Wenn du ein 6-Wochen-Programm absolvierst.

Tinder, OkCupid und Bumble. Meist sind es vor allem Dating-Apps, die einem als unglücklicher Großstadt-Single (was immerhin 49 Prozent der Berliner Bevölkerung ausmacht) ständig empfohlen werden. Die Online-Partnersuche scheint für Großstädter mittlerweile das gängige Mittel zu sein, um gegen das Alleinsein anzugehen.

Was aber, wenn man fleißig auf diesen Plattformen unterwegs ist und trotzdem Single bleibt, obwohl man es wirklich, wirklich nicht sein möchte? Was, wenn man mit dem klassischen Brigitte-Ratschlag „Du musst dich erst selbst lieben, bevor sich jemand in dich verliebt“ so gar nichts anfangen kann, weil man sich selbst schon ziemlich toll findet und nicht verstehen kann, warum andere das nicht auch tun?

Ich bin 24, wohne seit etwas über einem Jahr in der deutschen Hauptstadt, und meine letzte Beziehung liegt mehr als sechs Jahre zurück. Sage ich, dass ich Single in Berlin bin, bekomme ich oft nicht mehr als eine „Ich weiß gar nicht, woran das bei dir liegt“-Rede und selten weniger als einen „Das wird schon“-Blick. Dabei spürt man deutlich, dass der Vibe in Berlin ein anderer ist: Die Stadt ist groß, anonym und unverbindlich. Zwischen Sex-Eskapaden im Berghain, dem schnellen Tinder-Dreier und Alltagsaffären passt er nicht rein, der Wunsch nach einer festen Beziehung. Viele fühlen sich hier schon crazy, wenn sie sich auf einen 3-Monats-Arbeitsvertrag festnageln lassen, von einem Partner ganz zu schweigen.

Warum klappt es bei allen anderen, nur bei mir nicht?

Früher dachte ich, dass ich vor allem Single sei, weil ich immer viel mit meinem Studium beschäftigt war und gefühlt jedes halbe Jahr in eine neue Stadt gezogen bin. Mittlerweile habe ich einen Job, der mir Spaß macht, ich habe mich hier lange und gut eingelebt, und trotzdem ist, bis auf ein paar flüchtige Affären und eine Handvoll Dates, nicht wirklich viel passiert.

Um etwaige Nerdprobleme direkt auszuschließen: Ich sehe normal aus, style mich gern, bin extrovertiert, gehe viel feiern und habe einen großen, tollen Freundeskreis. Ich kann Smalltalk und Deeptalk (wobei das fairerweise von meinem Alkoholpegel abhängt) und bin weder Mauerblümchen noch krasser Vamp. Und ich muss ehrlich gestehen: Ich weiß nicht, warum der größte Teil meiner Freunde mittlerweile in Beziehungen sind und es bei mir nicht so recht klappen will.

Von meiner zugegebenermaßen wachsenden Ratlosigkeit getrieben, beginne ich eines Abends zum Thema „Single in Großstädten“ zu recherchieren, bis ich auf der Homepage von „Frag Marie“ hängenbleibe, einem Online-Dating-Coachprogramm. Der Programm dauert sechs Wochen lang, kostet rund 300 Euro und richtet sich an alle Geschlechter – wobei, wie ich später rausfinden soll, hauptsächlich Frauen bei „Frag Marie“ mitmachen.

Ich melde mich spontan an. Ich will sehen: Klappt's bei mir vielleicht mit einem Dating-Coach?

Bei „Frag Marie“ funktioniert das so: An jedem Wochentag gibt es eine E-mail mit neuem Coaching-Input, der durch Videos, Aufgaben und Tipps angereichert ist. Zusätzlich gibt es eine Facebook-Gruppe in der sich alle Teilnehmenden austauschen und helfen können. Auch an Marina Mernke, die Gründerin des Programms, kann man sich bei Fragen jederzeit wenden.

Marina hat eigentlich mal Betriebswirtschaftslehre studiert. Als sie gegen Ende ihrer 20er feststellte, dass sie den Großteil davon unfreiwillig ohne Partner verbracht hatte, beschloss sie, sich auf eigene Faust mit dem Thema „Singlesein“ auseinanderzusetzen. Viele Recherchestunden, Studien-Diagramme und Seminare bei Singleberatern später hat Marie nicht nur ein Online-Programm entwickelt, in dem sie ihre Erkenntnisse zur Verfügung stellt. Sie ist auch selbst in einer festen Beziehung gelandet.

Ready, set, go

Aber zurück zu mir – und zu „Frag Marie“. In der ersten Woche muss ich mich erst einmal daran gewöhnen, dem Umstand – oder sollte ich sagen: dem Problem –, dass ich Single bin, so viel konstante Aufmerksamkeit zu schenken. Aber Marie lässt nicht locker: Jeden Morgen holt sie mich mit einer E-Mail aus dem Bett. 

Manche Aufgaben sind lustig, manche finde ich unnötig, manche dringen so tief in Erlebtes ein, dass es schmerzhaft wird. Einige Tage später habe ich ein erstes Aha-Erlebnis:

Es wird erklärt, dass es vor allem Zwiespältigkeit ist, die viele Singles von einer möglichen Zweisamkeit abhält. Einerseits sehnt man sich nämlich intensiv nach einer Beziehung, andererseits investiert man viel zu wenig Zeit in die Suche. Die Essenz ist, sich aktiv für die Partnersuche zu entscheiden, seine Prioritäten neu zu ordnen und sein Liebesleben ruhig in die Kategorie „wichtig“ zu sortieren. Oder anders: Wenn man sich intensiv auf Jobsuche befindet, verschickt man ja auch nicht nur alle drei Monate eine Bewerbung. Simpel, aber: Ja, ich fühle mich ertappt.

Von Blockaden und Boykott

„In 99 Prozent der Fälle sind wir selbst dafür verantwortlich, dass wir Single sind“, erklärt mir Marie einige Tage später. Gut, das sollte sie auch so sehen. Würde sie nicht propagieren, dass es an einem selbst liegt, wäre ihr eigenes Kursangebot obsolet. Aber wie Marie ihre Aussage begründet, leuchtet ein: „Meist sorgen unsere Ängste für Blockaden. Zum Beispiel habe ich damals extra weggeschaut, wenn ich einen hübschen Typen an der Ampel entdeckt habe. So etwas grenzt oft schon fast an Selbstboykott.“

Diese Ängste haben ihre Wurzel in Erlerntem und Erlebtem. Sie schwirren nun als „negative Glaubenssätze“ umher und sorgen dafür, dass man sich auch so verhält, als würden sie stimmen. So kann man potentielle Partner auf Abstand halten. Mal verliebt man sich deshalb immer wieder in Personen, von denen man schon vorher weiß, dass es mit ihnen keine Zukunft gibt, weil diese bereits vergeben sind oder – huch! – in Australien leben. Ein andermal findet man partout alle doof, die Interesse an einem bekunden.

In der ersten Hälfte des Kurses geht es deshalb hauptsächlich um das eigene Ich sowie die konkrete Eliminierung der Blockaden, bevor es in der zweiten Hälfte um praktische Tipps zur künftigen Partnersuche und der konkreten Umsetzung geht.

Playing hard to get or hard to like

Ist man dann bereit, wieder ins Dating-Game zu starten, sieht Marie auch in den Onlineplattformen gute Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen. Hierzu wird auch in der Facebook-Gruppe immer wieder hitzig diskutiert. Eine Teilnehmerin hat über mehrere Tage mit einem vielversprechenden Herren über Tinder geschrieben, bis dieser sich ganz plötzlich nicht mehr meldete. Nun ist sie ziemlich geknickt und gibt der Anonymität des Internets die Schuld.

„Auch wenn ich in eine Bar gehe, kann ich mal einen Korb bekommen“, sagt Marie. „All dies, auch das Thema Ghosting, gehört zum Dating dazu. Man muss es sportlich sehen.“

Das größte Missverständnis zum Thema Daten sei aber immer noch, dass das klassische „Kein Interesse zeigen“ etwas bringt, findet Marie. „Manche machen sich rar und warten bei jeder Nachricht extra lange, bis sie zurück schreiben. Das Problem ist einfach, dass man damit immer nur die Falschen anzieht“, so die Dating-Trainerin. Das wiederum kann ich aus eignen Erfahrungen bestätigen: Auch ich habe inzwischen schnell keine Lust mehr auf Konversation, wenn mein Gegenüber sich zu jeder Antwort ziert und ich den Papst schneller auf ein Bier treffen könnte, weil „der Kalender mal wieder so wahnsinnig voll“ ist. 

>> Mehr zum Thema: Tindert es sich in Berlin wirklich besser als im Uni-Kaff?

Mein Fazit und ein komischer Deckel

Mit der Zeit merke ich verstärkt, dass Marie nicht nur den Aktionismus in mir weckt; der entromantisierte Blick auf die Liebe und die teils bescheuerten Mechanismen, die sie mit sich bringt, tun mir auch gut. Sukzessive gewinne ich mehr Klarheit darüber, was genau ich eigentlich suche. Ich gehe in diesen Wochen auf mehrere Dates und bekomme sogar – und das passiert mir super selten – auf einer Veranstaltung eine Telefonnummer zugesteckt. Ob das am absolvierten Kurs liegt? Schwer zu sagen.

Insgesamt würde ich sagen, dass der Coach und seine Gebühr eine gute Investition sind, wenn man bereit ist, wirklich entwaffnend ehrlich zu sich selbst zu sein. Sozusagen sechs Wochen konstante Selbstreflexion. Hinterher versteht man dann besser, warum man die Dinge tut, wie man sie tut. Diesem Verhalten aber mithilfe der Tipps aktiv entgegenzusteuern, ist eine Aufgabe, für die es ohne Frage mehr als sechs Wochen braucht.

Meine Zeit mit „Frag Marie“ waren für mich weniger eine professionelle psychologische Beratung als viel mehr ein weintrunkenes Gespräch nachts um zwei mit der Mitbewohnerin in der WG-Küche.

Und Marie?

Der Kurs ist ein eindeutiges Zeichen dafür, wie groß der Beratungsbedarf von Singles ist. Immerhin kann Marie von ihrer Coaching-Seite leben. Ihr Angebot wird rege genutzt. Bei ihr landen halt viele, die sich danach sehnen, endlich den oder die Richtige zu finden. Die verdammte Großstadt-Einsamkeit endlich besiegt zu haben. Sich mit Leuten zusammen zu tun, denen es ähnlich (schlecht) geht.

Hier bin ich jedoch eher die Ausnahme: Die Facebook-Gruppe ist ein buntes Treiben an verqueren Beziehungskisten, die irgendwie aus irgendeinem Grund nicht funktionieren (logisch, sonst würde man ja keinen Rat benötigen). Und das zieht mich hauptsächlich runter. Einige Tage nach Beginn des Kurses beschließe ich daher, nicht mehr in diese Gruppe reinzuschauen. Just not my scene.

Über Berlin lerne ich, dass dieses Fleckchen Großstadt genauso viele unbeständige Menschen wie tolle Chancen birgt, jemanden kennenzulernen. Die Rate der unbeständigen Bindungsängstlichen steigt also potentiell zu den coolen Leuten, könnte man wohl sagen. Und während auf dem Land die Wahl der Personen eingeschränkt ist, kann man hier viel besser jemanden finden, mit dem man auch gleiche Interessen und Überzeugungen teilt. Man muss halt nur suchen. Denn, und da lässt Marie auch nicht mit sich verhandeln: „Hoffnungslose Fälle gibt es nicht. Auch für die komischsten Menschen findet man einen komischen Deckel.“

Wer jetzt Interesse bekommen hat: Hier geht's zum kostenlosen „Frag Marie“-Podcast für Singles.

Quelle: Noizz.de