Er behauptete danach: "Ich kann mich nicht mehr dran erinnern."

Anzügliche Witze, eine Hand, die immer wieder etwas zu lange auf der Schulter liegen bleibt, ein Klaps auf den Hintern: Das ist kein Spaß unter Kollegen, sondern sexuelle Belästigung – und die kann das Berufsleben für Betroffene zur Hölle machen. Insbesondere die betriebliche Weihnachtsfeier ist dank ausgelassener Stimmung und massenweise Alkohol berüchtigter Tatort sexueller Übergriffe.

Emilia* wurde auf der Weihnachtsfeier ihres Betriebs von ihrem Chef sexuell belästigt. NOIZZ hat sie erzählt, was genau passiert ist – und wie der Chef auf die Anschuldigungen reagiert hat.

In welchem Universum wäre es angemessen, mir an den Hintern zu fassen?

"Ich war damals bereits seit acht Jahren in diesem Betrieb angestellt. Wir Mitarbeiter hatten ein sehr familiäres Verhältnis zueinander. Es herrschte immer eine gute Atmosphäre. Dementsprechend haben sich alle auf die Weihnachtsfeier gefreut. Das war ein Ereignis, wo alle gemeinsam einmal über die Stränge schlagen – eine richtige Partysituation. In diesem Jahr hatte die Firma eine Halle gemietet. Wir waren etwa 50 Personen, und die Stimmung war richtig gut.

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Zu etwas späterer Stunde kam es dann zu dem Übergriff: Ich stand neben meinem Chef, wir haben uns unterhalten und ich habe bereits gemerkt: Der ist total betrunken. Aus heiterem Himmel fasste er mir dann einfach mit der Hand an den Hintern und kniff kräftig hinein. Ich habe sofort einen Schritt zurückgemacht und konnte ihn nur fassungslos anschauen. Was denkt er sich? In welchem Universum wäre es angemessen, mir an den Hintern zu fassen? Dazu kommt: Seine Partnerin, mit der er ein gemeinsames Kind hat, war auf der Weihnachtsfeier ebenfalls anwesend. Die gesamte Aktion war eine bodenlose Frechheit.

Eine Szene auf der Tanzfläche wäre der Sache nicht gerecht geworden

Mein erster Reflex war, ihn an Ort und Stelle zu konfrontieren. Ich habe mich dann aber dagegen entschieden und bin erst einmal nach draußen, wo ich meiner Kollegin von dem Vorfall berichtete. Sie sagte, wir müssten ihn zur Rede stellen. Ich sagte: Nein, wenn ich jetzt mit ihm rede, bekommen es alle mit – nur er selbst weiß morgen von gar nichts mehr. Ich hatte grundsätzlich kein Problem damit, wenn die Kollegen und Kolleginnen es mitbekommen. Aber eine Szene auf der Tanzfläche? Das wäre der Sache einfach nicht gerecht geworden. Er sollte nüchtern sein und sich für die Sache schämen.

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Ein oder zwei Tage später zurück im Büro habe ich mich dann an den Schreibtisch gesetzt und meinem Chef eine E-Mail geschrieben. Ich habe ihm geschrieben, was passiert ist, dass der Vorfall unmöglich sei und er das Vertrauensverhältnis zwischen uns gefährdet. Wir kannten uns schon so lange! Niemand fasst mich an, außer ich möchte das – als Geschäftsführer ist er erst recht nicht in der Position, sich so etwas herauszunehmen.

Seine Antwort war noch schlimmer, als der eigentliche Übergriff

Ich habe ehrlich gesagt nicht mit einer Antwort gerechnet, weil er sehr konfliktscheu ist. Doch er schrieb mir eine E-Mail – und die war noch schlimmer als das, was eigentlich passiert ist: Er behauptete, er könne sich nicht mehr erinnern. Er schrieb, dass es natürlich unmöglich sei, sollte es so passiert sein – aber das wüsste er nun nicht mehr und er könne sich auch nicht vorstellen, dass es tatsächlich passiert ist. Wenn es so gewesen ist, tue es ihm leid für mich. Darüber habe ich mich wahnsinnig geärgert! Filmriss oder nicht: Ich denke mir so etwas doch nicht aus!

Ich habe dann in einer weiteren E-Mail noch einmal bekräftigt, dass der Vorfall genau so stattgefunden hat. Letztendlich habe ich seine halb gare Entschuldigung dann aber angenommen – in der Hoffnung, dass unser Verhältnis nicht weiter belastet wird. Den gesamten E-Mail-Verlauf habe ich auch an die Personalchefin weitergeleitet. Nicht mit dem Auftrag, etwas zu unternehmen – ich wollte aber, dass sie Bescheid weiß und dass nicht einfach alles unter den Tisch gekehrt wird.

Letztendlich war die Personalerin genauso wenig überrascht von dem Vorfall wie der Rest der Mitarbeiter, denen ich davon erzählt habe. Unser Chef ist bekannt dafür, den Kolleginnen hinterherzuschauen. Im Unternehmen arbeiten auffällig viele schlanke Blondinen. Er hat offensichtlich ein Beuteschema. Ein alter Mann, der seine Machtposition ausnutzt.

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Heute bin ich nach wie vor in dem Unternehmen tätig und würde auch wieder zur nächsten Weihnachtsfeier gehen. Mit meinem Chef spreche ich mittlerweile gar nicht mehr, aber unser Verhältnis war schon vorher nicht das beste. Das ist auch nicht schlimm, denn im Alltag habe ich keine Berührungspunkte mit ihm.

Wenn irgendwer meint, er dürfte mich anfassen, nur weil ich einen Rock trage, fange ich gerne eine Diskussion an.

Ich war wütend, ich habe mich geärgert und habe seit dem Vorfall überhaupt keinen Respekt mehr vor meinem Chef. Kein Stück. Herab gestuft gefühlt habe ich mich aber nicht. Ich bin selbstbewusst, es hat mir nicht in der Seele wehgetan. Ich habe einfach wieder nur einmal gesehen, was für ein Waschlappen er ist.

Ich fühle mich wohl in meinem Körper und ich zeige ihn auch gerne. Wenn irgendwer meint, er dürfte mich anfassen, nur weil ich einen Rock trage, fange ich gerne eine Diskussion an."

*Name von der Redaktion geändert. Protokolliert von Alisha Archie.

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Quelle: Noizz.de