als alle anderen. Das gilt sogar für Zwillinge, Nazis und Hipster. Ach ja, und Linke.

Wir sollten nicht trotz aller Unterschiedlichkeit aneinander festhalten, sondern gerade deshalb. Nur so können wir als Menschen wachsen. Alles andere ist Stillstand. Also lasst uns reden.

Quelle: Noizz.de