Eine "reine" und "unschuldige" Frau* hat vor der Ehe kein Sex – und wenn sie Sex hat, dann reißt ihr Jungfernhäutchen und sie blutet. Warum dieser gängige Mythos Quatsch ist und noch nicht mal der Name Jungfernhäutchen wirklich Sinn macht.

Um gleich provokant einzusteigen: Das Jungfernhäutchen ist weder eine Haut, noch haben es nur Jungfrauen. Laut der feministischen Organisation "Pinkstinks" ist das Jungfernhäutchen nur ein Konstrukt, dass junge Frauen* unterdrückt. Tatsächlich trägt das Konzept des Jungfernhäutchens zu einer Scham bei, die jungen Frauen* vermittelt wird, die zum ersten Mal Sex haben wollen. Denn eine Frau* soll züchtig sein und nur für einen einzigen Mann die Beine breitmachen – so die beliebte Narrative der Vergangenheit, die die Sexualität von Frauen* jahrhundertelang unterdrückte. Nur mäßig werden Frauen* auch als sexuelle Wesen akzeptiert, doch der Mythos des Jungfernhäutchens bleibt bestehen.

Also mal Klartext: Was ist das Jungfernhäutchen überhaupt?

Das "Jungfernhäutchen" in dem Sinne nicht wirklich ein Stück Haut, sondern ein sogenannter "Schleimhautsaum", der sich extrem dehnbar die Vaginalöffnung umrandet. Der kann sich ausweiten und zusammenziehen und in manchen Fällen auch reißen, zum Beispiel beim Fahrradfahren, Turnen, Tampon-Benutzen oder beim Sex. Kann – muss aber nicht. Jedes Hymen, wie das Jungfernhäutchen auch genannt wird, sieht komplett anders aus. Es kann breit gefächert und löchrig sein oder einen feinen Ring um die Vagina bilden, schmal und lang oder kurz und breit sein. Komplett geschlossen ist sie allerdings nur in den absolut seltensten Fällen – bei höchstens 0,02 Prozent aller Frauen*, so die Ärztin Eva Rudolf-Müller per "netdoktor".

Reißt das Jungfernhäutchen beim ersten Geschlechtsverkehr?

N. E. I. N. Beziehungsweise ja und nein. Es kann unter Umständen reißen – muss aber nicht! Es kann sich auch einfach nur ausdehnen oder schon vorher von einer anderen Aktivität eingerissen worden sein. Eine Frau*, die nach ihrem ersten Geschlechtsverkehr nicht blutet, ist keine Lügnerin, die in Wahrheit schon mit hundert Männern geschlafen hat – sondern eine ganz normale Frau*. Selbst eine Gynäkolog*in kann im Nachhinein an keinem biologischen Merkmal in der Vagina feststellen, ob eine Frau* schon Sex gehabt hat oder nicht.

Außerdem ist das Reißen des Hymen beim ersten Geschlechtsverkehr eine ziemlich heteronormativ geprägte Idee. Schließlich ist Penetration nicht der einzige Weg, als Frau* Sex zu haben.

Warum gibt es den Mythos um das Jungfernhäutchen?

Der Mythos um das Jungfernhäutchen hängt wohl zusammen mit der Erwartungshaltung an Frauen*, bis zu ihrer Heirat Jungfrauen zu sein. Von Frauen* wurde lange eine "Reinheit" erwartet, die ihren Wert als Braut erhöht hat. Der Wert einer Frau* wurde also daran bestimmt, mit wie vielen Männern sie geschlafen hat.

Symbolbild: Sex

Im Mittelalter gab es sogar Frauen*, die sich kleine Fischhaut-Kapseln gefüllt mit Fischblut in die Vagina gesteckt haben, bevor sie das erste Mal Sex hatten. Diese Kapsel sollte beim Sex platzen und garantiert Blut auf dem Bettlaken hinterlassen. In anderen Regionen, wie beispielsweise im Osten der Türkei, war (und teilweise ist) es sogar üblich, das blutige Bettlaken nach der Hochzeitsnacht vors Haus zu hängen. Das führte dazu, dass sich Frauen* teilweise Rasierklingen unter ihrer Achsel versteckten, mit der sie sich nach der Hochzeitsnacht ein paar Tropfen Blut abzapften und aufs Bettlaken rieben – damit auch allen weiter vorgegaukelt wird: Jungfernhäutchen müssen beim ersten Geschlechtsverkehr reißen und ordentlich bluten.

Heutzutage gibt es sogar Operationen, die ein gerissenes Jungfernhäutchen wieder zusammenflicken. Als Hauptgrund für diese OP gaben Frauen* laut einer niederländischen Studie von "pro familia medizin" an, bei der Hochzeitsnacht bluten zu wollen. Doch selbst nach dem chirurgischen Eingriff berichteten nur zwei von 19 Befragten, dass sie während ihrer Hochzeitsnacht geblutet hätten.

Ein Jungfernhäutchen muss beim ersten Mal nicht reißen oder bluten

Mythos Jungfernhäutchen – nur das Resultat fehlender wissenschaftlicher Auseinandersetzung?

Zu behaupten, die falschen Annahmen über das Jungfernhäutchen wären einfach nur das Produkt fehlender wissenschaftlicher Erkenntnisse einer anderen Zeit ist naiv. Denn der Mythos eines Jungfernhäutchens ist (so wie viele Erwartungen an Frauen*) das Produkt einer vom Patriarchat geprägten Denkungsart. Der Mythos hilft dabei, Frauen* als verletzlich darzustellen und sie in eine passive Rolle zu schieben, dessen sexuelle Vergangenheit bei jedem Geschlechtsverkehr direkt aus dem Bettlaken gelesen werden kann. Außerdem war das blutige Bettlaken eine Kontrollinstanz für Männer, dass neun Monate später nicht das Kind eines anderen Mannes aus "ihrer Frau" herausgekrochen kommen würde, welches später seinen Besitz erben würde.

Feministische Blogs wie "Einhorn" nennen das Jungfernhäutchen auch ein "soziokulturelles Konstrukt des Patriarchats". "Pinkstinks" beschreibt, dass es beim Jungfernhäutchen um "Macht und Kontrolle über weibliche Sexualität" gehen würde. Schließlich ist auch nicht die Rede von "Jungmännlichkeit", erklärt das Magazin als Vergleich. Für Männer gibt es keine strenge Erwartungshaltung, Sex vor ihrer Ehe zu haben, und auch zwischendurch sind sie nicht weniger "rein", wenn sie sich mal einen Seitensprung erlauben. "Boys will be boys", wie man im Englischen so schön sagt, und was so viel bedeutet wie: Männer dürfen sich ohne Entschuldigung alle Freiheiten nehmen, die sie wollen, denn so sind sie eben.

  • Quelle:
  • NOIZZ.de