In Berlin steht ein Wohnhaus, dessen Bewohner*innen es rechtmäßig erworben haben und für sozial-verträgliche Preise vermieten. Das Haus ist für die Bewohner*innen eine Oase und unterstützt die Gemeinschaft mit sozialen Projekten. Trotzdem soll es nun geräumt werden – was steckt dahinter?

Im rot-belichteten Bad im vierten Stock der Wartenbergstr. 22 kann man beim Duschen durch das Fenster die knallgelbe Berliner Ringbahn sehen, wie sie verlässlich alle fünf Minuten ihre Runden dreht. Dahinter steht der stumme, graue Fernsehturm, mit seinen roten Blinklichtern, die alle paar Sekunden zwei Mal aufblitzen. In der Küche hängt ein riesiger gemalter Fisch unter der Decke, im Garten hängt ein Trapez. Momentan ist hier alles noch in Bewegung. Die Dusche läuft, die Küche riecht nach frischgekochter Tomatensoße, das Trapez schwingt noch in Erinnerung seines letzten Einsatzes. Doch das könnte sich alles bald ändern.

Denn die Bewohner*innen der Wartenbergstraße 22 müssen Ende des Jahres das Gebäude räumen – ein vorläufiges Urteil, das ohne Prozess erteilt wurde. Die Geschichte der "Wartenburg", wie die hier Lebenden ihr Zuhause liebevoll nennen, ist eine Geschichte voller euphorischer Hochs und zermürbender Tiefs. Jetzt soll ihr Schicksal bald entschieden sein. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Bewohner*innen der Wartenburg

Warum soll das Wohnhaus in Berlin geräumt werden?

Die Wartenburg ist ein fünfstöckiger Berliner Altbau, der im Bezirk Berlin-Lichtenberg steht. Seitdem er 1893 gebaut wurde, ist er ein ganz normales Wohnhaus. Mehrere Jahrzehnte später stand es weitestgehend leer, weil die Pläne eines Autobahnbaus Investoren davon abschreckten, das Haus zu renovieren und zu vermieten. Vor vier Jahren wurde es schließlich von ein paar Freunden gekauft, die auf der Suche nach einem gemeinsamen Zuhause waren. Carsten hatte das Haus von der Ringbahn aus entdeckt, man könnte sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Er und die anderen kauften das Haus und renovierten es aus eigenen Kräften, mittlerweile vermieten sie die restlichen Zimmer an Freunde und Bekannte. Ein großes Zimmer kostet 250 Euro inklusive Wasser, Gas, Heizung, Internet, ein Kleines 200 Euro. Manche bekommen auch im Gegenleistung für Bauarbeiten am Haus ein Zimmer. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was du sonst für ein vergleichbares Zimmer in Berlin zahlen würdest.

>> Der Kampf um Berliner Wohnungen: Warum Enteignung eigentlich gar nichts bringt

In Berlin wird die Wohnungsknappheit in politischen Debatten immer wieder als wichtiges Problem thematisiert, ausgiebige Pläne zum Bauen von Wohnraum werden geschaffen. Trotzdem will das Stadtplanungsamt die Bewohner der Wartenburg raushaben. Der Grund: Ihr Haus steht in einem Gewerbegebiet und hat keinen Bestandsschutz, um als Wohngebäude geduldet werden. Sie behaupten sogar, es sei noch nie ein Wohngebäude gewesen – eine Behauptung, die der Richter in dem Fall dem Amt erst mal geglaubt hat. Die Fakten sehen anders aus.

"Lichtenberg ist einer der Stadtteile mit der meisten Gewerbeflächen, und den wenigsten Gewerben", erzählt mir Ruwen am Telefon. Er ist mit Carsten einer der Käufer*innen des Hauses und kann die Entscheidung des Stadtplanungsamts nicht nachvollziehen. Deswegen stecken sie schon lange in einem Gerichtsprozess gegen das Amt. Das Amt sagt, das Gebäude können kein Bestandsschutz bekommen, da es vom kurzfristigen Leerstand bis zum Kauf der Freundesgruppe überwiegend leer stand. Ruwen und die anderen Kläger*innen sagen allerdings, dass das nicht relevant sei, da es davor fast hundert Jahre bewohnt war, und danach nur mehr oder weniger leer stand, weil ein Autobahnbau geplant war (der noch immer aussteht, weshalb vermutlich noch ein jahrzehntelanger Gerichtsprozess ansteht).

Wer ist gegen die Wartenburg?

Die Stadt Berlin will nämlich eigentlich keine Autobahn bauen. Auch das links-politische Bezirksamt Lichtenberg ist eigentlich dazu geneigt, die Wartenburg stehen zu lassen. Doch das Stadtplanungsamt wird geführt von der SPD – und der ganze Streit um die Wartenburg wird zu einem politischen Flex-Duell.

Mittlerweile hätte sogar der zuständige Richter in ihrem Fall signalisiert, dass er die Auffassung der Wartenburg-Bewohner*innen teile, so Ruwen. Doch der endgültige Prozess steht noch aus, und wird wegen Corona nun noch weiter aufgeschoben. Trotzdem sollen die Wartenburg-Bewohner*innen das Haus schon mal vorsichtshalber räumen – obwohl sie noch kein Prozess verloren haben. Sollten sie gewinnen, was gar nicht so unwahrscheinlich scheint, dürfen sie wieder rein. Doch bis dahin soll das Haus leerstehen – und könnte damit demselben Schicksal wie seinem Nachbarhaus erliegen: Die Wartenbergstraße 21.

Die Wartenbergstraße 21 ist wie die unglückliche Schwester der Wartenburg. Auch sie stand seit Anfang der neunziger Jahre leer, wurde dann von einer Frau gekauft, die es 2005 auf eigene Kosten komplett renovierte, um es zu vermieten. Das wurde ihr dann allerdings verboten. Weil sie nach den Renovierungen auch kein Geld hatte, sich dagegen zu wehren, ging sie aufgrund fehlender Einnahmen privat insolvent. Zwei Jahre später starb die Besitzerin, 2018 wurde das frisch renovierte, bewohnbare Wohnhaus nach einer unbekannten Brandstiftung abgerissen.

Wird es der Wartenburg besser ergehen?

Die Wartenburg hat eine andere Zukunft, so hoffen die Hausbewohner*innen. Denn schlussendlich ist viel mehr als nur ein Wohnhaus. Sie ist eine Gemeinschaft für kreative Menschen, die sich gegenseitig unterstützen. "Hausbesetzer" sind keine Menschen, die keine Miete zahlen wollen. Die Bewohner der Wartenburg sind Freunde, die sich gemeinsam um das Haus kümmern, das rechtmäßig ihnen gehört, "eine gesamtverantwortliche Gruppe", wie Jule, eine der Hausbewohnerinnen, sagt.

Die Wartenburg

Jule wohnt seit eineinhalb Jahren in der Wartenburg. Ihr Partner ist Carsten, im November bekamen die beiden ihr Baby Cléo zusammen in der Wartenburg, es war "das erste Kind der Burg", erinnert sich Jule, "alle haben für uns gekocht und uns Sachen vorbeigebracht, es war eine ganz schummrige Zeit".

Während Corona haben die Hausbewohner*innen eine Infektionsgemeinschaft gegründet. Jeder kümmerte sich um jeden, versuchte, den Arbeitslosgewordenen Jobs zu vermitteln und sich gegenseitig zu helfen, wo man nur konnte. Für Ruwen war es eine der schönsten Zeiten in der Wartenburg. "Plötzlich hat jeder seine ganze Hingebung dem Haus gewidmet. Ein Handwerker hat hier seine Werkstatt aufgebaut, eine Zirkusartistin dort ihr Trapez. Jeder hat sein Kreativ-Space genommen, und das hat Spaß gemacht".

Das Haus hat auch einen Frauenförder-Fond, mit dem sie ein Zimmer für Frauen in Projektphasen umsonst zur Verfügung stellen. Sie planen Sprach-Lern-Partys, um Deutsch-Arabische Tandempartner*innen zu vermitteln, sie stellen ihre Fassade für Kunstaktionen zur Verfügung. Damit machen sie kein Geld, es geht ihnen um die Sache.

Was passiert mit den Bewohner*innen der Wartenburg?

"Wir wollen was Sinnvolles im Leben tun. Nicht nur irgendwas arbeiten und irgendein Hobby haben, sondern auch mal abends zusammen sitzen und euphorische Ideen haben, die uns alle weiterbringen", erzählt mir Jule.

Im Angesicht der bevorstehenden Räumung fühlt sie sich ohnmächtig. Alle Menschen in Machtpositionen, die ihnen helfen wollen, können ihn dann irgendwie doch nicht mehr helfen, und als Bürger*innen gegen ein Amt zu klagen, ist ein David-gegen-Goliath-Kampf. Mithilfe einer Petition versuchen die Hausbewohner*innen nun, auch von der Öffentlichkeit Unterstützung zu bekommen.

Sollten sie wirklich bis Januar rausmüssen, ist Jules einzige Wohn-Alternative momentan ihr altes Hausboot, das steht in der Rummelsburger Bucht. Für ihre mittlerweile dreiköpfige Familie wird es dort allerdings eng. Ruwen könnte zwischenzeitlich in seinem Wohnmobil wohnen, langfristige Lösungen sind das allerdings für beide nicht. Die größten Verlierer*innen sind jedoch die, die nicht zu den Hauskäufern gehören, sagt Ruwen. Denn für den Preis der Wohnungen in der Wartenburg werden sie nirgendwo sonst in Berlin etwas finden.

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Quelle: Noizz.de