Die #metoo-Aktion hat viele Männer verunsichert.

Flirten? Großartig! Komplimente? Ja bitte! Aber darf man das noch?

In aktuellen Debatten entsteht der Eindruck, Komplimente und Flirts fielen unter Belästigung, seien politisch nicht korrekt. Männer sind verunsichert, und das zurecht. Sie fühlen sich bevormundet und mit Vorurteilen konfrontiert.

Ein bisschen Hintergrundwissen: Es werden derzeit zwei verschiedene Sexismus-Debatten geführt und es ist wichtig, sie nicht zu vermischen.

1. Dem Filmproduzent Harvey Weinstein wird vorgeworfen, Jahrzehnte lang Frauen belästigt und vergewaltigt zu haben.

Daraus entspann sich im Internet die Aktion #metoo. Also „Ich auch“. Mit diesem Hashtag weisen Frauen auf Belästigung hin, die sie erfahren haben. Wir wollen zeigen, wie allgegenwärtig Belästigung ist (NOIZZ berichtete).

Nun wird daran gezweifelt, dass es heute noch viele solcher Vorfälle gebe. Wir reden doch schon so lang darüber – ist es nicht besser geworden? Ja, es ist besser geworden. Aber als Frau kann ich sagen: Es kommt noch immer vor. Regelmäßig. An jedem Tag werden gleich nebenan Frauen belästigt oder bedrängt. Und ja, an jedem Tag vergewaltigen Männer Frauen. Wir brauchen ein #metoday, ganz dringend.

Das ist die eine Debatte. Die zweite begann nach einem Vorfall bei einer Veranstaltung am Wochenende. Es ist wichtig, beide zu trennen, weil es hier um ein artverwandtes, aber doch anderes Phänomen geht: Wir haben alle irgendwie gelernt, dass Frauen nicht so viel drauf haben wie Männer: „Du kickst wie ein Mädchen“, „sei nicht so ein Mädchen“, „sei ein Mann”.

Nun zu dem Vorfall:

2. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli wurde bei eine Versammlung von ihrem Gastgeber nicht als Rednerin erkannt. Begründung: „Ich habe keine so junge Frau erwartet, und dann sind Sie auch noch so schön.“

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Jetzt wollen alle wissen: Darf Mann so was sagen?

So jung, so schön?

Klar!

So was darf Mann in einer Bar sagen, zu dem Menschen, mit dem er seit einiger Zeit flirtet, idealerweise sogar innerhalb eines richtigen Gesprächs.

So was darf Mann zu einer guten Freundin sagen, wenn sie bei einem kritischen Seitenblick in ein reflektierendes Schaufenster ertappt wurde.

So was sagt man nicht zu einer Staatssekretärin, die als Rednerin geladen ist.

Gesagt hat’s der ehemalige Botschafter Hans-Joachim Kiderlen, und ich bin überzeugt, dass er es freundlich gemeint hat. Entschuldigt hat er sich inzwischen auch. Aber ihm ist da gerade etwas verdammt Dummes passiert: Er wusste nicht, wie die Rednerin aussah. So was recherchiert man vorher. Hat er aber nicht. Vermutlich gibt’s Gründe, vielleicht hat er es in der Vorbereitung einfach vergessen. Egal, es ist passiert.

Seine Aussage ist ein Problem. „Ich habe keine so junge Frau erwartet, und dann sind Sie auch noch so schön“; dreht man ihm diesen Satz im Mund um, dann kann eine junge schöne Frau nicht Staatssekretärin sein.

Das hat er nicht gesagt.

Trotzdem sind solche Komplimente schädlich. Sie zementieren ein überholtes Frauenbild, nach dem Attraktivität und Intelligenz oder Leistung bei Frauen nicht zusammenpassen. So kann ein Kompliment genutzt werden, um ein Machtgefälle einzurichten: der smarte Typ, die sexy Frau. Er schlau, sie hübsch.

Bleibt die ganz alltagstaugliche Frage: Was darf man eigentlich noch? Bei Facebook provoziert der Schriftsteller, Blogger und Lehrer Gunnar Kaiser gern mit seinen Fragen, und dieses Mal hat er mich voll gekriegt. Und auch andere. Er fragte:

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Zwei Stunden später stehen mehr als 100 Antworten unter der Frage, kritisieren die Kritik an Komplimenten, sorgen sich um die Freiheit; von einer „Nazi Jagd“ auf Männer wird natürlich auch gesprochen. Gunnar Kaiser hat mit seiner Frage einen Nerv getroffen. Denn Menschen machen gern Komplimente. Und wir bekommen sie auch gern. Wir fordern sie sogar heraus.

Wir fühlen uns anderen intensiver verbunden, wenn wir ihnen etwas Gutes tun oder sagen; dieser Effekt ist psychologisch gut erforscht. Übrigens wirken wir in den Augen anderer kompetenter, wenn wir ihre Leistung loben. Ein Kompliment ist ein soziales Schmiermittel, das auch im professionellen Kontext funktioniert. Nur sollte es sich im professionellen Kontext auf professionelle Leistungen beziehen.

Level 2: Professionelle und persönliche Beziehungen mischen sich auch mal. Das ist gut so, jeder freut sich doch, wenn er Kollegen hat, die er mag. Dann wird das mit den Komplimenten aber plötzlich sehr schwierig.

Darf ich einer Geschäftspartnerin sagen, dass ihre die neue Frisur gut steht? Vielleicht will sie es sogar hören? Warum zieht sie sich schön an, wenn man sie dann nicht schön finden darf? Und woher soll ich als Mann wissen, ob ich ihr ein Kompliment machen darf oder soll oder muss oder ob ich dann ein sexistisches Schwein bin?

Berechtigte Fragen.

Es ist schwierig geworden, solche Situationen korrekt einzuschätzen. Wir Frauen fordern unser Recht auf Respekt und Distanz, damit machen wir es allen nicht-Arschlöchern ziemlich schwer. Und ziemlich viele Männer sind keine Arschlöcher.

Die Lösung für dieses Problem kann nicht sein, dass Frauen weniger fordern. Wir fordern genau das Richtige.

Gunnar Kaiser hat mir erklärt, wieso unsere Wahrnehmung so unterschiedlich ist: „Viele Männer fühlen sich durch ein Kompliment, das sich auf ihr Äußeres bezieht, eher aufgewertet – sie betrachten es als einen Wert, der zu ihrer vermeintlichen Kompetenz noch hinzukommt. Deswegen können viele Männer nicht verstehen, dass sich viele Frauen durch ein Kompliment eher abgewertet fühlen – als würde man sie auf das Äußere reduzieren.“

Obwohl das Kompliment keinesfalls abwertend gemeint war. Das Problem ist: Wir sind viel zu lange schon auf unser Äußeres reduziert worden.

Flirten und Komplimente sollen weiterhin ihren Raum bekommen, ohne sie wäre die Welt fade.

Wir brauchen dafür ein neues Feingefühl, weil vorher kein Feingefühl nötig war. Frauen hatten dankbar zu empfangen, egal ob Kompliment oder Machtdemonstration. Und übrigens lässt sich eine Machtdemonstration ausgezeichnet in einem Kompliment verstecken, bewusst oder unbewusst.

Dieser Kurzfilm des Australiers Neel Kolhatkar zeigt eine politisch-perfekt korrekte Welt. Sie ist total zum Kotzen.

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Ohne Feingefühl können wir in eine Unsicherheit hineingeraten, wie sie dieses Video ausgezeichnet beschreibt: Jeder wird Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Als sexistisch, rassistisch oder sonst wie politisch unkorrekt zu gelten.

Als Menschen sind wir dem aber gewachsen. Wir sind durchaus in der Lage, Emotionen zu lesen, Reaktionen zu interpretieren. Und wir können diese Fähigkeit trainieren. Schärfen. Viele Männer haben dieses Feingefühl schon längst. Aber nicht alle. Und nicht alle in dem Ausmaß, wie sie selbst denken.

Wir leben in einer Phase der Veränderung. Wer es ablehnt, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen oder die Wirkung von Worten und Taten zu hinterfragen, der wird es künftig schwer haben.

Die Welt wird gerade viel besser. Wir sind aber noch nicht fertig. Wir müssen uns an die neuen Spielregeln des Zusammenlebens noch gewöhnen, letzte Details verhandeln. Und die nötige Empathie entwickeln. Und bitte, lasst uns auf dem Weg dorthin nicht Männer zu Arschlöchern abstempeln, die gar keine sind. Das hilft uns nicht, das bremst uns nur.

  • Quelle:
  • Noizz.de