Peter Treichl ist Schlussmacher. Kein Scheiß, dieser Mann beendet Beziehungen für Geld. Die Idee kam ihm, als immer mehr Menschen in seine Partnervermittlung in Wien stolperten, die noch gar nicht getrennt waren. Warum also nicht einen weiteren Service anbieten und für Menschen mit deren Partner*in Schluss machen.

"Ich bin Peter Treichl und möchte gar nicht zu weit ausholen, tue es trotzdem, aber halte mich kurz. Nach meinem Hauptschulabschluss habe ich eine Lehre gemacht und bin professionell Rad gefahren. Viele Jahre habe ich als Profisportler verbracht, doch das Schicksal hat meinen Lebensweg umgelenkt. Ein schlimmer Unfall zwang mich dazu, den Radsport an den Nagel zu hängen. Ich stieg daraufhin in das Geschäft der Partnervermittlung ein, das ist jetzt 26 Jahre her. Heute bin ich 53.

Ich habe von Anfang an Wert darauf gelegt, meine Klient*innen persönlich kennenzulernen. Das hat sich bis heute nicht verändert. Ich führte eine Vermittlung von Adeligen, – die sind jedoch heute ausgestorben oder verarmt – eine christliche Partnervermittlung und gründete die erste Vermittlung für homosexuelle Menschen. Das polarisierte damals sehr und ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich an den Werbeslogan denke. "Auf WEN oder WAS Sie stehen, ist mir WURST" lautet der. Ich bekam übrigens damals Post von Conchita Wursts Anwalt, sie klagte auf Schadensersatz. Für mich ist "mir Wurst" jedoch eine ganz gebräuchliche Redewendung.

Sich neu verlieben ist die beste Medizin gegen Liebeskummer

Man mag meinen, dass klassische Partnervermittlungen wie meine heute nicht mehr funktionieren, weil das Angebot im Internet so groß ist. Dabei ist genau das das Problem. Das Angebot ist zu groß und die meisten Internetprofile sind Fake. Immer wieder kam es vor, dass Menschen sich neu verlieben wollten, sich aber von ihrem Partner noch gar nicht getrennt hatten. Hier kam mir die Idee der Trennungsagentur. Gesagt, getan, ich gründete eine.

Es hat beinahe zwei Jahre gedauert, bis man mich ernst genommen hat. Ich musste einiges an Kritik einstecken und bin zu Terminen gefahren, die keine waren, sondern als Spaß dienten. Ich habe irgendwann den Preis erhöht, um dem Angebot eine gewisse Seriosität zu verleihen. 390 Euro zahlt man bei mir für eine Trennung. Dieser Preis beinhaltet nicht nur, dass ich persönlich zu der Person fahre, von der sich getrennt werden möchte. Ich überbringe die Nachricht und einen kleinen Koffer. Dadrin sind Schokolade, ein Champagner, Taschentücher und ein Gutschein für meine Partnervermittlung. Was soll ich sagen, ich bin Geschäftsmann.

Champagner, Schokolade, Taschentücher und ein Gutschein für die Partnervermittlung sollen Ersthilfe leisten

Aber abgesehen davon sagt jeder Psychologe, dass die beste Medizin ist, sich neu zu verlieben. Nicht lange trauern oder hinterherlaufen, neu verlieben heilt die Seele. Ich übermittle aber nicht nur Trennungen, ich spreche auch Verwarnungen aus. Ich sage dann Dinge wie "wenn Sie nicht anfangen, mit Ihrem Partner zu sprechen, wird er sich von Ihnen trennen".

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Einen Schlussmacher zu beauftragen ist kein Armutszeugnis

Mir ist wichtig zu erwähnen, dass ich jede*n Einzelne*n vorher in einem persönlichen Gespräch kennenlerne. Ich möchte ganz genau wissen, wo das Problem liegt, warum sich die Person trennen will und ob es womöglich doch eine andere Lösung gibt – die Menschen haben nämlich verlernt, miteinander zu sprechen.

Ihr fragt Euch an diesem Punkt bestimmt, welcher Mensch einen anderen beauftragt, die eigene Beziehung zu beenden. Vielleicht ist das in Euren Augen ein Armutszeugnis. Sich von seinem*r Partner*in zu trennen, ist mit die schlimmste Sache der Welt. Oft haben die Menschen keinen Mut, diesen Schritt zu gehen oder haben Sorge, nicht die richtigen Worte zu finden. Manche haben vielleicht sogar Angst, weil ihr*e Partner*in stets aufbrausend reagiert. Wiederum andere haben einfach keine Kraft mehr. Ich selbst würde auch in Betracht ziehen, einen Schlussmacher zu engagieren, eine neutrale Person ist in einem derart emotionalen Konflikt oft hilfreich.

Es engagieren mich mehr Frauen als Männer

Ich möchte Euch etwas Spannendes verraten, die häufigste Reaktion auf mein Erscheinen ist nicht die Wut oder das blanke Entsetzen, sondern Erleichterung. 50 Prozent wünschen sich selbst eine Trennung und sind froh, dass das Prozedere flott überstanden ist. 25 Prozent kommen nach meinem Besuch wieder zusammen und 10 Prozent melden sich bei meiner Partnervermittlung an. Bleiben 15 Prozent, da sind dann auch Ausraster dabei oder vollkommene Sprachlosigkeit.

Was ich noch gar nicht erwähnt habe: In der Box ist auch ein Schlüssel für eine Abstandswohnung. Das ist vor allem bei Paaren sinnvoll, die zusammenwohnen. In diese Wohnung können die Verlassenen sich umgehend zurückziehen, um dem*r Ex-Partner*in an diesem Tag nicht mehr über den Weg laufen zu müssen. Eine Übernachtung ist in den 390 Euro enthalten, möchte der oder die Verlassene länger bleiben, bezahlt der, der verlässt. Während der Corona-Krise haben diese Abstandswohnung Wunder bewirkt. Viele Paare haben danach wieder zusammengefunden, während der Pandemie hatten sie einfach zu sehr aufeinander rumgehangen.

Tatsächlich engagieren mich mehr Frauen als Männer, meist Mitte 40. Die Kinder sind endlich aus dem Haus und die Liebe ist schon vorher ausgezogen. Ansonsten ist alterstechnisch alles mit dabei. Ganz jung und ganz alt.

"Schatzi, der Schlussmacher ist da!"

Nicht zu ganz alt, aber zu alt habe ich eine lustige Geschichte auf Lager. Es kam ein Mann über 70 zu mir ins Büro gestürmt, ohne Termin und mit der Bitte, die Ehe zu seiner Frau sofort zu beenden, er könne nicht mehr. Ich habe mich breitschlagen lassen und hörte mir an, was dieser Mann zu sagen hatte. Seine Frau spräche einfach nicht mehr mit ihm und das seit Jahren.

Ich fuhr an diesem Tag noch los. Es waren beinahe 40 Grad in Wien, meine Klimaanlage fiel aus und mein Navi ebenfalls. Auch wenn ich in Wien lebe, wird es nie möglich sein, mich überall in dieser Stadt auszukennen. Ich fuhr als endlos umher und war irgendwann in der richtigen Straße, ich erkannte das daran, dass der Herr, der vorher noch in meinem Büro gestanden hatte, in einem Vorgarten saß und las.

Ich parkte mein Auto und lief mit meinem Köfferchen auf das Haus zu. Als der Mann mich sah, rief er lautstark: "Schatzi, der Schlussmacher ist da!" Die Frau war gerade dabei, ein Tablett mit Kaffee rauszutragen. "Schatzi, ich glaube, wir müssen reden!", erwiderte sie.

Peter Treichl in seinem Trennungs-Flitzer

Einmal kam ein Mann mit einem nigelnagelneuen Auto vorgefahren. Ich solle die Beziehung zu seiner Partnerin beenden und ihr im selben Zug das Auto schenken, um sie zu besänftigen und ihr eine Freude zu machen. Das war dann quasi eine Exklusivtrennung – das kommt öfter vor. Einer meiner Klienten kam zum Gespräch direkt mit seiner Geliebten, weil er im Anschluss mit ihr in Urlaub fliegen wollte. Ich solle seiner Frau klarmachen, dass es vorbei sei und ihr einen Gutschein überreichen für einen dreiwöchigen Luxusurlaub. Die Frau hat diesen Urlaub nie angetreten.

Momentan ist es Trend, sich vom Geliebten zu trennen, statt vom Ehepartner

Ein ganz skurriler Fall ging neulich erst von einer jungen Dame aus. Sie führte eine Liebschaft mit einem verheirateten Mann. In Ihrer Anfrage wollte sie von mir wissen, ob ich auch die Ehe ihres Geliebten trennen könne, sie wolle ihn für sich alleine haben. Ich musste herzhaft lachen.

Ich glaube, als Schlussmacher muss man die Gabe haben, sich in Menschen hineinversetzen zu können, emphatisch reagieren zu können und einfach Freude an Menschen haben. Man braucht zusätzlich aber ein dickes Fell. Eine Dame flippte mal komplett aus, als ihr Geliebter sich doch für seine Ehefrau entschied und mich schickte, um ihr das zu sagen. Es ist irgendwie eine Modeerscheinung geworden, sich von seiner Geliebten zu trennen.

Matthias Schweighofer spielt den Schlussmacher nur auf der Leinwand

Übrigens, als damals der Film "Der Schlussmacher" von Matthias Schweighöfer in die Kinos kam, ging mir ziemlich der Arsch auf Grundeis. Ich hatte Sorge, dass nun vielen die Idee käme, als Schlussmacher zu arbeiten, aber ich sollte mich irren. Jetzt suche ich sogar jemanden für mein Franchise. Vor allem in Deutschland brauche ich Kolleg*innen, die auch für Geld Beziehungen anderer Menschen beenden wollen. Vielleicht ne Option?"

Quelle: Noizz.de