Die eskalierten G20-Proteste 2017 sorgten für einen Ausnahmezustand bei der Polizei – der für einzelne unschuldig Verhaftete verhängnisvolle Folgen hatte. Die Jurastudentin Freya ist eine von ihnen – und schilderte NOIZZ die Verkettung unglücklicher Zufälle, die zu ihrer Verhaftung und einem ereignisreichen Tag im Gefängnis führten: Bis zum Showdown im Gerichtssaal. Ein Protokoll.

Drei Jahre nach dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg steht fest: Die Proteste und gewaltsamen Ausschreitungen damals waren eine Wendepunkt in Deutschland. Brennende Autos, Attacken auf aber auch teilweise von Polizist*innen und Blockaden von Demonstrant*innen versetzten das Land für mehrere Tage in Schockstarre. Doch der Ausnahmezustand führte auch zu Einzelschicksalen, die in ihrer Ungerechtigkeit unter normalen Umständen so wahrscheinlich niemals stattgefunden hätten.

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Die 22-jährige Jurastudentin Freya Müller, die selbst aus einer Juristen-Familie kommt und unschuldig festgenommen wurde, sagt: "Ich hätte niemals gedacht, dass es hinter den Kulissen SO abläuft. Doch was mir passiert ist, macht mich zu einer besseren Anwältin."

Freyas Geschichte handelt von unglücklichen Zufällen, folgenschweren Verfehlungen der Polizei – aber auch ungeahnter Freundlichkeit aus ihren Reihen. Freundlichkeit, die BIPoCs in vielen Fällen vermutlich nicht erleben, wie Freya selbst reflektiert. Welch erschreckende Erfahrungen sie machen musste und warum das White Privilege während ihrer Verhaftung vielleicht sogar ausnahmsweise mal ein Nachteil war, erzählt sie hier:

Vorfreude auf G20

"Die ganze Sache hat sich eine Woche nach meinem 19. Geburtstag abgespielt, ich hatte ein Jahr zuvor Abitur gemacht. Zu dem Zeitpunkt habe ich seit einem Dreiviertel Jahr als Aushilfskraft in der Zeitschriftenbranche in Berlin gearbeitet. Und das Unternehmen, für das ich gearbeitet habe, hat kurzfristig noch jemanden gesucht, der oder die nach Hamburg fährt, um ein paar Fotos für Social Media zu machen. Und weil ich Verwandtschaft in Hamburg habe und es kurz nach meinem Geburtstag war, habe ich mich natürlich sofort freiwillig gemeldet.

Der Plan war also: Morgens früh hinfahren, maximal zwei Stunden Fotos machen und dann direkt zu meinen Verwandten, die sowieso in einem geschützten Viertel leben, in dem auch von den Protesten nichts mitzukriegen war.

Vor kurzer Zeit habe ich erst erfahren, dass mein Vater am späten Vorabend noch bei seinem guten Freund angerufen hatte, der mein Chef war, und ihm sagte, er solle mich nicht nach Hamburg fahren lassen. Mein Vater hatte schon ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache. Aber ich war natürlich Feuer und Flamme und wollte mich ein bisschen ins Getümmel stürzen – schließlich wollte ich zu der Zeit noch Journalistin werden. Die Tickets zur stornieren stand für mich also gar nicht zur Debatte.

Explosive Stimmung in Hamburg

Am Tag, als die ganze Sache passierte, Samstag dem 8. Juli 2017, stieg ich also um 8 Uhr früh in den Zug und aß eine Brezel, die ich mir im Bahnhof gekauft hatte. Diese eine Brezel wird später noch wichtig. Um 9:30 kam ich am Hamburger Hauptbahnhof an. Und die Stimmung war da schon richtig angespannt, die Luft war zum Schneiden dick. Der Tag war grau, aber fast unerträglich warm und am Himmel kreisten Polizeihubschrauber. Außer der Polizeiautos war niemand auf den Straßen.

Hamburger Polizisten während der G20-Demonstrationen

Am Hauptbahnhof habe ich mich mit zwei externen Dienstleistern getroffen, einem Fotografen, der schätzungsweise um die 60 war und einem jungen Mann, etwa in meinem Alter, der ebenfalls für die Presse arbeitete und von außerhalb kam. Wir drei stiegen ins Auto und wollten zunächst Fotos von den großen Sehenswürdigkeiten in Hamburg mit dem Logo meiner Zeitschrift davor schießen. Nach dem Motto "Wir waren auch während G20 hier". Unser erster Halt sollte das Hamburger Rathaus sein, das nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Gleich danach hätte ich schon zu meiner Familie gehen können.

Vorm Rathaus beginnt der Albtraum

Aber so weit sollte es nicht kommen. Zum Rathaus waren alle Zugänge gesperrt, bis auf eine kleine Seitenstraße. Und im Nachhinein denke ich mir: Das hätte einen stutzig machen können. Man hätte sich fragen können: Warum ist nur die kleine Einbahnstraße nicht gesperrt? Aber wir haben uns natürlich nur gefreut und uns gedacht: Das wird schon seine Gründe haben. Dann sind wir da rein gefahren und haben halb auf dem Bürgersteig geparkt, um die Fotos zu schießen. Aber direkt, nachdem der Fotograf und ich unsere erste Fotos gemacht hatten, kamen vier oder fünf Polizeibeamte auf uns zu und sagten: "Sie dürfen hier gar nicht rein, das ist eine gesperrte Straße, hier soll nachher eine Delegation lang fahren und Sie blockieren den Weg."

Wir haben haben natürlich gesagt, dass wir sofort wegfahren, unsere Fotos hatten wir ja sowieso. Aber die Polizisten wollten, dass wir uns in unser Auto setzen. Das haben wir natürlich gemacht und erstmal abgewartet. Ab dem Moment habe ich mich schon ein wenig unwohl gefühlt und meinen Vater angerufen, der Richter. Ich habe gesagt: "Wir sind hier irgendwie in eine unglückliche Situation geraten, was rätst du mir – und was haben wir überhaupt falsch gemacht? Er sagte, dass wir auf jeden Fall kooperieren sollten und so nichts passieren könne.

Anschließend sagten uns die Polizisten, dass wir auf den Rathausplatz rauf fahren sollten, was wir auch taten. Wir sollten ihnen unsere Personalausweise zeigen und nach etwa fünf Minuten haben sie uns bedeutet, aus dem Auto auszusteigen – mein Vater blieb die ganze Zeit am Telefon. Da standen wir also zu dritt direkt auf dem leeren Rathausplatz und mit drei Polizisten neben uns, die aufpassen sollten, dass wir nicht weglaufen. Die erzählten uns, dass schon am Vortag einige Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus gelandet waren und erklärten uns damit ein bisschen die angespannte Situation. Dann kam aber ein weiterer Polizist, der anscheinend ranghöher war und entscheiden sollte, was jetzt mit uns passiert.

"Wir sperren dich gleich weg!"

Der nahm uns erstmal die Handys ab, was mich so aufbrachte, dass ich anfangen musste zu weinen. Unter Tränen erklärte ich ihm, dass wir gar nichts gemacht hätten und auch direkt wegfahren würden. Seine Erwiderung war: "Wir sperren dich gleich weg!". Dann ging er wieder weg und die drei Polizisten neben uns beruhigten mich ein bisschen. Dass wir wirklich weggesperrt würden, war für mich in dem Moment eine völlig absurde Vorstellung. Meine Sorge war es gar nicht, im Knast zu landen, sondern dass das Auto konfisziert würde und der junge Journalist, dem es gehörte, dadurch Schwierigkeiten bekommen würde.

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Nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit kam der ruppige Polizist wieder und sagte: "Wir nehmen Sie in Gewahrsam". Da musste ich erstmal lachen. Das kling jetzt komisch, aber ich dachte, er würde einen Witz machen, nach dem Motto: "Jetzt werdet ihr weggesperrt. Nein, Spaß, ihr könnt natürlich nach Hause." Bei einer Verhaftung zu lachen, weil ich sie für so unwahrscheinlich halte, ist natürlich etwas, dass Leute in weniger privilegierten Positionen niemals tun würden, das weiß ich heute selbst. Und dennoch: Es war mein erster Impuls. Dass ich gelacht habe, hat den Polizisten aber total provoziert und er sagte: "Hier wird nicht gelacht, Hände an den Polizeiwagen, jetzt durchsuchen wir euch erstmal." Die drei Beamten durchsuchten uns und entschuldigten sich dabei auch und waren sehr höflich und vorsichtig.

Fahrt ins Gefängnis

Dann ging alles sehr schnell: Die Polizisten nahmen uns in diesen Sicherheitsgriff und führten uns in einen vergitterten Wagen. Wir konnten nicht sehen, wo wir lang fuhren, aber es dauerte sehr lange, bestimmt eine Dreiviertelstunde. Irgendwann kamen wir auf einem riesigen Parkplatz an und wurden in ein großes graues Gebäude gebracht, das sehr nach Behörde aussah – es war eine sogenannte Gefangenensammelstelle, in der ich, wie sich später herausstellte, noch eine lange Zeit verbringen sollte.

Dort wurden wir jeweils in eine Kabine gebracht – und ich musste jedes einzelne Kleidungsstück ablegen, das ich am Körper hatte und ihnen geben. Auch den BH und meine Unterhose, aber die habe ich später zumindest wiederbekommen. Außerdem wurde mir meine Tasche abgenommen und alles, was sich darin befand, wurde dokumentiert. Das war ungefähr um 12 Uhr.

Mit Aufklebern wie diesem wurden Freyas Klamotten markiert - dieser klebt noch immer in ihrem Schuh

Durchsuchung und Leibesvisitation

Bei der Durchsuchung und Leibesvisitation hatte ich großes Glück, weil die Frauen, die das bei mir durchführten, sofort merkten, dass in meinem Fall irgendetwas schief gelaufen sein musste, das ich wirklich fehl am Platz war. Als sie merkten, wie verstört ich war, versicherten sie mir, dass ich mir keine Sorgen machen brauche und dass sie schauen würden, ob sie etwas für mich tun könnten. Und das taten sie auch: Sie sorgten dafür, dass ich umgehend einen Telefontermin und eine Einzelzelle bekam. Wenn ich mit anderen Gefangenen in eine Zelle gesteckt würde, würde ich untergehen, sagten sie mir. Einerseits kann ich wirklich von Glück reden – diese Behandlung wird wahrscheinlich nicht vielen zuteil – andererseits hätte ich mir später fast gewünscht, nicht in einer Einzelzelle zu sitzen. Aber dazu später mehr.

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Dann wurde ich in einen Raum gebracht, in dem viele altmodische Telefone mit Kabeln standen. Da hieß es, ich dürfe eine Person meiner Wahl anrufen und einmal meinen Rechtsanwalt. Da habe ich gesagt, ich rufe nur meinen Vater an, der ist Jurist. Also wählte ich die Nummer sagte ihm ganz gefasst: "Es ist etwas wirklich Unglückliches passiert – aus der Situation von Vorhin ist eine Festnahme geworden und sie haben mich jetzt in Gewahrsam gebracht. Ich muss aber nur bis 18 Uhr dableiben und mein Zug zurück nach Berlin geht um 19:30, das schaffe ich. Ich fahre dann direkt zu euch nach Hause und ihr könnt ja schon mal Pizza bestellen."

Uhr 18 Uhr in die Freiheit?

Mein Vater war völlig baff, aber lang konnten wir nicht reden, weil die Schlage hinter mir lang war. Dann wurde ich in die Zelle gebracht – und habe erstmal geweint. Vor Angst, vor Schock, vor Verzweiflung, aber vor allem aus Hilflosigkeit. Außerdem wusste ich gar nicht, was ich in den vielen Stunden bis 18 Uhr machen sollte. Die Beamten hatten mir gesagt, dass ich da wahrscheinlich freigelassen würde, weil die G20-Sitzungen an dem Tag um die Uhrzeit enden sollte. Keine schöne Perspektive, aber es wahr immerhin eine.

Ich weinte ungefähr zwei Stunden am Stück, bis ich mich beruhigt hatte. Meine Zelle war ein komplett weißer Raum ohne Fenster. Das einzige, was es gab, waren fünf kleine Gitterstäbe über der Tür. Sonst nichts: Kein Stuhl, kein Bett, kein Tisch. Aber es gab eine Klingel, die man läuten konnte, wenn man auf Toilette wollte und tat ich mehrmals. Zuerst wurde man für den Toilettengang in den Zellen-Vorraum gebracht, wo einem Handschellen angelegt wurden und wo auch die Schuhe (ohne Schnürsenkel wegen Suizid-Gefahr) standen.

Freya durfte nur in Handschellen zur Toilette

Toilette für Hepatitis-Patienten

Der Gang zur Toilette war demütigend: Man musste einmal quer durchs Gefängnis zu einem Außenbereich, wo externe Toiletten standen. Zuerst waren sie nach "männlich" und "weiblich" getrennt, aber irgendwann nur noch nach "Hepatitis-Patient" und "Nicht-Hepatitis-Patient". Es war nicht schön, hat aber Abwechslung gebracht. Deshalb bin ich ungefähr alle 45 Minuten aufs Klo gegangen.

Ein Zeitgefühl hatte ich überhaupt nicht, aber aus meiner Akte weiß ich, dass um 16:45 ein LKA-Beamter zu mir kam, der wegen der Ausnahmesituation mit der Sonderfunktion ausgestattet war, staatsanwaltliche Pflichten übernehmen zu dürfen. Dieser Beamte sagte mir, dass entschieden wurde, dass ich nicht einfach um 18 Uhr gehen darf, sondern, dass ich erst zum Richter muss und der dann entscheidet, ob ich bleiben muss oder nicht. Und wie lang das mit dem Richter dauern würde, könnte man noch nicht sagen. Auf den Termin mit dem Richter würden sehr viele warten, manche säßen schon seit gestern hier.

Pure Verzweiflung

Da bin ich natürlich aus allen Wolken gefallen und war richtig schockiert. Ich hätte nur noch eine Stunde und 15 Minuten durchhalten müssen. Es wäre nicht mehr lang gewesen und meine Laune war immer besser geworden: Ich hatte angefangen Liegestützen zu machen, zu singen und auf meine Entlassung hin zu fiebern. Aber die Vorstellung war jetzt geplatzt. Dafür durfte ich noch einmal telefonieren – obwohl mir erst verweigert werden sollte, dass ich meinen Vater anrufe, weil man seinen "Anwalt" (ich hatte vorher gesagt, er sei "Jurist") nur einmal anrufen darf, wurde es mir schließlich doch erlaubt. Diesmal war ich zu zittrig, um die Nummer eigenhändig zu wählen. Alle Dämme bei mir brachen und ich weinte am Telefon einfach nur noch. Mein Vater antwortete: "Freya, mach dir keine Sorgen, wir sind mit dem Auto schon fast in Hamburg. Wir haben Gerd E. (Name von der Redaktion geändert) angerufen und der kümmert sich." Gerd ist einer der renommiertesten Strafverteidiger Hamburgs und ein guter Freund der Familie. Auch hier hatte ich Glück im Unglück – manche der Insassen konnten nicht so schnell einen Anwalt aus dem Hut zaubern, erst recht keinen so renommierten, was ich sehr zu schätzen weiß.

Anwalts-Gespräch im Container

Als ich zurück in meiner Zelle war, fragte ich ständig nach meinen Eltern und Gerd, aber es passierte lange Zeit nichts. Um 20 Uhr war er endlich da und ich durfte in einem abgetrennten Container mit ihm sprechen. Und das erste, was er sagte war: "Hey Freya, ich saß gerade mit deinen Eltern zusammen und denen geht es gut." Das war natürlich eine riesige Lüge, aber so beruhigte er mich sehr gut. Es war das, was ich in dem Moment hören musste.

Dazu kam aber, dass ich an dem Tag noch nicht mehr als eine Brezel gegessen hatte und noch nichts getrunken – dafür aber zwei Stunden geweint hatte, mehrmals in der Stunde auf Toilette gegangen war und Liegestützen gemacht hatte. Ich war am Ende meiner Kräfte. Gerd ordnete deshalb sofort an, dass ein Arzt in meine Zelle kommen durfte und ich mit Wasser versorgt wurde.

Aggressive Zellengenossin

Ab dem Zeitpunkt bekam ich alle dreißig Minuten Wasser in einen Styropor-Becher gegossen, der sich nach kurzer Zeit auflöste, weshalb das Wasser auf den Zellenboden floss. Das kam mir aber gar nicht so ungelegen: Vor lauter Langeweile malte ich mit dem Wasser einfach kleine Bilder auf den Boden. So verrückt das auch klingt: Man freut sich über JEDE Beschäftigung.

Sogar über die verrückte Zellengenossin, die mir versehentlich zugeteilt wurde. Die Frau war ungefähr zehn Jahre älter als ich und hatte ein dickes, blaues Auge. Die machte Terror, das glaubt man gar nicht! Sie brüllte die Leute aus der Zelle heraus an, hämmerte gegen die Tür, lehnte sich gegen die Klingel, sodass es durchgehend bei den Wärtern klingelte. Von mir nahm sie komischerweise gar keine Notiz. Als aber bemerkt wurde, dass ich, die ja eigentlich niemanden in der Zelle haben sollte, ausgerechnet sie in der Zelle hatte, wurde sie direkt in eine andere Zelle verlegt. Später habe ich gehört, dass die Frauen in anderen Zellen ungefähr zu sechst saßen. Ich war einerseits dankbar, weil ich ein bisschen Angst vor ihr hatte und meine Zuteilung in eine Sonderzelle als außergewöhnliche Bevorzugung empfand – andererseits, war es ohne sie wieder langweilig.

Der Schock zwischendurch

Plötzlich standen drei ganz formell angezogene Männer vor meiner Tür, die mir sagten: "Wir nehmen sie jetzt mit, damit Fingerabdrücke und Fotos von ihnen erstellt werden können." Ich war ganz erschrocken, weil das ja bedeutet, dass über die Person eine Akte angelegt wird, dass man als wirklich gefährlich gilt. Ich war total perplex. Dann wurde ich in ein großes Büro geführt, in dem auch ein Pult stand, auf dem Fingerabdrücke genommen werden. Die Männer kündigten an: "Wir haben hier die Gefangene Müller." Ein anderer Mann sah ganz verwundert auf und erwiderte: "Sie sind aber nicht Dennis Müller, oder?". Und ich nur: "Ähm nein." Die hatten einfach nur auf den Nachnamen geschaut, sich aber bei der Zellennummer vertan. Dann lachten alle – ich vor allem vor Erleichterung von dem Schock – und ich wurde zurück in die Zelle geführt. Das war ungefähr um halb zehn.

Herablassende Polizistinnen

Und am späten Abend, so gegen elf, kamen drei junge Frauen Polizeiuniform – nicht viel älter als ich – in meine Zelle und brachten mir eine kleine Schale mit Suppe. Und die Frauen selbst hatten total fancy Essen dabei und haben angefangen, mich auszufragen: "Was willst du überhaupt mit deinem Leben machen?". Und ich habe geantwortet: "Ich will Jura studieren und Menschenrechtsanwältin werden oder vielleicht Journalistin". Deren Antwort: "Du weißt schon, dass du das hiernach nicht mehr kannst? Wer einmal in Gewahrsam war, kann nicht mehr Jura studieren." Natürlich habe ich denen gesagt, dass ich schon längst für den Studiengang angekommen wurde und dass das nicht sein könne. Aber die guckten mich so herablassend an, dass ich irgendwann sagte, ich hätte keinen Hunger mehr, damit sie endlich weggehen.

Und das Schlimmste an der Sache war, dass ich die ganze Zeit dachte: "Ich bin doch eine von euch: Meine ganze Familie arbeitet für die Justiz, Richter, Anwälte, Staatsanwälte, ich will selbst Jura studieren. Ich stehe hinter der Justiz, ich habe überhaupt keine Probleme mit der Polizei und bin auf der gleichen Seite wir ihr." An dem Punkt wurde mir klar, welch herablassende Behandlung Gefangene teilweise ertragen müssen – und bei mir ging es "nur" um ein Jurastudium.

"Keine Abrechnung mit der Polizei"

Immer wenn ich diese Geschichte erzähle, ist es mir ganz wichtig, zu sagen: Das ist keine Anklageschrift und keine Abrechnung, sondern nur eine Geschichte. Aber wenn mich etwas verletzt hat an diesem Tag, dann waren es diese Polizistinnen, von denen ich mir eigentlich erhofft hatte, dass sie mich verstehen und sehen. Sehen, was wirklich in mir steckt und was vorher auch schon viele von ihren Kollegen erkannt hatten.

Ein Riesendrama gab es dann noch später in der Nacht, als sich herausstellte, dass meine Akte auf dem Weg ins Gericht verloren gegangen war. Ohne die hätte es gar keinen Prozess geben können. Es war also Nacht, ich wusste nicht, wann ich aus dieser Zelle rauskommen würde und die hellhörigen Wände verhinderten, dass ich die Augen zu machen konnte, um mich auszuruhen. Zwar gab mir ein sehr netter Mitarbeiter eine Decke, aber alle dreißig Minuten öffnete ein Wärter die schwere, knarzende Tür und brüllte: "MÜLLER!?, woraufhin ich immer antwortete, dass ich noch am Leben sei. An Schlaf war nicht zu denken.

Showdown im Gerichtssaal

Um drei Uhr morgens kamen endlich drei Beamte zu mir. Sie legten mich in Handschellen und führten mich auf den Gefängnishof. Es war stockdunkel, das einzige, was ich sehen konnte, war der Maschendrahtzaun der vom Flutlicht angestrahlt wurde. Es war wirklich kalt und ich hatte nur dieses dünne, weiße T-Shirt an.

Dann wurde ich zu einem improvisierten Gerichtsgebäude geführt – und da standen plötzlich meine Eltern. Und eines muss man sagen:

"Wenn du Eltern hast, die Richter sind, ist das wahrscheinlich einer der demütigendsten Momente in deinem Leben".

Ohne BH, von drei LKA-Beamten umringt, in Handschellen um drei Uhr nachts im Flutlicht auf einem Gefängnishof zu stehen. Meine Eltern haben direkt geweint, als sie mich gesehen haben und wollten mich in die Arme schließen – das durften sie aber nicht.

Die Beamten führten meine Eltern und mich in das Gerichtsgebäude und nach kurzem Warten durften wir im Gerichtssaal Platz nehmen. Und plötzlich – obwohl ich nicht geschlafen und den bisher schlimmsten Tag meines Lebens hinter mir hatte – war ich plötzlich ganz klar im Kopf. Ich wusste: Das wird jetzt mein Moment. Ich bin mit Richtern groß geworden, die Justiz ist quasi mein zu Hause, meine vertraute Umgebung. Ich dachte mir: Jetzt erzähle ich die Geschichte und der Richter wird sagen: "Tut mir Leid, dass Sie das erlebt haben, da ist ja wirklich ganz viel schief gegangen. Bitte verlieren Sie nicht Ihren guten Glauben und studieren Sie trotzdem Jura."

Was aber tatsächlich passierte, ist der zweite Punkt, bei dem ich im Nachhinein immer noch denke: Das war wirklich eine Enttäuschung. Der Richter bat mich, die ganze Geschichte zu erzählen, was ich auch tat. Von vorne bis hinten, vom Job-Auftrag bis zum Gefängnis. Und als ich fertig war sagte der Richter: "Das finde ich jetzt aber nicht so glaubwürdig."

Ich fiel aus allen Wolken. Meine Eltern ebenfalls, sie mussten sich wirklich bändigen, um dem Richter nicht gleich auf den Tisch zu springen. Ich versuchte ruhig zu bleiben und fragte den Richter, was genau denn nicht glaubwürdig sei, welche Stelle ich weiter ausführen solle.

Der folgenschwere Fehler wird gelüftet

Und da stellte sich heraus: Einer der Beamten, die uns festgenommen hatten, hatte notiert, dass wir einen Fluchtversuch unternommen hätten. Bis heute frage ich mich, was genau diese Notiz veranlasste – während der gesamten Festnahme hatte ich schließlich meinen Vater am Telefon, dessen Anweisung, bestmöglich zu kooperieren ich und meine Kollegen befolgten. War es der Fakt, dass der Fotograf und Fahrer unseres Autos auf dem Rathausplatz aus Verwirrung in die falsche Richtung gelenkt hatte, was er nach Anweisung der Polizei sofort korrigierte? Wir wissen es nicht. Fakt ist: Ohne die Notiz des angeblichen Fluchtversuchs wäre ich niemals so lange in der Gefangenensammelstelle festgehalten worden.

Zum Glück äußerten sich meine Eltern und sagten, dass sie extra aus Berlin angereist seihen, um mich abzuholen. Sie würden mich ohne Umwege aus Hamburg schaffen. Die LKA-Beamtin in Funktion eines Staatsanwalts beantragte aber ernsthaft, dass ich bis Ende des G20-Gipfels – also bis Montag – noch inhaftiert bleiben sollte. Aber in einem richtigen Gefängnis, wo alle Täter sitzen. Damit hatte ich natürlich überhaupt nicht gerechnet. Während der Entscheidungsfindung des Richters mussten wir vor der Tür warten und drehten innerlich fast durch.

Entscheidung des Richters

Als wir wieder hereinkamen, verkündete der Richter, dass er den Antrag auf Freiheitsentzug der Staatsanwaltschaft ablehnen würde. Letztendlich mit der Begründung, dass meine Eltern vor Ort seien und mich zurück nach Berlin bringen würden. Auch wenn er in meinen Aussagen Glaubwürdigkeitsmängel sehen würde, gehe er davon aus, dass von mir keine weitere Bedrohung ausgehe, da ich umgehend in Berlin zurück sei. Um vier Uhr nachts war der ganze Albtraum also vorbei. Ein Gerichtsverfahren in der Nacht ist natürlich nicht die Regel, aber während G20 war insgesamt vieles anders.

Am Ende holten meine Eltern und ich meine Sachen ab, die mir am Anfang abgenommen worden waren. Nach der Autofahrt waren wir schließlich um 7 Uhr morgens am Sonntag zurück zu Hause und der Spuk war vorbei.

Gefühlschaos am nächsten Tag

Am Sonntag wachte ich um 12 Uhr auf – mit einem Gefühl, als wäre ich total verkatert. Ich wusste überhaupt nicht, was ich empfinden sollte und fühlte mich wie im Delirium. Ich überlegte sogar, ob ich die ganze Geschichte veröffentlichen sollte, entschied mich aber dagegen, weil ich einfach nur noch damit abschließen wollte. Ein überraschendes Schreiben, das mir mitteilte, dass gegen mich Ermittlungen aufgenommen würden, zerschmetterte mein Anwalt zum Glück sofort, damit hatte auch der rechtliche Teil ein Ende.

Bessere Anwältin durch Knast-Erfahrung

So viel an diesem Tag auch schief ging – meine Pläne, Jura zu studieren, zog ich durch und will auch heute noch Anwältin werden. Im Nachhinein denke ich sogar: Ich bin sehr behütet aufgewachsen und kannte immer nur die eine Seite – nämlich die Justiz. Im Hinblick auf meinen Werdegang als Anwältin im Strafrecht, weiß ich jetzt aus eigener Erfahrung, worum es geht. Ich weiß, was man einem Menschen damit antut, gegen ihn eine Freiheitsstrafe zu verhängen – auch wenn ich nur einen Vorgeschmack davon bekommen habe und mir nach der Festnahme (hauptsächlich) eine bevorzugte Behandlung erfuhr. Ich weiß, wie sich jemand fühlt, über dessen mögliche Haftverlängerung gerade entschieden wird. Für meine berufliche und persönliche Entwicklung war es eine wirklich wertvolle Erfahrung. Sie macht mich zu einer besseren Anwältin.

Im Nachhinein habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, ob der Tag noch schlimmer verlaufen wäre, wenn ich eine andere Hautfarbe oder keine Eltern gehabt hätte, die Zeit und Geld gehabt hätten, mich aus Hamburg abzuholen. Letzteres trifft wahrscheinlich zu – doch ich glaube, dass das White Privilege, das ich sonst habe, mir zumindest bei der Festnahme zum Verhängnis wurde: Das Stereotyp der G20-Täter war nun mal das von weißen Wohlstands-Kids, die "mal ausbrechen" wollten. In dieses Muster fiel ich exakt rein. Unter anderem auf diesen Umstand führe ich beispielsweise die Festnahme, so wie die zunächst abweisende Haltung des Richters zurück.

Doch was man festhalten muss, ist: Die Einzelzelle, der vorgezogene Platz beim Telefonieren, die Decke – auch wenn es der bisher schlimmste Tag meines Lebens war, hätte er – würde ich nicht gewisse Privilegien genießen, die auch einige der Polizisten in mir sahen – sicherlich noch schlimmer sein können. Darüber bin ich mir im Klaren und möchte schlimmeren Erfahrungen mit der Polizei und dem Gefängnis mit meiner Geschichte keinesfalls ihre Wahrheit absprechen.

Und die beiden Kollegen?

Zu den Schicksalen des Fotografen und des jungen Journalisten an dem besagten Tag weiß ich keine Details. Aber vom Fotografen, der ja schon etwas betagter war, weiß ich, dass er in Haft aus gesundheitlichen Gründen ohnmächtig wurde und ins Krankenhaus gebracht wurde. Danach musste er nicht mehr zurück in Haft. Der junge Journalist wurde kurze Zeit nach mir freigelassen – etwa um sechs Uhr früh. Ihm war zugute gekommen, dass ich im gleichen Fall schon freigelassen worden war. Auch gegen die beiden wurden wegen des Schreibens meines Anwalts die Ermittlungsverfahren eingestellt.

Quelle: NOIZZ-Redaktion