"Bei einem Menschen, der ohne Beine im Rollstuhl sitzt, musst du dir die Beine nur dazudenken."

Patricia ist 42 Jahre alt. Mit Anfang 20 ist sie von Polen* nach Deutschland gezogen, ein paar Jahre später fing sie an, hier als Escort zu arbeiten, wenig später spezialisierte sie sich auf Sex mit Menschen mit Behinderungen. NOIZZ hat sie erzählt, wie alles anfing – und wie sie angefangen hat, ihren Job zu lieben.

"Ich war damals verheiratet und die Lage war nicht gerade rosig, was das Geld angeht. Leider muss ich das so sagen. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie ich auf die Idee kam. Ich war auf einer Insel spazieren, und hab mir über dieses und jenes Gedanken gemacht. Ich brauchte Geld, um – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht zu verhungern. Dann kam mir dieser Gedanke: Ich könnte als Escort arbeiten.

Erst mal dachte ich nur daran, als 'Begleitung' zu arbeiten, doch als ich mich dann bewarb, erzählte mir die Geschäftsleiterin, dass der Job oft mit Erotik verbunden sei. Es sei kein Muss, aber ich müsste es erwarten und mich darauf einstellen können. Zuhause sprach ich das Ganze mit meinem damaligen Mann ab, und er sagte, es würde ihm nichts ausmachen. Ich dachte, wenn es ihm nichts ausmacht, dann versuche ich es einfach.

Meiner Familie habe ich nie offiziell gesagt, was ich mache. Aber ich glaube, sie ahnen es.

Mein erstes Date war super.

Ich traf mich mit einem Geschäftsmann, der wirklich sehr reich war. Er wollte mit mir ein schickes Dinner-Date, also bin ich losgerannt und habe mir ein Kleid gekauft. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wir haben schön gegessen, er war großzügig und sehr interessiert daran, wer ich bin. Er wohnte in einer wunderschönen Villa, und das Date ging direkt die ganze Nacht. Er war so nett und sympathisch, dass mir das überhaupt keine Mühe gemacht hat. Es war ein perfektes Date, wie man es sich im normalen Leben wünschen würde.

Von dieser Begegnung habe ich meinem Mann nie erzählt.

Er hat generell nie nach meinen Dates gefragt. Wir haben weder darüber gesprochen, noch wurde irgendetwas an Information verlangt. Er war Steuerfachangestellter, ich Escort. Heute sind wir getrennt, aber nicht wegen meiner Tätigkeit. Wir haben ein gutes Verhältnis.

Das erste Mal, als ich mich mit einem Menschen mit Behinderung traf, wurde ich ins kalte Wasser geschmissen. Es war als privates Treffen über eine Agentur vereinbart. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Oft weißt du vorher nichts über dein Date, außer vielleicht einen Namen.

Ich klingelte an der Tür, die Hunde bellten, und als die Tür aufging, saß dort ein Mann im Rollstuhl. Ich wusste davon vorher nichts, doch ich dachte mir, es wäre meine Berufung, nicht zu gehen, sondern dazubleiben. Wäre ich in diesem Moment gegangen, hätte es diesen Menschen unheimlich verletzt.

Der Mann war auf seiner linken Körperhälfte von oben bis unten gelähmt. Es war schwierig für mich, ihn von seinem Rollstuhl in sein Bett zu bekommen. Er hatte ein Wasserbett, was alles noch viel schwerer machte. Er war sehr korpulent, es war ein harter Anblick für mich.

Ich sprach erst mal mit ihm über seine Einschränkungen. Er sagte zu mir: 'Weißt du, die Leute denken, dass man kein Empfinden für Erotik hat, wenn man behindert ist.' Wenn ich jetzt an ihn zurückdenke, dann merke ich, dass wir Menschen, die uns uneingeschränkt bewegen können, uns über so etwas gar keine Gedanken machen. Nur weil ein Mensch gelähmt ist, sind seine Gefühle nicht ausgeschaltet. Sie brauchen trotzdem Nähe.

Danach habe ich mir gedacht, dass seine Worte sehr interessant waren. Irgendwie berührten sie mich auch. Ich dachte mir: Warum nicht? Warum könnte man sich nicht auch mit diesen Menschen auseinandersetzen?

Also fing ich an, als Sex-Escort für Menschen mit Behinderungen zu arbeiten.

Ich habe nie eine Schulung gemacht, um mich als Escort für Menschen mit Behinderungen zu qualifizieren. Ich lernte, einfach mit den Menschen zu reden, um zu wissen, was sie brauchen. Oft haben meine Kunden auch Betreuer. Mit denen setze ich mich vorher meistens zusammen und frage sie, inwiefern ich etwas machen beziehungsweise nicht machen kann.

Können sie sich bewegen, können sie selber ins Bett, können sie sprechen? Das sind Sachen, die ich vorher wissen muss. Manche Kunden können schwer oder gar nicht kommunizieren. Die schreiben dann mit ihrem Mund eine kleine Bedienungsanleitung für mich auf. 

Am schwierigsten ist es, wenn der Mensch gelähmt ist. Dann muss man Augenkontakt halten und so nachfragen, ob es gerade gut ist. Im Rollstuhl ohne Bein, Lähmungen, Blindheit, Zuckerkranke, Erektionsstörungen, Schizophrenie – das kommt alles vor.

Bei einem Menschen, der ohne Beine im Rollstuhl sitzt, musst du dir die Beine nur dazudenken. Ich sehe ihn nicht ohne Beine – für mich ist er vollständig da. Das macht es mir leichter. Wenn der Mensch sympathisch, nett und gepflegt ist, dann ist es für mich kein Problem.

Ich erinnere mich noch an einen jungen Mann, der war keine 30 Jahre alt. Die obere Hälfte seines Körpers war gelähmt. Er konnte sich noch nicht mal selbst befriedigen. Er meinte zu mir, dass er es sich eigentlich nicht leisten könne, einen Sex-Escort zu engagieren, aber dass er die körperliche Nähe einfach brauchen würde. Durch eine Spendenaktion konnte er dann erstmals eine Escort-Leistung bezahlen.

Ich habe mich nie vor einem meiner Klienten geekelt, aber man muss sich darüber bewusst sein, dass Menschen gewisse Gerüche haben, zum Beispiel, wenn sie sich Insulin spritzen. Mögen tue ich das nicht, aber wenn ich es weiß, dann kann ich damit umgehen.

Es ist kein Job für jeden.

Der eine backt lieber in der Backstube, der andere fährt mit dem Müllwagen, der dritte wird Arzt. Jeder soll der Berufung nachgehen, die er machen kann und die er liebt. Letztens habe ich eine Prostituierte im Fernsehen gesehen, die meinte, dass es nur Zwangsprostitution gäbe. Aber das stimmt nicht. Ich liebe das. Wenn ich es am Anfang nicht gemocht hätte, dann hätte ich damit aufgehört.

Ich halte mich für einen sehr einfühlsamen Menschen. Ich habe eine gewisse emotionale Intelligenz, ich kann mich gut in den Menschen hineinversetzen und ich spreche sie auf eine andere Art und Weise an. Ich nehme sie anders wahr. Ich sehe kein Stück Elend im Rollstuhl, sondern ein lebendiges Wesen, das eine Seele und ein Herz hat und das so schön ist, wie es eben ist. Warum soll ich das bedauern? Es ist sein Leben, und man muss es hinnehmen.

Du musst im Job lernen, Grenzen zu ziehen. Du willst für deinen Klienten da sein, aber musst mental bei dir bleiben. Viele Menschen verfallen in Mitleid, doch das geht gar nicht. Denn im Endeffekt ist ein Mensch mit gewissen Einschränkungen immer noch ein Mensch – und das darf man nicht vergessen."

* Herkunft von der Redaktion geändert. Protokolliert von Luisa Hemmerling.

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Quelle: Noizz.de